Das Mädchen ging sofort aus dem Zimmer zum Padischah und sagte: „Vater, an dem und dem Orte ist bei den Deven ein Karfunkelstein. Wenn der Jüngling den bringt, werde ich ihn heiraten.“ Er rief den jungen Mann zu sich und sagte: „Mein Sohn, an dem und dem Orte ist bei den Deven ein Karfunkelstein. Das Mädchen wünscht ihn, bringe ihn ihr.“ Der Jüngling sagte: „Mein Herr hat nur zu befehlen!“ ging aus dem Schlosse und rieb die Haare aneinander. Sofort erschien das Pferd und sagte zum Mädchen: „Was willst du, meine Prinzessin?“ Das Mädchen sagte: „An dem und dem Orte ist bei den Deven ein Karfunkelstein. Den verlange ich.“ Das Pferd sagte: „Sehr schön, meine Prinzessin.“ Das Mädchen bestieg das Pferd. Das Pferd wurde ein Feuer und jagte wie ein Drache davon. Nach einiger Zeit kamen sie an einen großen Berg. Dort hielt es an. Nachdem das Mädchen herabgestiegen war, [[45]]sagte das Pferd: „Meine Prinzessin, gehe auf diesem Wege geradeaus. Vorne ist eine Höhle der Deve. Da tritt ein. In der Höhle ist der Karfunkelstein. Den nimm und komm, ohne dich aufzuhalten, sonst ist es dein Todestag. Jeder Fluch, den sie dir nachrufen, erfüllt sich.“ Das Mädchen ging auf dem vom Pferde beschriebenen Wege, betrat die Höhle, wo die Deve wohnten, trat ein, nahm den in der Höhle befindlichen Karfunkelstein, kehrte um und kam zum Pferde. Währenddessen wachten die Deve auf und verfolgten das Mädchen. Da sie das Mädchen nicht erreichen konnten, fingen sie an zu schreien: „Bei Gott, Jüngling, wenn du ein Mann bist, sollst du ein Mädchen werden, wenn du ein Mädchen bist, sollst du ein Mann werden.“ Das Mädchen kam eiligst zum Pferde und sagte: „Da habe ich ihn.“ Das Pferd antwortete: „Meine Prinzessin, haben sie Verwünschungen hinter dir ausgestoßen? Wenn sie es getan haben, so steht es schlimm. Das läßt sich nicht mehr bessern.“ Das Mädchen sagte: „So haben sie mir nachgerufen: ‚Bei Gott, Jüngling, wenn du ein Mann bist, sollst du ein Mädchen sein, wenn du ein Mädchen bist, sollst du ein Mann sein.‘ “ Dann befühlt sich das Mädchen und sieht, — was siehst du? — regelrecht wie beim Mann hat sie ein Glied. Als das Pferd sieht, daß es dem Mädchen so ergangen ist, wurde es sehr froh. Das Mädchen sagte zu sich: „Das war es ja, was ich mir immer gewünscht hatte. Gott sei Dank, ich habe meinen Wunsch erreicht.“ Das Pferd sagte: „Prinz, was du jetzt noch wünschst, werde ich dir zuliebe tun, denn du bist ein Mann geworden.“ Das Mädchen bestieg das Pferd. Das Pferd machte sich wie ein wehender Wind auf den Weg. Nach einiger Zeit kam es vor das Schloß und hielt an. Der Prinz stieg vom Pferde und das Pferd verschwand spurlos. Der Prinz ging sofort ins Schloß zum Padischah und sagte: „Mein Padischah, ich habe den gewünschten Karfunkelstein gebracht.“ Sofort rief der Padischah das Mädchen und sagte: „Meine Tochter, dieser Jüngling hat den von ihm verlangten Karfunkelstein [[46]]gebracht. Was wirst du jetzt für eine Finte vorbringen?“ Das Mädchen antwortete: „Vater, gib mir um Gottes willen diese Nacht Erlaubnis. Morgen werde ich endgültig Antwort geben.“ Er sagte: „Sehr schön, meine Tochter, morgen soll es sein.“ Dann ging das Mädchen aus dem Zimmer. Der Prinz ging auch aus dem Zimmer, verbarg sich irgendwo, ging an die Tür des Zimmers, wo das Mädchen war, und spähte wieder wie das erstemal durch das Schlüsselloch. Das Mädchen setzte wieder ein goldenes Becken in die Mitte des Zimmers. Sofort kam die bekannte Taube, flog ins Becken, wusch sich, wurde ein mondgleicher Jüngling und legte sich neben das Mädchen. Nachdem sie sich umarmt hatten, sagte das Mädchen: „Mein Herzblatt, dieser elende Jüngling hat den von dir beschriebenen Karfunkelstein gebracht. Wie wird es uns nun gehen?“ Der Jüngling sagte: „Darüber rege dich nicht auf. Ich sollte der Sohn eines Padischahs der Peris[10] sein und nicht einen Ausweg finden? In unserem Hofgarten ist eine weinende Granate und eine lachende Quitte. Wenn jemand an diesen Baum geht und seine Hand danach ausstreckt, fängt die Granate zu weinen und die Quitte, wenn sie sie weinen sieht, zu lachen an. Niemand kann an sie herankommen. Morgen wird mein Vater alle Soldaten, die er hat, bewaffnen und wir werden Tag und Nacht unter dem Baum in Bereitschaft stehen. Wenn der Jüngling dann kommt, werden wir ihn töten. Morgen verlange du von jenem Jüngling diesen Baum. Er wird dann gehen, um diesen Baum zu holen. Wenn wir ihn dort sehen, werden wir ihn mit Gewehren und Kanonen beschießen und töten.“ Als das Mädchen das hörte, wurde es froh. So beschlossen sie es mit dem Baum. Schließlich wurde der Jüngling wie früher wieder eine Taube, flog durch das Fenster und ging in sein Schloß. Dort bewaffnete er die Soldaten und sie stellten sich unter dem Baume auf.

