»Aber sie müssen ihn doch freilassen, wenn ich das Geld für ihn bezahle.«
»Na ich setze ja nur den schlimmsten Fall — gewiß müßen sie, wenn ihre Gesetze nicht lauter Lügen sein sollten — aber ich meine ja nur so — wenn Du trotz alle dem Nichts ausrichten solltest, dann komm wieder zu mir hierher und — ich weiß dann freilich selber noch nicht, was ich gleich thun werde, aber einen Skandal giebts, darauf kannst Du Dich verlassen — einen Mordskandal, und das Andere — wollen wir dann eben abwarten. Schon gut, Mädel, schon gut, — mach' jetzt, daß Du zu Deiner Señora Bastiano hinüber kommst. Apropos, wo ist denn Dein Bruder eigentlich — ah, da kommt er eben angekrochen. Na! der wird schön müde sein von der Parforcetour. Du hast den Teufel im Leibe. Nun er mag heute schlafen und sich ordentlich ausruhen, daß er mir morgen wieder frisch bei Kräften ist.«
Wie in einem Traum stieg das arme Mädchen die Leiter hinab und eilte dem Hause der Patronin zu, von der allein sie jetzt noch Hülfe und Unterstützung hoffte. Die alte würdige Dame war übrigens den Augenblick bereit, sie mitzunehmen, aber für heute Abend war an den Aufbruch nicht mehr zu denken. Sie hatte das Canoe gar nicht so rasch zurück erwartet — sie mußte ja damit geflogen sein — einige Provisionen mußten auch noch eingelegt, und einige Abschiedsbesuche gemacht werden — Morgen früh aber jedenfalls — je früher desto besser, um die Morgenkühle noch zu benutzen, und dann wollten sie den Señor schon kriegen, der einen freien Mann zum Sclaven herabwürdigte. Sie kannte alle Familien am Pailon — brave ehrenwerthe Leute, mit denen sie in intimster Verbindung stand — die ließen sie nicht im Stich, und Eva konnte ganz ruhig sein, auf dem Rückweg hätten sie ihren José mit im Canoe.
Das Mädchen brannte vor Ungeduld, aber die Señora Bastiano war nicht aus ihrem Gleis zu bringen, und es blieb eben bei der Abfahrt auf den nächsten Morgen.
Schon vor Tag war Eva munter und unten an der Landung, um das kleine Canoe in Stand zu setzen und ja keine Zeit zu versäumen — aber es half ihr Nichts. Eine Reise nach dem Pailon war für die würdige Dame, die nur selten aus ihren vier Pfählen kam, eine viel zu wichtige Begebenheit, um sie so leichthin anzutreten. Die dazu nöthigen Vorbereitungen mußten mit der ihrem Stande würdigen Ordnung getroffen werden. Dabei hatte sie sich überlegt, daß das kleine Canoe ein solches Auftreten aber unmöglich mache, und deshalb beschlossen, ein größeres zu miethen.
Dem lagen nun allerdings keine Schwierigkeiten entgegen, denn große Canoes gab es in Concepcion genug, und ein solches war bald herbeigeschafft, aber es erforderte einige Zeit, ehe eine hübsch und vollständig schattige Laube in dem Heck desselben aufgebaut werden konnte, und wenn auch Eva unermüdlich Bananenblätter und Stäbe herzutrug, und die Arbeiter zur Eile antrieb, so wurde es doch fast zehn Uhr, ehe sie Alles in Stand hatten, und die Señora gerufen werden konnte.
Und jetzt kam sie. Señora Bastiano war wirklich eine Persönlichkeit in Concepcion, — unter der farbigen Raçe wenigstens. Ihr Mann besaß ein nicht unbedeutendes Grundeigenthum und hielt eine Menge Leute in seinen Diensten. Außerdem spielte er ganz vortrefflich die Marimba oder Holzharmonika, und da die alte Señora wirklich ein gutes Herz hatte und viele Arme unterstützte, so war sie gewißermaßen ein Orakel der Neger geworden, die sich bei ihr und ihrem Gatten in schwierigen Verhältnissen gern Rath, und wenn es sein mußte, auch Hülfe holten.
Es ist dabei wunderbar, mit welcher Würde solche alte Negerdamen aufzutreten pflegen, wenn sie einen gewissen Rang in der Gesellschaft einnehmen, oder doch einzunehmen glauben. Keine Fürstin mag es ihnen an huldreicher Herablassung gleich thun, wo sie mit minder Glücklichen zusammen kommen, und da sie sich außerdem sehr gewählt kleiden und fast immer eine sehr tiefe Baßstimme haben, so kann sich der Europäer, wenn er ihnen begegnet, selten eines Lächelns erwehren — aber ich wollte es ihm nicht rathen, daß es die Señora bemerkte. Ein völlig vernichtender Blick würde ihn gewiß dafür strafen.
Señora Bastiano war der Typus dieser Negerfrauen. Wohlbeleibt, wenn auch nicht übermäßig stark, aber sehr voll gebaut, und mit zurückgebogenem Kopf einherschreitend, trug sie ein carrirtes Seidenkleid; darüber, trotz der niederbrennenden Sonne, einen papageygrünen chinesischen Shawl, eine dicke Kette von Bernsteinkugeln um den braunen Hals, und glanzlederne Schuhe aber ohne Strümpfe, und einen hellgelben, seidenen Sonnenschirm oder Knicker, den sie aber nur als Fächer benutzte.