»Aber Herr Justizrath –«.
»Thun Sie mir den einzigen Gefallen und trinken Sie ein Glas Wein mit mir,« rief aber dieser in größter Aufregung »und, wenn Sie ein Bad von Champagner haben wollten, ich verschaffte es Ihnen jetzt. Nun aber sagen Sie mir auch, weshalb Sie so rasch verschwanden, mich nicht wieder aufsuchten und wo Sie, vor allen Dingen, die ganze Zeit gesteckt haben, denn kein einziger meiner Spürhunde konnte auch nur auf Ihre Fährte kommen.«
»Lieber Gott,« sagte der kleine Mann mit einem schweren Seufzer – »die Sache ist außerordentlich einfach und leicht erklärt, denn – wenn ich mich auch in einer gedrückten Lage befinde, habe ich doch nicht die geringste Ursache mich derselben zu schämen, da sie mich ohne mein Verschulden getroffen hat.«
»Darf ich es wissen?« frug der Justizrath, während der Kellner Wein und Gläser auf den Tisch stellte – »vielleicht kann ich helfen.«
»Ich stamme aus Königsberg« erzählte der kleine Mann, »und hatte durch Protection eine Anstellung als Lehrer in Mainz erhalten; dort ernährte ich mich aber nur kümmerlich, als ich die Nachricht erhielt, daß in meiner Vaterstadt ein guter Posten für mich offen geworden und ich dort an einem der ersten Gymnasien mit einem ganz vortrefflichen Gehalt einrücken könne. Ich gab meine Stelle in Mainz auf und machte mich auf den Weg. Schon seit längerer Zeit aber kränkelnd, erfaßte mich hier in Alburg ein heftiges Fieber, das eine Weiterreise unmöglich machte. Glücklicher Weise fand ich bei guten Menschen ein Unterkommen aber meine kleine Baarschaft schmolz entsetzlich zusammen und kaum wieder hergestellt, erfaßte mich die Angst, daß ich, wenn ich nicht rechtzeitig am Ort meiner Bestimmung eintreffen könnte, am Ende auch gar die Anstellung verlieren und dann gänzlich brodlos sein würde. Ich schrieb nach Königsberg, erhielt aber von dort nicht so rasche Antwort und in meiner Herzensangst beschloß ich mich an Sie, Herr Justizrath, zu wenden und Sie um ein Darlehn zu ersuchen, das ich Ihnen von meiner Vaterstadt aus leicht zurückerstatten konnte.«
»Aber woher kannten Sie mich?«
»Nicht Sie, Herr Justizrath, aber Sie haben einen Bruder in Königsberg, bei dem ich ein Jahr Hauslehrer war und auf dessen Zeugniß ich mich mit gutem Gewissen berufen durfte. Wie aber der Unfall mit Ihrer Frau Gemahlin stattfand, von dem ich keine Ahnung haben konnte, daß ich selber die unschuldige Ursache gewesen, da fühlte ich doch recht gut, daß das ein sehr schlecht gewählter Moment sei, um ein Darlehn zu erbitten und ich beschloß lieber am nächsten Morgen wieder vorzusprechen. Wie ich Sie mit der ohnmächtigen Dame beschäftigt sah, verließ ich das Zimmer und ging nach Haus.«
»Aber warum kamen Sie nicht am nächsten Morgen?«
»Weil ich noch an dem nämlichen Abend einen Brief von Königsberg erhielt, worin mir angezeigt wurde, daß es mit meinem Eintreffen dort Zeit bis zum Ersten nächsten Monats habe. Jetzt war ich im Stande mir mein Reisegeld vielleicht selber zu verdienen und brauchte Niemanden weiter zu belästigen. Der Mann, bei dem ich die Zeit gewohnt, war Copist, hatte aber in der letzten Zeit so viel drängende Arbeiten erhalten, daß er sich außer Stande sah, sie allein zu beendigen. Ich übernahm einen Theil und da mir noch vierzehn Tage Zeit bleiben, so hoffe ich bis dahin mein Reisegeld wenigstens zusammen gespart zu haben.«
»Und wieviel brauchen Sie dazu?« frug der Justizrath, der bis jetzt der einfachen Erzählung mit der gespanntesten Aufmerksamkeit gefolgt war, ohne den Erzählenden auch nur mit einer Sylbe zu unterbrechen. Nur eingeschenkt und getrunken hatte er dazu und seinen Gast ebenfalls stillschweigend durch Zuschieben des Glases genöthigt.