Wir wollen uns nun zu dem Prinzen wenden. Er hatte den Hausmeister nach dem Opiumraucher ausgeschickt. Auch der war nicht wieder gekommen. Danach schickt er den Schatzmeister Aga hinter ihnen her. Kurz, als der Schatzmeister Aga sie so sieht, wundert er sich, geht zu ihnen und sagt: „Was ist euch geschehen?“ Der Opiumraucher sagt: „Wenn man aus diesem Schlosse eine Rose wirft, nimm sie nicht und rieche nicht daran.“ Der Hausmeister sagt: „Wenn du auch in dieses Schloß gehst, tue es nur, indem du vorher deine Mütze abnimmst.“ Der Schatzmeister Aga geht ins Schloß. Der Jüngling sagt: „Meine Prinzessin, der Schatzmeister Aga des Prinzen kommt. Auch dem will ich einen Streich spielen.“ Sie antwortet: [[74]]„Nach Belieben.“ Als der Schatzmeister das Schloß betritt, sagt der Jüngling: „Auch den zieht aus. Er soll sein Nachtgewand anziehen und so kommen.“ Sie ziehen ihm die Kleider aus, aber seine Hose geht nicht aus. Wie sehr er auch Gewalt anwendet, er kann sie nicht ausbekommen. Sogleich berichten die Sklavinnen dies. Der Jüngling sagt: „Was ist das für ein Mensch, der seine Hosen nicht ausziehen kann.“ Darauf treibt man auch den Schatzmeister Aga aus dem Schlosse. Als er einen Schritt durch das Tor gemacht hat, fallen seine Hosen von selber herunter. Da sagt er zu den Hosen: „Drinnen konntet ihr nicht ausgehen, wozu könnt ihr es draußen?“ und schlägt sie auf den Boden. Dann geht er zu den beiden anderen. Der Prinz ist zornig und sagt zu sich: „Was ist das wohl mit denen?“ Er geht aus dem Schloß, trifft sie und fragt sie: „Was ist denn euch geschehen?“ Der Opiumraucher antwortet: „Wenn man aus dem Schlosse eine Rose wirft, nimm sie nicht und rieche nicht daran.“ Der Hausmeister sagt: „Geh erst hinein, nachdem du die Mütze abgenommen hast.“ Der Schatzmeister Aga sagt: „Geh erst hinein, nachdem du die Hosen ausgezogen hast.“ Als sie das sagten, wird der Prinz verwirrt, sagt: „Was soll das bedeuten?“ und geht ins Schloß. Als er eintritt, gehen die Prinzessin, der Jüngling, die drei Kinder und alle Sklavinnen ihm mit Ehrfurcht und Höflichkeit entgegen. Sie führen ihn nach oben, setzten sich in einem Zimmer nieder und begrüßen ihn. Das älteste der Kinder hat in der Hand einen Schemel, das mittelste ein Handtuch, das kleinste einen Servierteller mit einem Teller und darinnen Birnen und daneben einen Löffel. Das älteste stellt den Schemel hin, das mittelste legt dem Prinzen das Handtuch vor, das jüngste stellt den Servierteller hin. Der Prinz verwundert sich und sagt zu den Kindern: „Ißt man Birnen mit Löffeln?“ Als die Kinder antworteten: „Ißt ein Mensch Menschen?“ schweigt der Prinz und denkt nach. Da sagten sie: „Hier, wir sind deine Kinder, das ist unsere Mutter.“ Der Jüngling tritt [[75]]hinzu und sagt: „Prinz, mögen deine Augen leuchtend sein. Das ist die Prinzessin, das da sind deine Kinder.“
Da kommen die Kinder, hängen sich ihrem Vater an den Hals und die Prinzessin umarmt ihren Gatten, und sie freuen sich aus vollem Herzen. Der Jüngling sagt: „Prinz, ich bin ihr Sklave. Die Prinzessin hatte mich für Geld gekauft, und ich war ein Gefangener. Meine Mutter hatte mich so verflucht. Das war meine Lage. Wenn Sie mir gütigst die Erlaubnis geben, werde ich in meine Heimat gehen und meinen Vater und meine Mutter wieder sehen, da sie Sehnsucht nach mir haben.“ Er erhielt die Erlaubnis und ging weg. Die machten von neuem Hochzeit. Vierzig Tage und vierzig Nächte dauerten die Festlichkeiten. Sie erreichten, was ihr Wunsch war. Gott möge auch uns unsern Wunsch erreichen lassen. Amen, o Helfer.
