»Du wackeres, wackeres Kind, wie soll ich Dir das je danken?« sagte José gerührt.

»Und hast Du es mir nicht schon gedankt?« erwiderte wehmüthig das junge Mädchen — »lebte denn ein Mensch auf der weiten Welt, der die arme Waise nach der Eltern Tode lieb hatte, und für sie und ihren Bruder sorgte, wie Du?«

»Und was hab' ich gethan?«

»Viel — sehr viel,« sagte das Mädchen rasch — »Du hast mir die Hoffnung für dieses Leben erhalten, denn als wir die Mutter begraben hatten, war es mir, als ob ich mich auch in das stille Grab legen müßte, und nie, nie im Leben wieder froh werden könnte. — Und Alles, Alles wäre auch nachher gut gegangen, wenn nur das böse Trinken — aber ich will Dir jetzt keine Vorwürfe machen, José,« unterbrach sie sich rasch — »Du hast mir ja versprochen, daß es nie, nie mehr geschehen soll, und jetzt gilt es nur, Dich aus Deiner Sclaverei zu befreien.«

»Du willst schon fort?«

»Ich muß — die Zeit vergeht, vorher aber habe ich noch mit meinem Bruder und seinem Lehrmeister zu sprechen, und nachher muß ich suchen, daß ich ein Canoe geborgt bekomme. Aber das krieg' ich schon,« setzte sie lächelnd hinzu, »denn alle Menschen sind jetzt gut mit mir, weil sie sehen, daß ich brav und fleißig bin. Also mit Gott, José — aber ich komme noch einmal zu Dir zurück, und bringe Dir dann auch ein paar Cocosnüsse zum Trinken mit. Die Señora Bastiano hat deren viele in ihrem Garten, und erlaubt mir schon ein paar zu pflücken.«

»Mein liebes, liebes Herz.«

»Hab' guten Muth,« lachte da das Mädchen, die den Geliebten nicht wollte merken lassen, wie weh ihr selber um's Herz war, »bald bring' ich Hülfe und dann brauchen wir uns nicht mehr zu trennen — Lebe wohl José« — und mit beiden Armen sich kraftvoll an dem Gitter emporhebend, brachte sie ihren Mund über die unterste Eisenstange, drückte einen Kuß auf seine Lippen, und lief dann flüchtigen Schrittes durch die Straßen hinab.


[Zweites Capitel.]
Ein Besuch beim Alkalden.