Wir kommen nun wieder zu dem Mädchen. Am Morgen verließ sie ihr Zimmer, ging zum Padischah und sagte: [[47]]„Mein Padischah, an dem und dem Orte ist in dem Garten des Padischahs der Peris eine weinende Granate und eine lachende Quitte. Wenn dieser Jüngling jenen Baum brächte, würde ich nicht mehr nein sagen und ihn heiraten.“ Der Padischah rief sofort den Jüngling vor sich und sagte: „Jüngling, an dem und dem Orte im Schlosse des Padischahs der Peris ist eine weinende Granate und eine lachende Quitte. Wenn du sie auch noch bringst, werde ich eigenhändig dir meine Tochter geben.“ Der Jüngling sagte: „Ich habe alle die geforderten Dinge gebracht. Wenn Gott will, werde ich auch diese Bäume bringen.“ Er nahm die Erlaubnis vom Padischah, ging aus dem Schloß, zog aus seinem Busen die Haare und rieb sie eins an dem andern. Sofort erschien das Pferd und sagte: „Was willst du, mein Prinz?“ Der Prinz sagte: „Ach, mein Lieblingspferd, an dem und dem Orte im Garten des Padischahs der Peris ist eine weinende Granate und eine lachende Quitte. Die verlange ich.“ Das Pferd antwortete: „Mein Prinz, das ist etwas schwer. Aber für dich will ich mich opfern. Wollen gehen und sehen, wie es wird.“

