Wir kommen nun wieder zu dem Prinzen. Als das Pferd ihn mit sich genommen, brachte es ihn an einem Tage in ein sechs Monate entferntes Land, stand still und sagte zum Mädchen: „Meine Prinzessin, nun habe ich dich soweit gerettet. Jetzt gehe, wohin du willst, und sorge für dich.“ Das Mädchen stieg vom Pferde, fing an zu weinen und sagte: „Ach, mein Lieblingspferd. Zuerst sei Allah, dann dir gedankt. Jetzt will ich von hier gehen, aber wenn mir ein Unglück zustößt, was soll ich da tun?“ Das Pferd antwortete: „Meine Prinzessin, ich werde dir drei Haare von mir geben. Bewahre sie bei dir, damit du, wenn dir etwas passiert, die Haare nimmst und eins an dem andern reibst. Dann werde ich dir Hilfe bringen.“ [[39]]
Die Prinzessin sagte: „Sehr schön“, nahm von dem Pferde drei Haare und steckte sie in ihren Busen. Dann trennte sich das Mädchen von dem Pferde und machte sich auf den Weg. Auch das Pferd verschwand spurlos.
Auf seiner Wanderung kommt das Mädchen in ein Land und sieht vor sich ein großes Schloß und dabei eine schöne Küche. Es war Abend geworden. Sie wechselte sofort ihre Kleider und ging in die Küche des Schlosses. Da sieht sie, daß die Köche eilig eine Mahlzeit kochen. Sie geht zu ihnen und sagt zu ihnen: „Meister, wollt ihr mich als Lehrling annehmen?“ Die fuhren sie an: „Siehst du nicht, daß wir unsere Arbeit haben? Was sollen wir mit dir anfangen?“ Schließlich flehte und überredete sie sie, daß sie einwilligten. Das Mädchen tat im Hause von unten bis oben Dienste. Schließlich redete sie einen an: „Meister, warum kochst du so eilig?“ Die sagten: „Mein Sohn, in dieses Land kommt in sechs Jahren einmal in der Nacht ein Dev[9]. Der frißt die Leber des Padischah und geht wieder. Morgen ist die Zeit, da er kommt. Deswegen sind wir heute so aufgeregt.“ Als das Mädchen das hörte, biß es sich auf den Finger vor Erstaunen.
Diese Nacht schlief das Mädchen nicht und kochte mit den Köchen bis zum Morgen. Als es Morgen wurde, ging das Mädchen in das Schloß, stieg nach oben, kommt in ein Zimmer und sieht eine Prinzessin sitzend, vom Kopf bis zu den Zehen in schwarzen Kleidern. Dann geht sie in ein anderes Zimmer und sieht eine Prinzessin gleichfalls wie die erste in Schwarz. Die Einrichtung des Zimmers war ebenfalls schwarz. Darauf geht sie in ein anderes Zimmer und sieht mitten in dem Zimmer auf einem Bette eine Prinzessin vom Kopf bis zu den Zehen in roten Kleidern. Danach kommt sie in das Zimmer des Padischah und sieht, daß man dem Padischah, der bewußtlos in einer Ecke lag, Essenzen zu riechen gibt.
Es wurde Abend und die Ankunft des Devs stand bevor. Sogleich zog das Mädchen aus seinem Busen die Haare, [[40]]welche das Pferd ihm gegeben hatte, heraus und reibt eins am andern. Sofort erscheint das Pferd und sagte: „Was willst du, meine Prinzessin?“ Das Mädchen sagte: „Ich will von dir ein Schwert, welches einen großen Dev in dem Augenblick, da ich ihn geschlagen habe, in zwei Teile spalten muß.“ Das Pferd antwortete: „Da, meine Prinzessin, hast du ein Schwert. Schlage aber nicht zum zweiten Male auf die Stelle, wo du einmal hingeschlagen hast.“ Dann verschwand das Pferd spurlos.
Das Mädchen nahm das Schwert, ging in das Zimmer, wo der Padischah war, trat leise hinein und verbarg sich an einer Stelle. Als es Mitternacht war, kam ein Geräusch vom Himmel. Die Luft wurde pechschwarz. Danach geschah ein Gepolter und ein großer Dev stand im Zimmer. Sogleich sagte das Mädchen: „Mit Gottes Hilfe!“ und schlug mit dem Schwerte, das sie bei sich hatte, auf den Kopf des Devs einen solchen Schlag, daß der Kopf vom Körper getrennt wurde. Da schrie der Dev: „Jüngling, ich möchte wissen, ob du ein Mann bist. Schlage doch noch einmal!“ Das Mädchen erinnerte sich an die Mahnung des Pferdes, war still und schlug nicht zum zweitenmal. Da entschwand die Seele des Devs und fuhr in die Hölle.
