Der Mann schien etwas verlegen und sah den Justizrath fast wie scheu an; endlich stotterte er:

»Ich weiß in der That nicht –«

»Ich will Ihrem Gedächtniß zu Hülfe kommen,« fuhr aber der Justizrath in der neu erwachenden Angst fort, daß der Mann leugnen könnte oder er sich doch am Ende in der Person geirrt, »meine Frau kam damals gerade nach Haus und von einem leichten Unwohlsein ergriffen, wurde sie in der Thür ohnmächtig. Sie besinnen sich gewiß.«

»Herr – Herr Justizrath,« stammelte der Mann »ich – ich – kann nicht recht begreifen –«

Bertling, der nicht ohne Grund fürchtete, der Mann könne Bedenken tragen, sein damaliges rasches, und allerdings etwas rätselhaftes Verschwinden einzugestehen, denn wie konnte er wissen, in welchem Zusammenhang das mit der jetzigen Frage stand – suchte ihn nur vor allen Dingen darüber zu beruhigen. – »Lieber Herr,« sagte er, »Sie müssen mir vorher die Bemerkung erlauben, daß ich Ihre Antwort nur als eine mir persönlich erwiesene Gefälligkeit betrachte und ich sehe ein, daß es vorher nöthig ist, Ihnen die Beweggründe meines, Ihnen vielleicht sonderbar erscheinenden Betragens mitzutheilen. Aber wir können das nicht auf offener Straße abmachen, dürfte ich Sie deßhalb bitten mit mir einen kurzen Moment in jenes Caffeehaus zu treten; wir sind dort ungestört und ich gebe Ihnen mein Wort, daß Sie damit ein gutes Werk thun.«

Der Fremde war augenscheinlich in der größten Verlegenheit, wie denn auch sein ganzes Wesen etwas Schüchternes, ja Gedrücktes zeigte. Der Einladung konnte er aber nicht gut ausweichen. Mit einer ziemlich ungeschickten Verbeugung und ohne ein Wort zu erwidern, willigte er ein und schritt neben dem Justiz-Rath dem Caffeehaus zu. Bertling ließ ihn auch dabei nicht aus den Augen, denn er hatte immer noch das unbestimmte Gefühl, als ob ihm der eben so glücklich Aufgefundene durch einen der Trottoirsteine, wie durch eine Versenkung auf dem Theater verschwinden könnte, und wollte sich später keine Vernachlässigung vorzuwerfen haben.

Im Restaurationslocal endlich angelangt, ließ er zwei Tassen Caffee und Cigarren bringen und als Beides vor ihnen stand und der Kellner sich mit seiner Bezahlung zurückgezogen hatte, that Bertling das Vernünftigste, was sich unter diesen Umständen thun ließ und erzählte dem Fremden, ohne vorher eine weitere Frage an ihn zu richten, das seltsame Zusammentreffen eines Traumes seiner Frau mit seiner eignen Erscheinung, wobei sein plötzliches und unbeachtetes Verschwinden natürlich alle die überspannten Ideen der Kranken bestätigen mußte.

Der kleine Mann in dem dunklen Rock schien während dieses Berichtes ordentlich aufzuthauen. Zuerst hatte er die angezündete Cigarre nur schüchtern und mit der äußersten Spitze in den Mund genommen, daß er kaum daran ziehen konnte und seinen Caffee halb kalt werden lassen – jetzt begann er mit augenscheinlichem Behagen den Dampf des guten Blattes einzuziehen und that auch einen Schluck aus seiner Tasse und als der Justizrath ihm endlich gestand, daß er die ganze Stadt schon habe durch Polizei absuchen lassen, um seiner nur habhaft zu werden und seine arme Frau von ihrem unglückseligen Wahne zu befreien, lächelte er sogar still vor sich hin und leerte dabei seine Tasse bis zum letzten Tropfen. Bei der nun wieder an ihn gerichteten Frage des Justizraths, ob er es nicht gewesen sei, der ihn an jenem Abend besucht habe und zu welchem Zweck, wurde er allerdings wieder ein wenig verlegen und sogar roth, aber er leugnete nicht mehr und sagte:

»Wenn Ihnen das eine Beruhigung gewährt, Herr Justizrath, so kann ich Ihnen gestehen, daß ich wirklich an jenem Abend in Ihrer Stube war und nur bedauere –«

»Kellner! Eine Flasche Wein – von Ihrem Besten – bringen Sie Champagner!« rief aber Bertling, der sich in diesem Augenblicke wirklich Mühe geben mußte, dem kleinen Mann nicht um den Hals zu fallen.