Die glaubte ihr und verstopfte beide Löcher. Dann kam sie herein und setzte sich. Der schöne Kaffeeschenk ging [[35]]zu ihr und sagte: „Loch, wer hat dich durchstochen?“ Vom Loch kam keine Antwort. Er sagte zum andern Loch: „Warum kommt keine Stimme heraus?“ Auch dort keine Antwort. Dann ging er an das Ohr des Mädchens und rief: „Loch, warum antworten nicht die unteren Löcher?“ Das Loch antwortete: „Ach, mein Herr, wie sollten sie antworten, sie sind beide verstopft.“ Da sagte der schöne Kaffeeschenk: „Nun, meine Herren, habt ihr eure Töchter gehört, wie sie es eingestanden haben? Ihr hättet sie auch nicht genommen, wie sollte ich sie nehmen?“ Die waren still und sagten keinen Ton.

Dann sagte er wieder: „Nun, meine Herren, ich will auch eure Löcher zum Sprechen bringen, damit kein Zweifel sei.“ Sie sagten: „Ach, mein Sohn, bringe nicht unsere Löcher zum Sprechen, da, nimm diese Goldstücke, geh und lebe ruhig, wo du bist.“

Da stand der schöne Kaffeeschenk auf, ging in sein Haus. Vierzig Tage und vierzig Nächte dauerte das Hochzeitsfest. Sie erlangten, was sie wollten.

[[Inhalt]]

4. DIE GESCHICHTE VON DER WEINENDEN GRANATE UND DER LACHENDEN QUITTE

Die Geschichtenüberlieferer und die Märchenerzähler berichten folgendes. In alter Zeit hatte ein Padischah neun Töchter. Als er eines Tages bei der Königin saß, dachte er nach und sagte: „Wenn ich sterbe, habe ich keinen Sohn, der meinen Thron besteigen wird. Wenn du diesmal wieder ein Mädchen bekommst, werde ich dich töten.“ Schließlich brachte die Königin nach einigen Monaten wieder ein Mädchen zur Welt. Da machte die Königin und die Hebamme aus Wachs ein männliches Glied und ließ es dem Kind an der Scheide befestigen. Als der Vater eintrat und es sah, freute er sich und war froh. Die Hebamme sagte: „Mein Padischah, Ihre Augen mögen glänzen! Sie haben einen Sohn.“ Vorsichtig zeigte man das Glied des Kindes. Da war nun kein Zweifel mehr. [[36]]

Das Kind wuchs heran. Als die Zeit der Beschneidung herankam, zog sich die Königin in ein Zimmer zurück und fing an zu weinen. Das Mädchen ging zu seiner Mutter, und als es sie weinen sah, sagte es: „Mutter, was ist passiert, daß du so weinst?“ Die Mutter sagte: „Ach, mein Mädchen, wenn ich nicht weine, wer sollte dann weinen! Denn als du ein Kind warst, haben wir dich deinem Vater als Jungen angegeben. Obgleich du ein Mädchen bist, hält dich dein Vater für einen Jungen. Jetzt ist die Zeit der Beschneidung für dich gekommen. Wenn er sieht, daß du ein Mädchen bist, wird er mich töten. Deswegen weine ich.“ Das Mädchen sagte zu seiner Mutter: „Darüber rege dich nicht auf. Ich werde zu meinem Vater gehen und ihn bitten, dann beschneidet er mich dies Jahr nicht.“ Am nächsten Morgen ging das Kind zu seinem Vater, küßte ihm die Hand und fing an zu weinen. Der Padischah sagte: „Mein Sohn, warum weinst du so?“ Das Kind antwortete: „Vater, Sie wollen mich beschneiden, deswegen weine ich, denn ich bin noch klein.“ Sein Vater sagte: „Mein Sohn, weine nicht, wollen es dies Jahr lassen. Im nächsten Jahr wirst du beschnitten.“ Es küßte wiederum seinem Vater die Hand und ging froh zu seiner Mutter und sagte: „Ich habe meinen Vater überredet. Im nächsten Jahr wird die Beschneidung sein.“ Die Mutter freute sich auch, nahm das Kind auf den Schoß und küßte es auf die Augen.