[[Inhalt]]
8. DIE GESCHICHTE VOM SMARAGDENEN ANKAVOGEL[15]
Die Geschichtenüberlieferer und die Märchenerzähler berichten folgendes. In früheren Zeiten hatte ein Padischah in seinem Privatgarten einen Apfelbaum. Alljährlich brachte er drei Äpfel hervor. Wenn sie reif waren, kam um Mitternacht ein siebenköpfiger Dev, pflückte die Äpfel ab und ging weg. Der Padischah bekam nichts von ihnen zu essen. Der Padischah hatte auch drei Söhne. Eines Tages kommt der älteste, küßt den Boden und bleibt vor dem Vater stehen. Der Padischah fragt: „Was wünschst du mein Sohn?“ Er antwortet: „Wenn Euer Majestät erlauben, werde ich diese Nacht den Apfelbaum bewachen, den Dev töten und die Äpfel abpflücken.“ Der Padischah sagte: „Sehr schön, mein Sohn, aber wie willst du den Dev töten? Nachher stößt dir etwas zu. Wenn du ihn bestrafen kannst, töte ihn.“ Der Prinz nahm einen Pfeil in die Hand, ging in den Privatgarten und verbarg sich. Um Mitternacht entstand ein Geräusch und Getobe. Der Himmel war mit schwarzem [[76]]Nebel bedeckt. Nach einiger Zeit kam aus dem Nebel ein siebenköpfiger Dev hervor und ging zum Baum. Als der Prinz ihn sah, verließ ihn die Besinnung. Er erhob ein Geschrei und lief ins Schloß. Der Dev pflückte die Äpfel und ging weg. Am nächsten Morgen rief der Padischah den Prinzen vor sich und fragte: „Mein Sohn, was hast du gemacht? Hast du den Dev getötet und die Äpfel pflücken und herbringen können?“ Der Prinz küßte den Boden und antwortete: „Mein Padischah, ich habe nur das Leben retten können. Das ist ein Dev, daß jeder, der ihn sieht, die Besinnung verliert.“ Im nächsten Jahre ging der mittlere Prinz zu seinem Vater und sagte: „Vater, mein älterer Bruder hat den Dev nicht töten können. Mit Ihrer Erlaubnis werde ich diesmal hingehen und den Dev töten.“ Der Padischah antwortete: „Dein älterer Bruder hat den Dev nicht töten können; wie willst du ihn töten?“ Da antwortete er: „Ich kenne das Mittel.“ Da er sehr bat, wollte ihn sein Vater nicht erzürnen und gab ihm die Erlaubnis. Der Prinz nahm einen Pfeil in die Hand, ging in den Garten und verbarg sich. Genau um Mitternacht entstand ein Geräusch und Getobe, rabenschwarzer Nebel bedeckte die Erde und den Himmel. Nach einiger Zeit kam aus dem Nebel ein großer Dev und ging zum Baum. Als der Prinz das Gesicht des Devs sah, fürchtete er sich; seine Hände und Füße begannen zu zittern und er flüchtete eiligst in das Schloß. Der Dev pflückte die Äpfel und ging weg. Auch in diesem Jahre gab es kein Mittel gegen den Dev. Als das dritte Jahr um war, ging diesmal der jüngste Prinz zu seinem Vater und sagte: „Vater, wenn Sie erlauben, werde ich diesmal hingehen.“ Der Padischah sagte: „Deine Brüder konnten ihn nicht töten. Wie willst du ihn töten?“ Da er sehr bat und flehte, erhielt er die Erlaubnis von seinem Vater, ging in sein Zimmer, nahm einen vergifteten Pfeil, steckte einen Koran in seinen Busen und ging aus seinem Zimmer in den Privatgarten. Nachdem er sich im Gartenhause hingesetzt hatte, öffnete er den Koran und [[77]]fing an schön darin zu lesen. Genau um Mitternacht entstand ein Geräusch und Getobe und die Erde und der Himmel wurden mit schwarzem Nebel bedeckt. Nach einiger Zeit kam aus dem Nebel ein siebenköpfiger großer Dev. Als er auf den Baum zuging, spannte der Prinz den Bogen und schoß mit den Worten: „Mit Gottes Hilfe“ den Pfeil auf den Kopf des Drachen ab. Er drang an einem Kopfe ein, ging durch alle sieben Köpfe hindurch und kam wieder heraus. Der Drache erhob ein Gebrüll, daß die ganze Erde und der Himmel erdröhnte. Sein Blut floß und er machte, daß er davon kam. Der Prinz pflückte sofort die Äpfel, ging ins Schloß und sagte: „Mein Padischah, ich habe den Drachen getötet und die Äpfel mitgebracht.“ Da war der Padischah sehr erfreut und sagte: „Bravo, mein Sohn, du hast dich sehr tapfer gezeigt.“ Der Prinz küßte die Erde und sagte: „Mein Herr, wenn Sie erlauben, werde ich dahin gehen, wohin der Drache gegangen ist, und die Erde von ihm befreien.“ Der Padischah sagte: „Mein Sohn, gehe nicht hin, es möchte dir ein Leid vom Drachen geschehen.“ Aber es nutzte nichts. Am nächsten Morgen geht der Prinz mit den beiden anderen Brüdern der blutigen Spur des Drachens nach.
