Wir wollen das Mädchen hier lassen und uns zur Mutter wenden. Am Morgen erwachte die Mutter aus dem Schlaf und sieht, daß das Mädchen nicht dort ist. Sie sagt: „Ach, während ich meine Tochter vor dem Vogel retten wollte, habe ich sie mit eigener Hand zugrunde gerichtet“, schrie und weinte, kehrte in ihr Haus zurück und trauerte um ihr Kind. Nun kommen wir wieder zu dem Mädchen. Tag und Nacht schlief sie nicht und weinte. Schließlich am neununddreißigsten Tage saß sie am Fenster und sah traurig auf das Meer. Da kam von Persien ein Schiff und fuhr vor dem Schlosse vorbei. Sie gab dem Kapitän mit der Hand Zeichen und sagte: „Nimm diese zehntausend Piaster und gib mir eine Sklavin.“ Das Mädchen ließ einen Strick hinab und zog die Sklavin nach oben und hing ihr eine goldene Kette um den Hals. Das Mädchen freute sich und sagte: „Gott sei Dank, nun habe ich eine Gefährtin gefunden.“ Genau am vierzigsten Tage sagte sie zu der Sklavin: „Du, bleibe hier, ich werde ein wenig die Zimmer ansehen und wiederkommen.“
Das Mädchen ging weg. Die Sklavin bleibt allein. Während sie sich nach allen vier Ecken umsieht, niest der dort liegende Tote, steht auf, wird lebendig, öffnet die Augen, sieht die Sklavin und sagt: „Mädchen, hast du mich bewacht?“ Das Mädchen sagte: „Ja, ich habe dich bewacht.“ Dieser dort liegende Prinz hatte nämlich früher geschworen: „Wenn mich jemand vierzig Tage bewacht, so werde ich, wenn ich sie bei meinem Aufstehen sehe, heiraten.“ So hatte er beschlossen.
Dann nahm er die Sklavin und fragte sie: „Ist außer dir noch jemand sonst hier?“ Da antwortete sie: „Ja, in jenem Zimmer ist meine Sklavin. Ich habe sie um Geld gekauft und die Goldstücke, die sie am Halse trägt, habe ich ihr auch gegeben.“ Dann rief sie ihre Herrin: „Komm Mädchen, der Herr verlangt nach dir.“ Als das Mädchen eintritt und sieht, daß die Sache ganz anders geworden ist, sagt sie: „Auch das ist von Gott. Man muß es mit Geduld [[52]]tragen.“ Das Mädchen zog Dienerkleider an und tat im Hause oben und unten ihren Dienst. Eines Tages sagte der Prinz zur Herrin: „Ich werde auf die Reise gehen, was wünschst du dir von mir?“ Die Herrin antwortete: „Ich wünsche mir von dir eine Menge Diamanten und Türkise.“ Als er die Dienerin fragte: „Was wünschest du dir?“ sagte sie: „Ich wünsche mir den Geduldstein. Wenn du ihn vergißt, soll bei deiner Rückkehr das Vorderteil des Schiffes pechschwarzer Rauch sein.“
Darauf ging der Prinz weg nach Jemen. Einige Monate blieb er dort und erledigte seine Geschäfte, kaufte den Auftrag der Herrin und vergaß den Auftrag der Sklavin. Als er abfuhr, sah er, daß vor dem Schiffe pechschwarze Dunkelheit und hinter ihm Helligkeit ist. Das Schiff konnte nicht fahren. Der Kapitän rief die Soldaten und sagte: „Wenn unter euch ein Verfluchter ist, so soll er hinausgehen.“
Als der Prinz dies hörte, kam ihm der Auftrag der Sklavin in den Sinn. Es war tatsächlich so geworden, wie sie gesagt hatte. Dann kehrte das Schiff um, und der Prinz stieg aus, kaufte den Geduldstein wie ihm aufgetragen und kam zum Schiffe zurück. Da war das Vorderteil des Schiffes hell und sein Hinterteil Nebel. Mit Gottes Gnade fuhr es wie ein Vogel in kurzer Zeit nach seinem Lande. Er stieg aus und betrat das Schloß. Die Herrin und die Dienerin stiegen die Treppe hinab, begrüßten ihn und führten ihn nach oben. Er gab der Herrin den von ihr verlangten Auftrag und der Dienerin den Geduldstein. Sie waren zufrieden. Am Abend ging das Mädchen in ihr Zimmer und blieb dort. Der Prinz und die Herrin legten sich schlafen. Als sie schlief, kam es dem Prinzen in den Sinn: „Was mag die Sklavin wohl mit dem Geduldstein anfangen?“ Da die Herrin schlief, erhob er sich, ging leise an das Zimmer, in dem die Sklavin war, und beobachtete durch das Schlüsselloch das Mädchen.