Sofort bestieg der Prinz es. Das Pferd blies aus Maul und Nüstern Feuer wie ein Drache und machte sich auf den Weg. Nach einiger Zeit kamen sie in ein Land. Auf dem Wege waren drei Kinder und vor ihnen ein Fell, eine Derwischmütze, eine Reitpeitsche und ein Pfeil. Diese vier Dinge waren als Erbschaft von den Vorfahren der Kinder übriggeblieben. Die drei Brüder konnten diese Dinge nicht teilen und stritten darüber. Als das Pferd sie so sah, sagte es: „Mein Prinz, diese Dinge sind dir sehr nötig. Geh, überrede die Kinder, daß du die Dinge von ihnen bekommst.“ Der Prinz sagte: „Sehr gut“, ging zu den Kindern und sagte: „Meine Kinder, warum streitet ihr euch so? Wartet, ich werde sie euch einteilen.“ Er nahm den Pfeil vom Boden und sagte: „Ich werde diesen Pfeil abschießen. Wer ihn holt und zuerst herbringt, dem gehört die Erbschaft.“ Die Kinder waren damit einverstanden. Der Prinz schoß mit Armeskraft [[48]]den Pfeil ab und die Kinder liefen nach der Stelle, wo der Pfeil hingeflogen war. Der Prinz nahm das vor ihm liegende Fell, die Derwischmütze und die Reitpeitsche, legte an ihrer Stelle je eine Handvoll Goldpfunde, ging zum Pferde und bestieg es. Das Pferd machte sich, ohne zu säumen, auf den Weg. Als die Knaben zurückkamen, sahen sie, daß an der Stelle der Sachen je eine Handvoll Goldpfunde da war. Sie freuten sich und nahmen sie. Schließlich kam der Prinz und das Pferd allmählich zum Schlosse des Padischahs der Peris. Das Pferd sagte: „Die Derwischmütze, die du genommen hast, setze dir auf, steige auf das Fell und schlage dies Fell mit der Reitpeitsche. Dann mußt du dich in die Lüfte erheben, bei dem genannten Baum heruntergehen und mit einem Schlage die Bäume mit der Wurzel ausreißen und mir bringen.“ Da setzt der Prinz die Derwischmütze auf, geht in das Schloß, betritt das Zimmer, wo der Padischah der Peris und sein Sohn sind, und sieht, daß das Mädchen in roten Kleidern und jener Jüngling dort sitzen und der Liebe pflegen. Der Prinz geht sogleich zu ihnen, setzte sich zu ihnen, aber niemand sieht ihn. Danach kamen Speisen. Während das Mädchen und der Jüngling sitzen und essen, setzt sich der Prinz auch an eine Seite und fängt an zu essen. Sie sehen, daß auf der anderen Seite auch die Speisen weniger werden. Der Jüngling sagt: „Meine Prinzessin, dies ist mein Platz, das ist dein Platz. Aber wessen Platz ist das?“ Das Mädchen wunderte sich auch. Nachdem sie die Speisen gegessen hatten und fertig waren, setzten sie sich auf das Polster vor dem Fenster. Vorher hatte das Mädchen dem Sohne des Padischahs der Peris ein Tuch als Geschenk gegeben. Der Prinz hatte dies Tuch vom Polster weggenommen und in seinen Busen gesteckt. Sie sehen, daß das Tuch nicht auf dem Polster ist. Obgleich sie überall im Zimmer suchen, finden sie es nicht.

Der Prinz setzte sich auf das Fell, schlug es mit der Peitsche und fuhr in die Lüfte. Mittlerweile war es Abend geworden, [[49]]sofort fuhr er über die weinende Granate und über die lachende Quitte, faßte den Baum mit aller Kraft und zog ihn mit der Wurzel aus. Da weinte der eine Baum und der andere lachte. Er nahm sie und fuhr gen Himmel. Als die dort befindlichen Soldaten sahen, daß der Baum verschwand, sagten sie: „Schießt ohne Säumen.“ Bei dem Kampf kamen die Soldaten in Verwirrung, riefen: „Der Feind ist da!“ und erschlugen sich gegenseitig. Der Jüngling und das Mädchen sahen aus dem Fenster. Als sie sahen, daß der Baum verschwand, riefen sie: „Um Gottes willen!“ und merkten die Sache. Der Sohn des Padischahs der Peris sagte: „Meine Prinzessin, er hat das Tuch, das du mir als Geschenk gegeben hast, genommen und auch den Baum. Jetzt gebe ich dich frei, nun heirate, wen du willst.“ Das Mädchen verließ weinend den Palast, ging zu ihrem Vater und blieb dort.