Nach einigen Tagen finden sie an der Öffnung eines Brunnens viel Blut. Die Öffnung des Brunnens war mit einem großen Stein verschlossen. Wie sehr sich auch die älteren Brüder bemühten, sie konnten ihn auch nicht das geringste aufheben. Der jüngste Prinz faßte ihn mit seinem kleinen Finger, hebt ihn auf und wirft ihn auf einen Berg. Als sie das sehen, wundern sie sich. Jetzt sagt der jüngste Prinz: „Ich werde in den Brunnen hinabsteigen und den Drachen töten.“ Der Älteste sagt: „Bruder, ich bin der Älteste, es kommt dir nicht zu, während ich hier bin.“ Sie waren damit einverstanden. Schließlich banden sie ihm einen Strick um die Hüfte und ließen ihn in den Brunnen hinab. Kaum ist der Prinz in den Brunnen gestiegen, da schreit er: „Ach, ich verbrenne, zieht mich nach oben!“ [[78]]Sofort zogen sie ihn nach oben. Dann banden sie dem Mittleren den Strick um den Leib und ließen ihn hinab. Während er hinunter steigt, schreit er: „Ach, ich erfriere, zieht mich hinauf!“ Sogleich zogen sie ihn hinauf. Da sagte der jüngste Prinz: „Brüder, bleibt hier, ich werde in den Brunnen steigen. Auch wenn ich sage: ‚Ach, ich verbrenne‘, laßt den Strick nach, ebenso, wenn ich sage: ‚Ich erfriere.‘“ Die sagten: „Sehr wohl“, banden ihm den Strick um den Leib und ließen ihn in den Brunnen. Als der Prinz sagte: „Ach, ich brenne,“ ließen die den Strick nach, als er sagte: „Ach, ich erfriere,“ ließen sie nach. So kam der Prinz bis auf den Grund des Brunnens. Er löste den Strick von seinem Leibe, ging geradeaus, kam an ein Zimmer, trat ein und sah am Stickrahmen ein Mädchen, schön wie der Mond am vierzehnten. Von dort kommt er in ein anderes Zimmer, tritt ein und sieht, — was siehst du? — dies Mädchen ist noch schöner als das erste. Es saß gleichfalls am Stickrahmen. Darauf kommt er in ein anderes Zimmer und sieht — was siehst du? — ein Mädchen, das schönste Wesen der Welt und der Zeit. So schön war es. Seine Locken waren nach beiden Seiten gescheitelt. Es war, als ob die Sonne in dies Zimmer gefallen war und denjenigen, der es ansah, blendete. Man konnte es nicht aushalten hinzusehen. Als der Prinz dieses Mädchen sah, verlor er fast die Besinnung und verliebte sich von ganzem Herzen in dieses Mädchen. Er redete sie an: „Mädchen, bist du ein Geist oder was sonst?“ Das Mädchen antwortete: „Ich bin ein Mensch. Aber mein Held, wie bist du hierher gekommen? Denn hier in diesem Brunnen ist ein großer Dev. Wenn er dich merkt, gibt er keine Gnade und tötet dich.“ Da antwortete der Prinz: „Meine Prinzessin, ich bin gerade gekommen, um ihn zu töten. Zeige mir, welches Zimmer das des Devs ist.“ Das Mädchen zeigte ihm das Zimmer, in welchem der Dev war. Der Prinz tritt in das Zimmer ein und sieht — was siehst du? — einen häßlichen Dev, so groß wie ein Minaret. Jeder, der ihn sieht, verliert die Besinnung. Als der Dev den Prinzen [[79]]sieht, nimmt er seine Wurfkeule von tausend Batman in die Hand, brüllt so, daß die Erde und der Himmel dröhnt, und wirft die Keule auf den Prinzen. Der Prinz deckte sich. Als der Dev fertig war, sagte der Prinz: „Mit Gott“, schlug mit dem Schwerte nach dem Kopfe des Verfluchten und schnitt ihm den Hals ab. Sogleich fiel der Verfluchte auf die Erde und schickte seine Seele in die Hölle.
