In einer der Hauptstraßen der kleinen Stadt, und in einem, ebenfalls auf Pfählen gebauten Eckhaus, lebte und schneiderte Meister Rigoli mit drei Lehrjungen, die er sich, wie er meinte, nur angenommen hatte, um seinen täglichen Aerger nicht zu vermissen, denn alle Arbeit mußte er doch selber thun — und that sie auch wirklich, weil ihm Niemand — weder in der Politik noch in der Schneiderei — etwas recht machen konnte.

Rigoli war aber trotzdem von Herzen ein seelensguter Mensch, der nie Jemandem wissentlich ein Unrecht gethan hätte, aber auch eben so wenig ein Unrecht an anderen Menschen leiden konnte. Ein so bescheidenes Metier er dabei trieb, so fürchtete ihn selber der Alkalde, denn er hatte — was man so im gewöhnlichen Leben zu nennen pflegt — Haare auf den Zähnen, und war dabei viel gescheuter und belesener als der Alkalde selber — wozu allerdings nicht viel gehörte.

In dieser Tageszeit schienen aber auch seine geistigen Kräfte erschöpft zu sein, denn inmitten seiner Lehrlinge, die Nadel in der Hand, ein neu zugeschnittenes Kleidungsstück vor sich auf den Knien, war er eingenickt, und als Eva geräuschlosen Schrittes die zu seiner Werkstätte aufführende Leiter hinanstieg und dabei ihr schüchternes »Ave Maria« murmelte, um ihre Gegenwart bemerkbar zu machen, hörte sie dasselbe von keiner Seele beantwortet — denn die Jungen schliefen ebenfalls.

Sie blieb einen Augenblick auf der Leiter stehen, und während sie sich mit den nackten, vollen Armen auf die niedere Schwelle stützte, von wo aus sie den ganzen inneren Raum mit den Augen überfliegen konnte, zuckte ein leichtes Lächeln über ihre wirklich schönen Züge. Aber es war auch nur ein Moment, denn rasch kam wieder das Gefühl ihrer eigenen, unglücklichen Lage über sie, und daß sie keine Zeit versäumen dürfte, wenn sie den Geliebten wirklich retten wollte.

Mit lauter Stimme wiederholte sie deshalb ihr meldendes »Ave Maria,« das der kleine Rigoli aber, noch halb im Schlaf, mit einem sehr profanen »Caracho, Señor, tres varas — no es possible —« beantwortete.

Durch seine eigenen, laut herausgestoßenen Worte erwachte er indeß vollkommen, und sich im ersten Augenblick erstaunt umsehend, — er begriff augenscheinlich nicht gleich was mit ihm vorgegangen — überzeugten ihn die schlafenden Lehrlinge an seiner Seite doch rasch genug von dem Thatbestand. Er machte sich selber und einen neben ihm sitzenden dicken und entsetzlich schwitzenden Mulattenjungen auch rasch dadurch munter, daß er diesem eine derbe Ohrfeige steckte, die ihn blitzschnell auf die Füße brachte. Die Anderen erwachten dadurch ebenfalls und griffen rasch und mechanisch nach ihrer fallengelassenen Arbeit, während der Meister kopfschüttelnd sagte:

»Ob das faule Volk nicht jede Gelegenheit benutzt! Caramba, Señores, ich werde Euch auf den Pelz kommen, wenn Ihr mir nicht besser aufpaßt! — He meine kleine Eva — entra, Schatz, entra. — Was bringst Du mir? ist der Wollkopf, Señor Bastiano, wieder nicht mit seinem Rock zufrieden?«

»Ach Señor,« sagte das junge Mädchen, indem sie der Aufforderung Folge leistete und die letzten Stufen der Leiter emporstieg, neben der sie sich dann am Boden niederkauerte — »mit einer Bitte für mich selber komm ich diesmal.«

»Mit einer Bitte, Schatz? — nun laß hören.«

»Daß Ihr mir auf zwei Tage den Bruder borgen möget, um ein Canoe nach Cachavi hinauf zu rudern.«