Das Mädchen ging dann zum Dev, schnitt ihm ein Ohr ab und steckte es in die Tasche. Darauf ging sie zu den Köchen und machte wie vorher ihren Dienst im Hause von unten bis oben. Schließlich am Morgen kam der Padischah wieder zu sich und sagte: „Bin ich nicht gestorben?“ Er sieht mitten in das Zimmer und erblickt einen scheußlichen, schwarzen Dev. Wer ihn sah, wurde ohnmächtig. Er überlegte sich: „Wer kann wohl diesen Dev getötet haben?“ und dankte Gott. Als er hinausging und alle Leute des Palastes den Schah sahen, waren sie alle verwundert und sagten: „Bei Gott, unser Padischah ist am Leben“ und dankten Gott. Als der Padischah rief: „Wer hat diesen Dev in dieser Nacht getötet?“ da sagten sie, indem einer nach dem anderen vortrat: „Padischah, wir haben [[41]]ihn getötet.“ Da gab der Padischah ihnen reichlich Geschenke; bis zu den Köchen herab erhielten sie Geschenke. Das Mädchen trat nicht vor. Die Köche sagten zu dem Mädchen: „Lehrling, wir haben von dem Padischah ein Geschenk erhalten. Was wartest du, geh hin und hol’ dein Geschenk.“ Das Mädchen sagte: „Wenn ich zum Padischah gehe, jagt er mich davon.“ Sie sagten: „Nein, warum sollte er dich wegjagen, er gibt dir ein Geschenk.“ Sie drangen in das Mädchen, so daß es aufstand und zum Padischah ging und sagte: „Mein Padischah, diesen bösen Dev habe ich getötet.“ Der Padischah wies das Mädchen zurück und sagte: „Wie hättest du die Kraft, ihn zu töten!“
Das Mädchen antwortete: „Mein Padischah, wenn du es nicht glaubst, werde ich dir das Ohr des Devs zeigen.“ Dann zog das Mädchen das Ohr des Devs aus der Tasche, gab es dem Padischah und sagte: „Wenn Sie es nicht glauben, gehen Sie und sehen den Kopf des Devs an.“ Dann ging man zum Dev und sah, daß tatsächlich ein Ohr fehlte. Der Padischah antwortete: „Mein Sohn, fordere von mir, was du willst.“ Das Mädchen antwortete: „Ich wünsche nur deine Gesundheit.“ Als er noch einmal fragte, sagte es wieder so. Als er zum dritten Male fragte, sagte es: „In jenem Zimmer ist ein Mädchen in roten Kleidern, das wünsche ich.“ Er sagte: „Mein Sohn, dieses Mädchen habe ich schon so viel schönen jungen Männern geben wollen. Sie gefielen ihr aber nicht und sie hat sie nicht genommen. Was willst du mit der Hure machen. In dem anderen Zimmer sind meine Lieblingstöchter in schwarzen Kleidern, die werde ich dir geben.“ Das Mädchen sagte: „Mein Padischah, mein Herz liebt diese, wenn du sie mir geben willst, gib sie mir, eine andere will ich nicht.“ Darauf befahl der Padischah und rief das Mädchen in roten Kleidern. Die kam auch und blieb mit übereinandergelegten Händen stehen. Der Padischah sagte: „Meine Tochter, dieser junge Mann wünscht dich, nimmst du ihn an?“ Das Mädchen antwortete: „Mein Padischah, erlaube mir, daß ich [[42]]diese Nacht noch schlafe, damit ich einen Traum habe. Morgen werde ich Antwort geben.“ Er gab die Erlaubnis und das Mädchen ging in ihr Zimmer.