Wir kommen nun wieder zu dem Prinzen. Nachdem er den Baum genommen hatte, ging er wieder zum Pferde, bestieg es und sie machten sich auf den Weg. Eines Tages betraten sie das Schloß. Der Prinz stieg vom Pferde und ging zum Padischah, pflanzte den Baum in die Erde und sagte: „Mein Padischah, da habe ich ihn gebracht.“ Der Padischah antwortete: „Bravo, mein Sohn, du warst sehr tüchtig. Wie könnte ich wohl einen Besseren finden, dem ich meine Tochter geben könnte.“ Dann verheiratete er sie.

Vierzig Tage und Nächte dauerte das Hochzeitsfest. Danach nahm der Prinz das Mädchen mit sich und ging zum Schlosse seines Vaters zu seinem Vater und seiner Mutter, küßte den Saum ihres Kleides, setzte sich und erzählte alles, was ihm passiert war, eins nach dem andern. Sein Vater und seine Mutter verwunderten sich sehr. Schließlich verheiratete (der Vater) die angekommene Dame noch einmal mit dem Prinzen. Vierzig Tage und vierzig Nächte dauerten die Hochzeitsfestlichkeiten, und sie erlangten, was sie wünschten. [[50]]

[[Inhalt]]

5. DIE GESCHICHTE VON DER SCHÖNEN, DIE DAS ERREICHTE, WAS SIE WOLLTE

Die Geschichtenüberlieferer und Märchenerzähler berichten folgendes. In alten Zeiten hatte eine alte Frau eine sehr liebenswürdige Tochter, die an Schönheit nicht ihres gleichen in der Welt hatte. Dies Mädchen saß in ihrem Zimmer und stickte. Eines Tages am Abend kam durch das Fenster ein Vogel und sprach sie in wohlgesetzter Rede an: „Meine Prinzessin, vierzig Tage wirst du einen Toten bewachen und dann das erreichen, was du willst.“ Dann flog er weg. Das Mädchen legte sich am Abend schlafen und schlief ein. Am nächsten Tage, am Abend, kam wie das vorige Mal der Vogel, sprach wieder zu ihr und flog weg. Das arme Mädchen erzählte ihrer Mutter die Worte des Vogels. Die Mutter sagte: „Ach, mein Mädchen, wann kommt der Vogel?“ Das Mädchen sagte: „Heute Abend kommt er wieder.“

Am Abend verbarg sich die Mutter in einem Schranke. Der Vogel kam wieder und sagte: „Meine Prinzessin, vierzig Tage wirst du einen Toten bewachen und danach das erreichen, was du willst.“ Dann flog er wieder fort. Als die Mutter dies hörte, sagte sie: „Ach, mein Mädchen, komm, wir wollen uns vor dem Vogel retten und flüchten.“ Darauf nahmen sie ihre Sachen, die an Last leicht, an Wert schwer waren, und machten sich auf den Weg. Sie kamen an ein anderes Schloß, wohnten in einem Teile außerhalb des Schlosses. In der Nacht legten sie sich schlafen und schliefen ein. Der Vogel kam wieder, ergriff leise das Mädchen und führte es in ein Zimmer innerhalb des Schlosses. Dann flog der Vogel weg. Als das Mädchen seine Augen öffnete und sich umschaute, sah sie sich in dem Schlosse, und in der Mitte des Zimmers lag in einem Bette ein Toter. Als das Mädchen das sah, wäre sie beinahe ohnmächtig geworden und sagte: „Ach, nun hat der Vogel doch recht. Das ist von Gott; ich werde ertragen, was mir auf die Stirne geschrieben ist[11]. Das Ende wird ja gut, so Gott will.“ [[51]]