»Noch nicht – ich bin eben erst, wie der Zug abgehen wollte, mit einem Einspänner von Melsungen herüber gekommen. Mein Billet nehme ich auf der nächsten Station.«

»Na da setzen Sie sich nur da drüben auf den Koffer, in Treysa gibt's Platz,« bemerkte der Packmeister, während der Fremde seine Cigarrentasche herausnahm und sie dem Manne hinhielt.

»Mit Erlaubniß – danke schön« – die Bekanntschaft war gemacht, der Zug überdies in Bewegung und der Passagier, bis ein anderer Platz für ihn gefunden werden konnte, rechtsgültig untergebracht.

Eine Cigarre wirkt überhaupt oft Wunder und die Menschen, die sich diesen Genuß aus ein oder dem andern Grunde versagen, wissen und ahnen gar nicht, wie sehr sie sich oft selber dadurch im Lichte stehen. Mit einer Cigarre ist jeder im Stande, augenblicklich auf indirecte Art eine Unterhaltung anzuknüpfen, indem man nur einen Reisegefährten um Feuer bittet. Ist dieser in der Stimmung, darauf einzugehen, so giebt er die eigene Cigarre zum Anzünden. Paßt es ihm aber nicht, so bleibt ihm immer noch ein Ausweg – er reicht dann dem Bittenden einfach ein Schwefelholz. Der Empfänger dankt, zündet seine Cigarre an, wirft das Holz weg und betrachtet sich als abgewiesen.

Mit einer dargebotenen Cigarre gewinne ich mir außerdem das Herz unzähliger Menschen, die der nicht rauchende Reisende in gemeiner Weise durch schnöde Fünf- und Zehn-Groschenstücke gewinnen muß. – Sitz' ich auf der Post neben dem Postillion auf dem Bock, so öffnet mir eine Cigarre sein ganzes Herz; ich erfahre nicht allein die außerordentlichen Eigenschaften seiner Pferde, sondern auch die Familiengeheimnisse des Posthalters und erweiche ich dasselbe sogar noch mit einem Glase Bier, so liegt sein eigenes Innere offen vor mir da. Selbst der gröbste Schaffner wird rücksichtsvoll, sobald er die ihm dargereichte Cigarrentasche erblickt – man soll nämlich derartigen Leuten nie eine einzelne Cigarre hingeben, weil sie außerordentlich mißtrauisch sind und leicht Verdacht schöpfen können, man führe besondere »Wasunger« Sorten bei sich für solchen Zweck und das verletzt ihr Ehrgefühl.

Auch der Packmeister war gesprächig geworden – die Cigarre schmeckte ausgezeichnet – und erzählte von dem, was ihm natürlich am nächsten lag, von der ewigen unausgesetzten Plackerei, so daß man seines Lebens kaum mehr froh werden könnte. Die ganze Welt reise jetzt – wie er meinte – in die Bäder. Er reiste auch in einem fort – alle Wochen drei Mal in die Bäder, kam aber nie hin und hatte kaum Zeit, sich Morgens ordentlich zu waschen, viel weniger zu baden. In seinem Packwagen stecke er dazu wie eine Schnecke in ihrem Haus, nur daß die Schnecke nicht ununterbrochen Koffer und Hutschachteln ein- und auszuladen hätte. »Sehen Sie« – setzte er dann hinzu – »so gewöhnt man sich aber daran, daß ich schon Nachts in meinem eigenen Bett – wenn ich meine Nacht daheim hatte und ich schlafe dicht am Bahnhof – im Traum, sowie ich nur die verdammte Locomotive pfeifen hörte, Bettdecke und Kopfkissen in die Stube hineingefeuert habe, weil ich glaubte, es wäre Station und ich müßte ausladen. Es ist Sie ein Hundeleben.«

Wieder pfiff diese nämliche Locomotive. Der Zug hielt an einer der kleinen Stationen und drei Koffer gingen hier ab, und ein anderer Koffer mit zwei Reisesäcken und eine Kiste kam hinzu. Der Fremde mußte aber noch sitzen bleiben, denn der Aufenthalt dauerte zu kurze Zeit, um ein Billet lösen zu können.

»Ich begreife nicht,« sagte der Fremde, »wie Sie sich da immer so zurecht finden, daß Sie gleich wissen was expedirt wird und was dableibt. Kommt da nicht auch oft ein Irrthum vor?«

»Doch selten,« meinte der Packmeister, indem er seine bei der Expedition ausgegangene Cigarre wieder mit einem Schwefelhölzchen anzündete – »man bekommt Uebung darin. Nur heute wär mir's in dem Wirrwarr bald schief gegangen, denn in Guntershausen hatte ich aus Versehen den nämlichen Koffer hinausgeschoben, auf dem Sie da sitzen. Glücklicherweise kriegte ihn der Eigenthümer noch zur rechten Zeit in die Nase – und das bischen Spectakel, was der machte! Aber es war ja noch kein Malheur passirt und so schoben wir ihn wieder herein. Den Packmeister möchte ich überhaupt sehen, dem nicht schon einmal ein falscher Koffer entwischt ist – der Telegraph bringt das aber alles wieder in Ordnung. – Staatseinrichtung das mit dem Telegraphen.«

Der Fremde hatte sich, während der Mann sprach fast unwillkührlich den Koffer angesehen, auf dem er saß, und stand jetzt auf und las das kleine Messingschild. Es enthielt nur die zwei Worte »Comte Kornikoff