Im nächsten Jahre zog sich die Mutter wieder in ein Zimmer zurück und fing an zu weinen. Das Mädchen ging zu ihr, und als es die Mutter weinen sah, sagte es: „Mutter, warum weinst du?“ Die Mutter antwortete: „Ach, meine Tochter, auch dies Jahr ist vorüber, ich weiß nicht, was ich tun soll.“ Das Mädchen ging wieder wie das erstemal zu seinem Vater, machte ihm wieder etwas vor. Auch in diesem Jahre wollte der Vater seinem Kinde nicht weh tun und unterließ die Beschneidung auch in diesem Jahre.

Darauf ging es erfreut zu seiner Mutter und sagte: „Mutter, auch dies Jahr habe ich meinen Vater überredet. Nun [[37]]weine nicht mehr.“ Inzwischen verging reichlich Zeit. Das zweite Jahr war auch vorüber. Wieder zog sich die Königin in ein Zimmer zurück und fing an zu schluchzen. Als das Mädchen aus der Schule kam und seine Mutter weinen sah, konnte es es nicht aushalten und fing an mit seiner Mutter zusammen zu weinen. Die Mutter sagte: „Ach, meine Tochter, zweimal hast du deinen Vater davon abhalten können, die Beschneidung zu vollziehen, aber jetzt ist auch dies Jahr um. Jetzt bist du jedoch erwachsen und nun gibt es keinen Ausweg mehr. Morgen wird mich dein Vater töten. Heute ist der letzte Tag meines Lebens.“ Das Mädchen antwortete: „Liebe Mutter, wenn mich morgen mein Vater ruft, um die Beschneidung zu vollziehen, werde ich zu ihm gehen und ihn um die Erlaubnis bitten, eine halbe Stunde spazierengehen zu dürfen, dann werde ich in den Stall gehen ein schnelles Pferd besteigen und entfliehen. Weine nicht um mich. Ich werde in andere Länder flüchten. Ich werde mich für dich opfern.“ So beschlossen sie.

Am nächsten Morgen kamen viele Leute zusammen, die da sagten: „Es werden große Zelte aufgeschlagen, der Ort für die Beschneidung wird hergerichtet und der Prinz wird beschnitten.“ Der König rief den Prinzen und sagte: „Mein Sohn, du bist nun genau dreizehn bis vierzehn Jahre. Sage nun nicht mehr nein. Heute wirst du sogleich beschnitten.“ Das Mädchen sagte: „Vater, gib mir noch eine halbe Stunde, ich will hier noch etwas herumreiten, danach mag man mich beschneiden. Ich bin damit einverstanden.“ Der Vater sagte: „Sehr wohl, mein Sohn“ und gab dem Prinzen die Erlaubnis. Der ging sofort in den Stall und sieht ein rabenschwarzes, fleckenloses Pferd, geht zu ihm und fängt an zu weinen. Das Pferd fängt an zu sprechen und sagt: „Mein Prinz, warum weinst du so?“ Das Mädchen wundert sich und sagt: „Ach, mein Pferdchen, wenn ich nicht weine, wer soll dann weinen? Mein Vater hält mich seit meiner Geburt für einen Jungen. Jetzt will er mich beschneiden. Wenn er [[38]]dann merkt, daß ich ein Mädchen bin, wird er meine Mutter töten. Ich habe von meinem Vater eine halbe Stunde Erlaubnis erhalten und bin hierhergekommen, damit ich ein Pferd besteige und fliehe.“ Das Pferd antwortete: „Meine Prinzessin, deswegen rege dich nicht auf. Ich werde dich zunächst mit Gottes Erlaubnis in andere Länder bringen, aber ich rate dir: wenn du auf mir sitzest, mußt du mir den Zügel völlig frei lassen, dich fest am Halfter halten und für dich sorgen; denn ich laufe wie der wehende Wind. Selbst wenn man hinter mir mit Kugeln schösse, so würden sie mich nicht erreichen. Dementsprechend richte dein Verhalten ein.“ Schließlich bestieg das Mädchen das Pferd, ritt zu dem Platze und tummelte sich dort. Die dort befindlichen Soldaten betrachteten den Prinzen. Nach einer halben Stunde ging das Pferd mitten durch die Soldaten und enteilte wie ein wehender Wind. Als die Anwesenden dies sahen, gingen sie zum Vater und erzählten es ihm. Sofort wurden Leute nach ihm ausgeschickt, fanden aber keine Spur von ihm. Sie kehrten wieder um und erzählten es dem Vater. Der Padischah und das ganze Volk trauerten um den Prinzen. Die dort aufgestellten Soldaten wurden wieder an ihren Platz, wo sie stationiert waren, entlassen.