In der Nacht ging das Mädchen, das den Dev getötet hatte, an die Tür des Zimmers, in der das Mädchen mit den roten Kleidern war, und spähte durch das Schlüsselloch. Da sah es, daß das Mädchen in die Mitte des Zimmers ein goldenes Becken stellte und reines Wasser hineingoß. Dann kam durch das Fenster eine Taube, wusch sich in dem Becken, schüttelte sich und wurde ein mondgleicher Jüngling. Darauf stieg er auf das Lager des Mädchens, umarmte das Mädchen und sie pflegten der Liebe. Das Mädchen sagte: „Ach, mein Augenstern, heute hat mich mein Vater gerufen und will mich einem armseligen Manne geben. Ich habe ihn um Erlaubnis gebeten, daß ich diese Nacht auf meinen Traum warten dürfte. Ich habe es nur getan, um mich mit dir zu beraten.“ Der Jüngling sagte: „Meine Prinzessin, an dem und dem Ort ist bei Deven ein Spiegel, den zu holen niemand wagt. Morgen trage es dem Jüngling auf und sage ‚Wenn du ihn holst, werde ich dich heiraten.‘ “ Das hörte das Mädchen draußen. So einigten sie sich. Am Morgen wurde der Jüngling wieder wie vorher ein Vogel und flog davon. Das Mädchen ging aus dem Zimmer zum Padischah und sagte: „Mein Padischah, an dem und dem Ort ist bei Deven ein Spiegel. Wenn er den bringt, werde ich ihn heiraten.“ Danach rief der Padischah diesen Jüngling und sagte: „Mein Sohn, sagte ich dir nicht, daß dies Mädchen ihr Spiel mit uns treibt. Da gibt es jetzt einen Spiegel, den will sie von dir.“ Er sagte: „Mein Padischah, wenn Sie erlauben, hole ich ihn.“ Der Padischah erwiderte: „Sehr schön, mein Sohn.“ Schließlich ging das Mädchen aus dem Schloß, holte aus seinem Busen die Haare, welche das Pferd ihm gegeben hatte. Als es sie aneinandergerieben hatte, erschien das Pferd und sagte: „Was willst du, meine Prinzessin?“ Das Mädchen antwortete: „Ach, mein Lieblingspferd, an dem und dem Orte ist bei Deven ein Spiegel, den will ich [[43]]haben.“ Das Pferd sagte: „Sehr schön, meine Prinzessin, steige auf meinen Rücken.“ Das Mädchen stieg auf und wie der wehende Wind ging es auf die Reise. Nach einiger Zeit kam es an einen großen Berg, machte halt und sagte: „Meine Prinzessin, bis hierhin habe ich dich gebracht, jetzt gehe du auf den Berg, der vor dir liegt, dort ist der Platz der Deve. Sieh sie dir an. Wenn ihre Augen geschlossen sind, schlafen sie nicht, wenn sie offen sind, schlafen sie. Geh leise hinein. Ihnen zu Häupten hängt der Spiegel. Nimm sofort den Spiegel, nimm ihn und kehre zu mir zurück, ohne dich umzusehen.“ Das Mädchen sagte: „Sehr schön“, stieg auf den Berg und ging an den Platz, wo die Deve waren. Es sieht, daß die Augen der Deve geöffnet sind, und weiß daraus, daß sie schlafen. Sofort tritt es ein, nimmt den Spiegel, der ihnen zu Häupten hängt, kehrt, ohne sich umzusehen, schleunigst zu dem Pferde zurück. In diesem Augenblick wachen die Deve auf und schreien hinter dem Mädchen her: „Jüngling, bringe uns unseren Spiegel wieder“ und werfen Steine von der Größe von Bergblöcken hinter ihm her. Das Mädchen läßt sich nicht halten, kommt zu dem Pferde und besteigt es. Das Pferd macht sich kraft seiner Hufe wie ein wehender Wind davon und die Deve sehen ihm nach. Schließlich kommen sie nach einiger Zeit wieder vor das Schloß. Das Mädchen steigt vom Pferde und sieht, daß das Pferd spurlos verschwunden ist.
Dann betritt das Mädchen das Schloß, ging zum Padischah und sagte: „Da, mein Padischah, habe ich den verlangten Spiegel gebracht.“ Der Padischah rief sofort das Mädchen mit den roten Kleidern und sagte: „Da, dieser Jüngling hat den von dir verlangten Spiegel gebracht.“ Das Mädchen nahm den Spiegel und sagte: „Vater, gib mir diese Nacht Erlaubnis, morgen werde ich euch Antwort geben.“ Der Padischah sagte: „Sehr schön.“ Dann zog sich das Mädchen in sein Zimmer zurück. Der Jüngling ging auch aus dem Zimmer und verbarg sich irgendwo. [[44]]Schließlich in der Nacht ging er wieder an die Tür des Zimmers, wo sich das Mädchen befand, und spähte wieder durch das Schlüsselloch. Das Mädchen stellte wieder wie das erstemal in die Mitte des Zimmers ein goldenes Becken. Sofort kam eine Taube durch das Fenster, flog in das Becken, schüttelte sich, wurde ein löwengleicher Jüngling und legte sich in das Bett des Mädchens. Nachdem sie sich umarmt hatten, sagte das Mädchen: „Du Freude meines Herzens, du Glanz meines Auges. Dieser elende junge Mann hat den von dir beschriebenen Spiegel den Deven entrissen und hergebracht. Ich habe mir für diese Nacht Erlaubnis erbeten, damit ich die Sache mit dir berate und einen Ausweg finde.“ Der Jüngling sagte: „Meine Prinzessin, darüber rege dich nicht auf. An dem und dem Orte ist bei den Deven ein Karfunkelstein, den niemand holen kann. Morgen fordere du diesen von dem Jüngling. Den kann er nicht bringen und wir bleiben für uns.“ Das Mädchen an der Tür hörte dies. Am Morgen wird der Jüngling, wie das erstemal, wieder ein Vogel und flog durch das Fenster davon.