Wir kommen jetzt zu dem Mädchen. Der sogenannte Geduldstein war ein Stein von der Größe einer Linse. Das [[53]]Mädchen legte ihn auf den Boden und sagte: „Ach, Geduldstein, einst war ich ein liebes Kind meiner Mutter. Als ich einmal stickte, kam ein Vogel und sagte in wohlgesetzter Rede zu mir: ‚Du wirst vierzig Tage einen Toten bewachen und danach erreichen, was du willst.‘ Dann kam ich durch ein Wunder in dieses Schloß. Neununddreißig Tage bewachte ich diesen Jüngling. Wenn du an meiner Stelle gewesen wärest, was tätest du, Geduldstein?“ Der Geduldstein machte puh puh und schwoll an. „Als an jenem Tage ein Schiff vorbeifuhr, kaufte ich mir für Geld eine Sklavin. Am vierzigsten Tage ließ ich die Dienerin im Zimmer und ging ein wenig hinaus. Da wachte der Jüngling auf, und als er die Sklavin sah, heiratete er sie und wohnte mit ihr zusammen. Wenn du an meiner Stelle wärest, was tätest du?“ Der Geduldstein machte puh und schwoll wieder an. „Ich wurde ihre Sklavin. Geduldstein, wie würdest du das ertragen?“ Der Geduldstein machte puh und platzte. „Ja, Geduldstein, du hast es nicht aushalten können und bist geplatzt, wie soll ich es denn aushalten? Ich werde mich an der Decke aufhängen.“ Sie stellte einen Schemel unter ihre Füße. Als sie sich aufhängen wollte, zerbrach der Prinz die Tür, trat ein, umarmte das Mädchen, setzte sie auf die Erde und sagte: „Meine Prinzessin, wenn du mich bewacht hast, warum hast du es mir so lange nicht gesagt?“ Dann ging er in das Zimmer des Mädchens, stieß und schlug sie, ließ sie aufstehen und sagte: „Willst du vierzig Maultiere oder vierzig große Messer?“ Da antwortete sie: „Ach, die vierzig Messer mögen über meinen Feind kommen, ich will vierzig Maultiere und in meine Heimat gehen.“ Dann band er das Mädchen vierzig Maultieren an den Schwanz und ließ sie los. Auf jedem Berge blieb ein Stück von ihr. Dann nahm er die Herrin und heiratete sie. Vierzig Tage und vierzig Nächte dauerten die Hochzeitsfestlichkeiten. Die haben erreicht, was sie wollten. Damit Schluß. [[54]]
[[Inhalt]]
6. DIE GESCHICHTE VON DER DILBER, DIE NICHT ERREICHTE, WAS SIE WOLLTE
Die Geschichtenüberlieferer und die Märchenerzähler berichten folgendes. In alten Zeiten hatte ein armer Mann eine Frau. Sie waren sehr arm und hatten keinen Platz zum Wohnen. Diese Frau wurde von ihrem Manne schwanger, und als ihre Zeit herankam, sagte sie zu ihrem Manne: „Geh zu der Badbesitzerin Aische Molla und sage ihr: ‚Meine Frau hat keinen Platz, wo sie gebären könnte. Wenn im Bade ein leeres Zimmer ist, laß sie dort gebären‘.“ Darauf ging der Mann zu der Aische Molla und erzählte ihr die Sache. Sie antwortete: „Schön, mein Sohn, morgen mag sie kommen und hier bleiben.“ Dann kehrte der arme Mann wieder nach Hause zurück und erzählte es seiner Frau. Am nächsten Tage stand die Frau auf und ging ins Bad. Sofort führte die Aische Molla sie in eine Kabine und sagte: „Meine Prinzessin, dort können Sie gebären.“ Die Frau trat ein, bekam die Wehen und brachte ein wunderschönes Kind zur Welt. Es war so schön, daß man es nicht fertig brachte, ihm ins Gesicht zu sehen. Da spalteten sich die Wände des Bades und drei Derwische traten ein. Der erste sagte: „Dieses Kind soll die ihren Wunsch nicht erreichende Dilber heißen.“ Der andere sagte: „Wenn dies Mädchen sich wäscht, sollen von ihrem Kopfe Goldstücke fallen, wenn sie lacht, sollen auf ihren Wangen Rosen blühen, und wenn sie weint, sollen aus ihren Augen Perlen fallen, und da, wo sie geht, soll Rasen wachsen.“ Der dritte sagte: „Sie soll dies Armband an ihren Arm legen. Wenn sie es abnimmt, stirbt sie, aber so lange sie das Armband nicht abnimmt, soll ihr nichts passieren und sie wird jahrelang leben.“ Dann ließ er sein Armband im Bade zurück und die drei Derwische verschwanden.
Die Mutter legte ihrer Tochter das Armband um, und wusch das Mädchen ordentlich. Immer, wenn sie ihr Wasser auf den Kopf goß, fielen Goldstücke herunter. Dann [[55]]gab die Frau der Badbesitzerin eine Anzahl Goldstücke, nahm ihre Tochter und kehrte in ihr verfallenes Haus zurück. Nach einigen Tagen ließ sie ein großes Haus bauen mit Gartenhaus und schön mit Goldverzierung, daß es sich nicht beschreiben läßt. Die Frau brachte das Mädchen in dieses Gartenhaus und dort lebten sie. Wenn das Mädchen weinte, fielen Perlen herab, wenn sie lachte, blühten Rosen auf ihren Wangen, wo sie ging, sproßte Rasen. Schließlich wurden sie durch das Mädchen so reich, daß sie den Wert von weißen und schwarzen Sklavinnen und vom Gelde nicht kannten. Die Zeit verging, das Mädchen kam in ihr vierzehntes Jahr. Sie hatte nicht ihresgleichen in der Welt, schlank wie eine Gerte, mit Rehaugen, geschweiften Augenbrauen, Lippen wie Zucker, mit einem Geruch wie Ambra, von liebenswürdigem Wesen. Sie war so schön, daß man unfähig war, es zu beschreiben. Ein Wunder der Welt. Wer sie ansah, wurde geblendet. Es war, als ob in ihrem Zimmer die Sonne aufgegangen war und strahlte. In allen Stadtvierteln war sie bekannt und man fand sie schön.