»Bester Doctor, ich füge mich in Allem Ihrem Willen,« sagte der Justizrath, »aber – halten Sie es nicht für möglich, daß Auguste durch die plötzliche Wiederholung der Erscheinung zum Tod erschrecken könnte?«
»Natürlich darf sie den Herrn da nicht unvorbereitet antreffen,« rief der Doctor – »doch Sie wollen das ja mir überlassen. Außerdem werde ich noch vorher zu der kleinen Hofräthin Janisch gehen, sie in das Geheimniß einweihen und sie bitten uns zu unterstützen. Für jetzt ersuche ich Sie aber, mich zu entschuldigen, denn meine Zeit ist gemessen.«
»Und Sie vergessen nicht, noch vor Dunkelwerden zu mir zu kommen?«
»Ich vergesse nie etwas,« sagte der Doctor, nahm seinen Hut und stieg ohne Weiteres voran die Treppe hinunter.
Der Justizrath war jetzt ein wenig in Verlegenheit, was er mit seinem Schutzbefohlenen oder eigentlich Gefangenen, bis zum Mittagsessen anfangen solle, noch dazu da er auch gern einmal nach Haus gegangen wäre und ihn dorthin doch nicht mitnehmen konnte. Ueberließ er ihn aber bis dahin sich selbst, so war er der Gefahr ausgesetzt, ihn nicht wieder zu finden und das durfte er unter keiner Bedingung riskiren. Da blieb ihm nur ein Ausweg, mit dem Fremden in dessen Behausung zu gehen, um sich selber zu überzeugen, wo er wohne und wieder zu finden wäre.
Das geschah denn auch und nachdem Bertling in einer vollkommen abgelegenen Straße vier steile dunkle Treppen hinauf geklettert war, konnte er mit einiger Ruhe seinen eigenen Geschäften nachgehen. Er band dem kleinen Mann aber noch einmal auf die Seele, das Haus um keinen Preis zu verlassen, bis er selber zurückkäme, was aber bald geschehen würde, da er ihn um ein Uhr zum Mittagessen abhole.
Seine Frau fand der Justizrath noch ziemlich abgemattet, aber doch ruhig; sie hatte von dem, was sie die vorige Nacht mit wachenden Augen geträumt, keine Ahnung und sie fühlte nur die Folgen der unnatürlichen Aufregung, ohne sich dieser im Geringsten bewußt zu sein.
Um ein Uhr oder etwas vorher, entschuldigte sich Bertling, daß er mit einem Geschäftsfreund zu Mittag speisen müsse, da sie Beide, außer der Zeit, sehr beschäftigt wären, und er Vielerlei mit ihm zu besprechen hätte – zu sich hätte er ihn aber heute nicht einladen mögen, da Auguste doch noch so angegriffen sei.
Auguste dankte ihm dafür, denn sie befand sich in der That nicht in der Stimmung einen fremden Besuch zu empfangen; sie fühlte sich auch nie wohler, als wenn sie allein gelassen wurde und ihr Mann versprach ihr ja auch außerdem noch vor Abend wieder zu Haus zu sein und dann heute ganz bei ihr zu bleiben.
Sie aß allein auf ihrem Zimmer und legte sich dann ein wenig auf das Sopha, um auszuruhen; der Kopf that ihr weh und das Herz war ihr so schwer, als ob irgend ein nahendes Unheil sie bedrohe. Sie fing auch fast an, den dämmernden Abend zu fürchten und bereute schon, Theodor nicht gebeten zu haben, noch vor der Zeit zurück zu kehren. – Aber sie durfte auch nicht so kindisch sein. Wenn er seine Geschäfte besorgt hatte, kam er ja ohnedies schon immer von selber nach Hause.