»Oh wie mir mein Kopf brennt – ich kann gar nicht mehr denken,« sagte die Frau und preßte ihre Stirne mit beiden Händen, – »am Ende werd ich noch krank.«
»Mach Dir keine Sorge mein Herz,« beruhigte sie aber der Mann, »morgen wird schon Alles wieder besser – wieder ganz gut sein. – Gute Nacht, mein Kind. –«
»Gute Nacht, Theodor,« sagte die Frau – legte sich auf die Seite und war auch in wenigen Minuten fest und sanft eingeschlafen.
Sechstes Capitel.
Die Begegnung.
Am nächsten Morgen, wo aber Auguste völlig gesund und mit keiner Ahnung des Geschehenen, nur mit etwas Kopfschmerzen erwachte, ging Bertling in aller Früh zu seinem Hausarzt, um diesem das Vorgefallene mitzutheilen. Er hatte ihm schon früher einmal von der fixen Idee Augustens gesagt, der Doctor nahm das aber damals – vielleicht auch nur um den Mann nicht zu beunruhigen – außerordentlich leicht und versicherte ihn, daß solche Fälle gar nicht etwa vereinzelt daständen. Es sei ein Blutandrang nach dem Kopf und viel Bewegung in freier Luft – vielleicht auch eine blutreinigende Kur das Beste dagegen. Keinesfalls sollte er sich Sorgen deshalb machen. – Heute jedoch, als der Arzt die Phantasien dieser Nacht erfuhr, in denen der »graue Mann« auch wieder seine Rolle gespielt, zeigte er sich schon bedenklicher und meinte, Gefahr sei nur in so fern vorhanden, daß die Phantasie der Kranken ihr noch einmal – und also zu dem gefürchteten dritten Mal – die Gestalt des Mannes im grauen Rock vorspiegeln könne, ehe man im Stande sei sie zu überzeugen, daß die erste Erscheinung weiter Nichts als ein Phantasiebild, die zweite aber ein wirklich menschliches Individuum gewesen sei – wie das aber zu thun, ohne daß man des Grauen habhaft werde, vermöge er nicht abzusehen, und daß der Graue nicht zu bekommen war, das wußte der Justizrath besser als irgend Jemand in der Stadt. Welche Mühe hatte er sich deshalb nicht schon gegeben und welchen Erfolg damit erzielt? – es war wirklich zum Verzweifeln.
Der Doctor versprach übrigens im Lauf des Vormittags bei der Justizräthin vorzusprechen, um sich selber einmal von ihrem Gesundheitszustand zu überzeugen. Vielleicht ließ sich dann auch das Gespräch – natürlich mit der gehörigen Vorsicht – auf das eigentliche Krankheitsobjekt lenken und möglich, daß ja doch die Vernunftgründe eines Dritten und völlig Unparteiischen irgend einen wohlthätigen Einfluß auf sie ausüben konnten.
Bertling seufzte tief auf, denn er am Besten fühlte das Trügerische einer solchen Hoffnung, aber was anderes ließ sich thun und auch dieser Versuch mußte gemacht werden, wenn er auch nicht das Geringste davon erhoffte. Er fürchtete sich aber, lange von zu Haus fortzubleiben, denn er wußte nicht, wie sich Auguste heute morgen nach der furchtbaren Aufregung der letzten Nacht befinden würde. Er bat also den Doctor seinen Besuch nicht zu lange zu verschieben und schritt dann sehr niedergeschlagen und den Kopf voll trüber, wirrer Gedanken die Straße hinab, in der Richtung seiner eigenen Wohnung zu. Er achtete dabei auch gar nicht auf die ihm Begegnenden und erst als Jemand an ihm vorüber ging, der ihn grüßte, faßte er unwillkürlich an seinen eigenen Hut und warf einen flüchtigen Blick auf ihn, ohne sich jedoch in seinem Gang aufzuhalten. Im Weiterschreiten fiel ihm aber der fast schüchterne Gruß des vollkommen fremden Mannes auf – wo hatte er nur das Gesicht – wie ein Messerstich traf es ihn plötzlich ins Herz – das war der Graue und mit dem Gedanken schon fuhr er auch herum und zurück, ihm nach – daß er dabei gegen eine alte würdige Dame anrannte und sie beinah über den Haufen geworfen hätte, fühlte er kaum, hielt sich wenigstens nicht einmal lange genug, auch nur zu einer Entschuldigung auf, denn mit peinigender Angst erfüllte ihn in dem Moment der Gedanke, daß ihm der Fremde wieder wie damals, selbst unter den Händen weg entschwinden könnte. Wenn er jetzt irgendwo in ein Haus getreten wäre – wenn er die nächste Quergasse erreicht hätte – nein – Gott sei ewig Dank – dort ging er noch und mit wenigen hastigen Schritten war er an seiner Seite.
Der Fremde, als er Jemanden neben sich halten sah, schaute auch zu ihm empor und der Justizrath hätte laut aufjubeln mögen, als er in dem ihm zugewandten Gesicht wirklich den Besuch von jenem Abend erkannte, dessen Züge sich ihm in der Zwischenzeit oh, nur zu scharf und deutlich eingeprägt. Er war aber auch fest entschlossen, den Mann jetzt nicht wieder los zu lassen, bis er ihn seiner Frau gebracht, und wenn er nicht gutwillig ging, ei dann hätte er selbst die Polizei zu Hülfe gerufen, sogar auf die Gefahr hin eine Klage wegen unverschuldeter Gefängnißhaft gegen sich anhängig gemacht zu sehen.
Der Fremde sah dabei etwas erstaunt, ja bestürzt zu ihm auf, denn er ebenfalls hatte den Justizrath gleich beim ersten Begegnen wieder erkannt und begriff jetzt natürlich nicht, was der Mann eigentlich von ihm wolle. Dieser ließ ihm aber nicht lange Zeit darüber nachzudenken und fast unwillkürlich die Hand auf seine Schulter legend (denn wenn er es sich auch nicht selber gestehen mochte, war es doch ein fast unbewußtes Gefühl, das ihn leitete, sich vor allen Dingen zu überzeugen, er habe es wirklich mit einem körperlichen Wesen zu thun), sagte er freundlich:
»Entschuldigen Sie, mein Herr, aber – hatte ich nicht das Vergnügen, Sie vor einiger Zeit einmal Abends auf ganz kurze Zeit bei mir zu sehen? – Ich bin der Justizrath Bertling – wenn Sie sich auf meine Person nicht mehr besinnen sollten?«