Immer wellenförmiger wurde das Terrain, und gegen Abend umwölkte sich auch der bis jetzt lichte Himmel, und der Regen viel in Strömen herab. Wohl passirte sie jetzt wieder eine der mit Palmzweigen gedeckten Hütten, in denen Wanderer schon übernachtet hatten, und darunter hätte sie im Trocknen ausruhen können. Aber was that ihr das Wasser! Durchnäßt war sie doch schon lange, in ihrem dünnen Zeug, und in dem heißen Klima kühlte sie das eher, als daß es ihr hinderlich gewesen wäre. Weiter strebte sie, weiter, und als der Abend endlich zu dämmern anfing, beflügelte sie ihre Schritte nur noch mehr, als ob sie damit der einbrechenden Nacht hätte entfliehen können.
Umsonst; furchtbar rasch schwand die kurze Dämmerung, und als sie trotzdem ihren Weg noch fortsetzen wollte, sah sie doch bald die Unmöglichkeit eines solchen Wagnisses ein.
Kaum eine Viertelstunde war vergangen, seit sie oben am Himmel durch eine gelegentliche kleine Lücke in den Baumwipfeln die Wolken sich hatte in der Abenddämmerung röthen sehen, und wenn auch der Himmel noch licht, wie ein zartes, helles Gewebe, durch das Baumgewölbe schimmerte, lag doch schon tiefe, undurchdringliche Nacht auf dem Urwald drunten.
Eva sah bald die Unmöglichkeit ein, ihren Weg in dieser Finsterniß zu verfolgen. Sie war nicht mehr im Stande die Zeichen der Trocha zu erkennen. Nur einen riesigen Baumstamm sah sie noch durch das Dunkel schimmern, und eilte jetzt zu dessen Wurzel, um dort und im Schutz seiner Zweige den dämmernden Morgen zu erwarten.
Und wie das jetzt um sie her lebte und sich regte in der Wildniß, denn mit einbrechender Nacht erwachen ja die meisten Waldbewohner erst zu ihrer geheimnißvollen Thätigkeit. Nicht weit von ihr suchte wieder ein Affenschwarm seinen Ruheplatz für die Nacht, und wie das da oben in den alten Wipfeln plapperte und kreischte und zankte und grunzte! Es war ein entsetzlicher Lärm, ehe sie alle einen bequemen Sitz gefunden hatten, und keiner den andern mehr belästigte. Endlich wurde es still, nur ein oder das andere kleine Aeffchen gab noch manchmal einen Schrei von sich, dann verstummte auch das.
Jetzt hämmerte plötzlich, dicht über ihr im Baume ein Specht, der Carpintero, wie ihn die Ecuadorianer nennen. Was suchte der noch in der Dunkelheit? Aber er schwieg rasch, denn nebenan im Gebüsch begann »die verlorene Seele« ihr leises, klagendes Lied, nicht unähnlich dem Ansetzen unserer eigenen heimischen Nachtigall, aber viel stärker, viel seelenvoller, mit einem Ton, als ob er dem furchtbarsten Gram eines bedrückten, kummervollen Herzens Laute gäbe.
Die »verlorene Seele« nennt der Indianer diesen Vogel, und Eva traten die Thränen in die Augen, als sie den klagenden Tönen lauschte, die genau so klangen, als ob sie aus ihrem eigenen Herzen kämen.
Es war völlig Nacht geworden, und mächtige Leuchtkäfer schwirrten durch die Finsterniß und zuckten, wie kleine Miniaturblitze, in gelben und grünen Lichtern von Busch zu Busch. Und jetzt, da bellte eine Schlange, nicht zehn Schritt von ihr entfernt, die wahrscheinlich die Nähe eines Menschen gewittert hatte. Unwillkürlich griff das junge Mädchen nach der am Baum lehnenden Waffe, um das ekle Geschöpf von sich abzuhalten; war es doch auch ein unheimlicher Gast, ihm in der Finsterniß zu begegnen.
Deutlich konnte sie das Ungethüm durch das Laub schlüpfen hören, wie es sich über die feuchten Blätter hinwegwand, aber es kam nicht näher, es scheute die Nähe der Menschen, und nahm die Richtung seitab von dem Baum.
Und das alte faule Holz umher fing an zu leuchten, und nahm phantastische, abenteuerliche Formen an. Von allen Seiten schimmerte es durch den Wald; dort hing ein altes, halbverfaultes Blatt von einer Negritopalme nieder und zeigte in seinem Phosphorschein die skelettgleichen Rippen der Blätter, hier glich ein heruntergebrochener, von feuchtem Moder überzogener Ast in seinen Windungen der Form einer glühenden Schlange.