Uebrigens war diese politische Meinungsverschiedenheit bis jetzt sehr harmlos verlaufen, denn Theil an den großen Kämpfen ihres Vaterlandes konnten die Bewohner von Concepcion nicht nehmen, dafür lagen sie von dem Hauptplatz der Action zu weit entfernt, und völlig abgeschieden und aus dem Weg in ihrem reizenden Thal. Aber es würzte doch die Unterhaltung, und wenn Rigoli Abends in der Posada eine Flasche Tschitscha getrunken und eine zweite vor sich hatte, hielt er so lange politische Reden, bis er seine Gegner — wenn auch nicht überzeugte, doch wenigstens zu Paaren trieb, und zuletzt gewöhnlich das Schlachtfeld allein behauptete.
So lebhaft aber derartige Debatten fast jeden Abend geführt wurden — und in der letzten Zeit lebhafter als je, da sich ein Franco'scher Offizier hier aufhielt, was aber nicht vermochte, den kleinen muthigen Mann der Nadel einzuschüchtern — so still lag Concepcion während der heißen Stunden des Tages, wenn die Häuser keinen Schatten mehr warfen und die breiten Bananenwipfel ihre sonst vom leichtesten Luftzug bewegten Fächerblätter still und regungslos hielten. Dann ließ sich auch kein lebendes Wesen mehr auf der Straße blicken und in den luftigen, auf Pfählen gebauten Häusern, schaukelten die Bewohner derselben in ihren Hängematten, oder lagen ausgestreckt auf dem Boden unter ihren Mosquitonetzen.
Nicht weit von der Plaza, freundlich genug gelegen und von bunt blühenden und duftigen Akazien halb versteckt, wie von einer einzelnen Cocospalme überragt, stand ein kleines, niederes und düsteres Gebäude, aus festen, eisenharten Stämmen aufgeführt, und die Fenstereinschnitte — und welches andere Haus hatte hier überhaupt Fenster, wo alle Wände offen lagen — mit dicken eisernen Gittern verwahrt.
Es war die »colabozo«, das Gefängniß Concepcions, und in der That gewöhnlich leer und offenstehend, aus dem Grund vielleicht, damit ein Jeder hinein gehen, und sich den unheimlichen dumpfigen Raum betrachten könne. Heute aber schien sie verschlossen und fest verriegelt, und draußen an der schweren Thür auch noch mit einem riesigen Vorlegeschloß gesichert, denn der »Schließer« konnte doch nicht immer davor sitzen, eines einzigen lumpigen Gefangenen wegen.
In dem Gefängniß aber, die Stirn gegen das Gitter gepreßt, lehnte ein junger, bis zum Gürtel nackter Neger, und hielt mit dem einen, durch die Stäbe hinausgestreckten Arm die Hand eines bildhübschen Negermädchens, das vor seiner Zelle stand und in der Linken ein bunt gewürfeltes Tuch mit Gaben hielt, die sie dem Gefangenen wahrscheinlich mitgebracht.
»Armer José,« klagte dabei das Mädchen, indem ihr die großen hellen Thränen in die Augen traten — »daß es dahin mit Dir kommen mußte. Oh was hast Du nur verbrochen, daß sie Dich in den schrecklichen Kerker werfen konnten!«
»Verbrochen, mi corazon — Nichts,« seufzte der junge Bursch. »Nichts auf der Welt weiter, als daß ich Dich, nach jahrelanger Abwesenheit, wieder einmal sehen wollte. — Nur deshalb nahm ich an der Tola-Mündung das Canoe, und weil ich Einzelner nicht so stark rudern konnte, als die vier starken Cajapas-Indianer, holten sie mich hier ein und ich muß jetzt büßen.«
»Aber die Sclaverei ist ja doch bei uns aufgehoben,« rief das Mädchen heftig, — »Mutter und Vater waren schon freie Menschen, und die Gesetze verbieten den Weißen, Sclaven zu halten.«
»Die Gesetze,« zischte der junge Bursch trotzig zwischen den Zähnen durch, — »wer hat die Gesetze gegeben, als nur die Weißen, und sie machen damit, was sie wollen. Was bin ich anderes als der Sclave jenes Guajaquilenen? Er hatte mir Geld geborgt, und ich muß es jetzt abverdienen.«
»Oh José,« sagte da das Mädchen mit leisem, wie schüchternem Vorwurf im Ton, aber einem gar so lieben und herzlichen Blick — »weshalb hast Du von ihm geborgt? — konntest Du denn das böse, häßliche Trinken nicht lassen, womit Du uns Beide jetzt unglücklich gemacht?«