»Ihr Beiden? — aber wozu? was wollt ihr denn oben?« frug Rigoli kopfschüttelnd.

Eva schwieg einen Augenblick und sah still und ängstlich vor sich nieder. Endlich faßte sie sich ein Herz und erst mit leiser, dann immer festerer Stimme erzählte sie dem kleinen gutmüthigen Italiener ihre einfache Leidensgeschichte. Das Schicksal des Geliebten, den jener Francosche Offizier — trotzdem daß die Gesetze die Sclaverei verböten, als Sclave halte, und hier in das Gefängniß geworfen habe, weil er nur auf wenige Tage nach Cachavi hinauf gewollt, wo er sie selber zu finden geglaubt. Jetzt aber gedenke der Weiße den armen José wieder mit fort von hier zu nehmen, Gott nur wisse wohin, daß sie ihn vielleicht nie im Leben wieder zu sehen bekomme, und sie selber wolle jetzt nach Cachavi hinauf, um von dort ihr mühsam gespartes und bei dem Alkalden hinterlegtes Geld zu holen und den Geliebten frei zu kaufen.

Der kleine Rigoli hatte der Erzählung aufmerksam zugehört, und im Anfang wohl seine Arbeit wieder dabei aufgenommen und weiter genäht, aber je mehr er sich in die Sache hinein dachte, desto empörter wurde er, und die neben ihm liegende Scheere aufgreifend rief er, als Eva geendet:

»Da haben wir die Geschichte, und dieser Lump von Alkalden wagt es, mir von Freiheit und Gesetzlichkeit zu reden; Sclaverei, wie sie im Buche steht — Unterdrückung des Volkes, Mißbrauch der Amtsgewalt, ungerechtfertigte Einkerkerung, Veräußerung der Menschenrechte — aber ich weiß weshalb. Eben dieser selbe Señor Cerro, der hier mit seinem gelben, nichtswürdigen Gesicht herumläuft und sich einen Francoschen Offizier nennt, hat diesem hergeregneten Alkalden die Stelle verschafft, und jetzt hocken sie mitsammen unter einer Decke — der Padre nicht ausgenommen, und glauben, sie können die Herren und Meister hier im Lande spielen. Da wollen wir aber einen Riegel vorschieben,« fuhr er fort, indem er von seinem Sitz aufsprang, und sich den etwas heruntergerutschten Hosenbund wieder in die Höhe zog. »Dieser kleine blutgierige Wütherich, dieser Franco, hat uns hier oben Nichts zu befehlen, sonst wäre er längst mit seinen Soldaten hierher gekommen und gegen Quito marschirt, und dasselbe Recht, was der hat, Präsident zu sein, habe ich auch, wenn ich auch nicht schwarz bin und Haare statt Wolle auf dem Kopfe habe. — Und jetzt komm einmal, Eva — jetzt wollen wir dieser obersten Gerichtsbarkeit einmal einen Besuch abstatten, daß ihr die Augen übergehen sollen.«

Und damit hatte er seine Toilette beendet, stülpte sich seinen kleinen Panamahut auf und schritt der Leiter zu.

Das arme Negermädchen war eine bestürzte Zuhörerin des Ganzen gewesen, denn wenn sie auch die einzelnen Ausdrücke und deren Sinn nicht verstand, begriff sie doch so viel, daß der kleine Schneidermeister ihrer obersten Gerichtsbehörde zu Leibe wollte, und daß sie dabei Zeuge sein sollte. Wenn der Mann aber, der die Macht hatte, ihren Geliebten in's Gefängniß zu werfen, böse gemacht wurde, welches furchtbare Unglück konnte er über sie Alle verfügen, und mit zitternder Stimme bat sie:

»Oh Señor, macht den Herrn Alkalden nicht böse, oder er sperrt uns Alle mit einander ein, und dann hat José Niemanden in der Welt mehr, der ihm helfen kann.«

»Mich einsperren?« lachte aber jetzt Meister Rigoli bei dem Gedanken laut auf — »mich, den einzigen Schneider, den sie in der ganzen Stadt haben? — Das Mädchen ist himmlisch! — Nein, mein Schatz, da hab' keine Furcht. So viel Verstand hat unser Alkalde denn doch noch — wenn ich auch nicht für mehr einstehen möchte, und daß er Dir Nichts thut, das laß meine Sorge sein. Und jetzt komm, arbeiten kann ich doch nichts mehr mit den Gedanken um das allgemeine Wohl im Kopf, und nun wollen wir einmal sehen — und wo ich Euch Schlingel wieder schlafend finde, wenn ich zurück komme, statuire ich ein Exempel an Euch — ob wir die oberste Gerichtsbehörde nicht überzeugen können, daß wir in einer Republik leben, und freie Bürger sind — komm.«

Und ohne ihr weiter Zeit zu einem Einwand zu lassen, kletterte er voran die Leiter hinunter und schritt dann, von dem zitternden Mädchen dicht gefolgt, die Straße hinauf, der Wohnung des Alkalden zu.

Es war allerdings jetzt keine Besuchszeit in den Tropen, und der würdige Friedensrichter denn auch noch mitten in seiner Siesta, welche er in der, nach dortiger Landessitte kurz geschlungenen Hängematte halb sitzend, halb liegend verträumte. Rigoli schien aber nicht gesonnen, sich bei Kleinigkeiten und leeren Ceremonialformen aufzuhalten. Den Neger, der ihm unten den Aufgang verweigern wollte, schob er einfach bei Seite und hatte denn auch die Genugthuung, ihr gesetzliches Oberhaupt bald völlig erwacht, wenn auch nicht eben sehr erfreut, in der Hängematte sitzen zu sehen, um zu hören was er verlange.