I.
Im Packwagen.
Es war im Juli des Jahres 18–, als der von Cassel kommende Schnellzug in Guntershausen hielt und dort solch eine Unzahl von Passagieren vorfand, daß die Schaffner kaum Rath und Aushilfe wußten. Alle Welt befand sich aber auch gerade in dieser Zeit unterwegs und die Züge – da das andauernd schlechte Wetter bisher die Reisenden zurückgehalten – waren bei dem ersten warmen Sonnenstrahl gar nicht auf einen so plötzlichen Andrang berechnet gewesen.
Uebrigens machte man möglich, was eben möglich zu machen war. Alle vorhandenen Wagen wurden eingeschoben, jeder noch freie Platz dritter Klasse – zum großen Aergerniß mit Hutschachteln und Reisetaschen reich bepackter Damen – auf das gewissenhafteste ausgefüllt und dann in die zweite, ja sogar selbst in die erste Klasse hineingeschoben was eben hineinging. Die nächsten Stationen nahmen ja auch wieder Reisende ab, und nach und nach regulirte sich alles.
Durch diesen Aufenthalt hatte sich der Schnellzug aber auch um eine gute halbe Stunde verspätet und war eben zum Abfahren fertig, als noch ein leichter Einspänner angerasselt kam und ein einzelner Herr, eine kleine lederne Reisetasche in der Hand, heraus und darauf zusprang.
»Zu spät,« rief ihm der Oberschaffner entgegen und gab den verhängnißvollen schrillenden Pfiff; »wir haben alle Personenwagen besetzt.«
Der Fremde, der augenscheinlich kein Neuling auf Reisen war, warf einen raschen, prüfenden Blick über die lange Wagenreihe und sah Kopf an Kopf in den Fenstern – aber die Schiebethür des Packwagens stand noch halb geöffnet.
»Dann werde ich mich bis zur nächsten Station bei den Koffern einquartiren,« lachte er und ohne die Einwilligung des Schaffners abzuwarten, der übrigens auch nichts dagegen hatte, sprang er auf den Wagentritt und in den Packwagen hinein. Bei einem solchen Andrang von Personen mußte sich ein jeder helfen so gut er eben konnte.
»Das ist eigentlich nicht erlaubt –« sagte der Packmeister; aber der Fremde kannte genau die Sprache, die hier alleinige Geltung hatte, und dem Packmeister ein Stück Geld in die sich unwillkürlich öffnende Hand drückend, lachte er:
»Ich führe ganz vortreffliche Cigarren bei mir und wenn ich nicht im Wege bin, erlauben Sie mir wohl eine Viertelstunde Ihnen hier Gesellschaft zu leisten.«
»Haben Sie denn ein Billet?« frug der Mann und sein Gefühl sagte ihm, daß er ein großes Silberstück in der Hand hielt.