»Dort hinaus! Da ist die Thüre in den Hof. — Machen Sie, daß Sie hinüber nach Ecuador kommen.«

Baptista sprang der Thüre zu, als dort ebenfalls Stimmen laut wurden.

»Caramba!« murmelte er leise vor sich hin. — »Das war zu spät.« Den Blick umherwerfend erspähte er ein leeres Brodfaß, das dicht neben der Ausgangsthüre und in einer Art von Gang stand, der aber nur durch Kisten, Nagelfässer und sonstige Waaren gebildet wurde. Ohne Renard ein Wort weiter zu sagen, oder ihn um Erlaubniß zu fragen, legte er die Hand auf den Rand desselben, stützte sich mit der Rechten auf das Ruder und sprang hinein. Das Ruder lehnte er dann daneben und hatte eben noch Zeit sich unterzuducken, als die Thüre auch schon aufging und ein paar Einwohner von Tomaco, unter ihnen der Postmeister, den Laden auf diesem ihrem Hause näher liegenden Wege betraten. Gleichzeitig kam auch, laut und leidenschaftlich mitsammen redend, ein Schwarm von Menschen von der anderen Seite und Renard, der, ehe er nur einen Entschluß fassen konnte, seinen verzweifelten Landsmann schon in seinem Versteck und dessen Flucht für jetzt wenigstens völlig abgeschnitten sah, warf nur rasch und fast unwillkürlich eine gerade dort liegende alte Matte über das Faß, und machte sich dann bereit, seine — jedenfalls in diesem Augenblick unwillkommenen — Gäste zu empfangen.

Señor Ramos hatte sich an diesem bewegten Tage, wie immer, streng abgeschlossen in der Räumlichkeit seines eigenen Hauses und inmitten seiner kleinen Familie gehalten, denn er suchte absichtlich Alles zu vermeiden, was ihn mit dem politischen Treiben Tomacos hätte in Berührung bringen können. Was half es auch, welche politische Richtung diese äußerste, vollkommen abgeschiedene Ecke des Staates verfolgte? Sie stand mit dem übrigen Lande in gar keiner Verbindung, und hatte sich dem zu fügen, was an den Hauptplätzen und im Herzen der Republik erkämpft und ausgefochten wurde.

Welchen Theil er früher an diesen Kämpfen genommen hatte — Niemand wußte es in Tomaco; Niemand kümmerte sich darum. Hier schien er nur darauf bedacht, seine Häuslichkeit so freundlich als möglich herzurichten, was ihm denn auch mit den wenigen ihm hier zu Gebote stehenden Mitteln sicher gelungen war.

Das Haus zeichnete sich vor den übrigen, wie schon früher erwähnt, allerdings nur durch seine etwas größere Sauberkeit, und die zierlich gearbeiteten Bambusjalousien, vielleicht auch dadurch aus, daß es vollkommen geschlossen stand, und nur dann einen Einblick in das Innere gewährte, sobald die Fenster in der Abendkühle weit geöffnet wurden. Im Innern aber konnte es mit keinem der übrigen verglichen werden, denn Señor Ramos hatte keine Kosten gescheut, ein kleines neu-granadiensisches Paradies daraus zu schaffen.

Den Boden deckte vollständig eine chinesische roth- und gelbgestreifte Strohmatte, ein Luxus, der sich in keinem einzigen der andern Häuser fand. Die Betten, die in einem kleinen Bambusverschlag standen, waren reinlich überzogen und mit schneeweißen Mosquitonetzen versehen, und selbst die Wände waren nicht leer und ein Spiegel hing über einem kleinen sauber polirten Tisch von inländischem Mahagoniholz, während zwei Oelgemälde in vortrefflicher Ausführung Ansichten des wunderbar schönen Innern von Neu-Granada darstellten.

Der Tisch war gerade zum Abendbrod gedeckt und die Chocolade dampfte in Tassen von feinem Porcellan, während auf den Schüsseln gebratene Bananen und Fische, frische Eier, feiner Schiffszwieback und eine dampfende Schüssel mit Reis und gekochten Austern verriethen, daß es sich die Bewohner auch in leiblichen Genüssen an nichts fehlen ließen. Auf dem Tische brannten zwei Stearinlichter in Porcellanleuchtern. Dazu standen in einem besonderen silbernen Gestell zwei junge angeschnittene Cocosnüsse auf dem Tisch, deren süßes Wasser oder Milch als kühlendes Getränk dienen sollte, und die Frau, eine reizende liebe Gestalt, mit rabenschwarzen Locken und feurigen Augen, hatte gerade der Kleinen die Serviette umgebunden und sie auf ihrem Stühlchen näher zum Tisch gerückt, als unten vor dem Hause Stimmen laut wurden, ohne daß sie jedoch Geschrei oder Toben gehört hätten. Es war als ob eine Menge von Leuten mit einander flüstere oder leise spreche.

»Was ist das?« sagte die Frau, erschreckt aufhorchend. »Hörst Du nichts, José?«

»Was wird es sein, mein Kind!« erwiderte freundlich der Mann. »Müßiges Volk, das sich noch in der Straße herumtummelt, bis es von dem Gewitter in die Häuser getrieben wird. Setz' Dich, Schatz! Die Chocolade wird sonst kalt.«