Dann geht der Prinz in das Zimmer des Mädchens, nimmt die drei Mädchen und an Wert schwere, an Last geringe Diamanten, Juwelen, Rubinen, Hyazinthen und derartige andere viele wertvolle Sachen mit sich und geht mit ihnen an den Grund des Brunnens. Dort ruft der Prinz seinen obenstehenden Brüdern zu. Die lassen den Strick herunter. Der Prinz bindet den Strick dem ersten Mädchen um den Leib und sagte: „Mein ältester Bruder, dies ist dein Anteil.“ Die zogen auch das Mädchen nach oben. Dann lassen sie den Strick wieder hinunter. Der Prinz bindet das andere Mädchen an und sagte: „Da, mittlerer Bruder, das ist dein Anteil.“ Sie ziehen das Mädchen nach oben und lassen den Strick nach unten. Das Mädchen, das die Geliebte des Prinzen war, sagte zu ihm: „Mein Prinz, erst steige du nach oben, danach ich. Denn wenn deine Brüder mich oben sehen, werden sie neidisch werden, den Stick abschneiden und dich im Brunnen lassen.“ Der Prinz hörte aber nicht auf die Worte des Mädchens und sagte: „Nein, zuerst steigst du nach oben, dann ich.“ Das Mädchen antwortete: „Ich werde dir drei von meinen Haaren geben. Falls sie den Strick abschneiden, so reibst du sofort die Haare aneinander und auf dem Grunde des Brunnens erscheint ein weißes und ein schwarzes Schaf. Wenn du auf das weiße fällst, kommst du nach oben auf die Erde, wenn du auf das schwarze fällst, gehst du noch sieben mal so tief unter die Erde.“ Der Prinz nahm die drei Haare vom Mädchen, steckte sie in seinen Busen, band das Mädchen an den Strick und sagte: „Meine Brüder, das ist mein Anteil.“ [[80]]
Die ziehen das Mädchen nach oben, sehen, daß es wie der Mond am Vierzehnten ist, und sagen: „Aber uns hat er die schlechtesten gegeben und für sich das schönste genommen.“ Da werden sie neidisch auf ihn. Sie ziehen den Prinzen hoch. Als er an die Öffnung des Brunnens kommt, schneiden der ältere und mittlere Bruder den Strick mitten durch, sodaß der Prinz kopfüber, kopfunter nach unten rollt. Sofort reibt er die Haare, die ihm das Mädchen gegeben hat, aneinander und unten auf dem Brunnen erscheint ein weißes und ein schwarzes Schaf. Er fällt auf das schwarze und sinkt sieben mal so tief unter die Erde.
Da mag er nun bleiben. Wir wenden uns jetzt zu den anderen Brüdern. Die nehmen die drei Mädchen und gehen ins Schloß. Sie gehen zum Vater und sagen: „Vater, unseren jüngsten Bruder hat der Dev im Brunnen getötet. Wir haben dann diese Mädchen mitgenommen und sind hierher gekommen.“ Als der Vater das hörte, seufzte er, weinte blutige Tränen und trauerte um den Prinzen.
Die wollen wir nun verlassen und uns zum Prinzen wenden. Er war sieben Lagen tief unter der Erde. Da sieht er auf einmal eine Welt. Nachdem er etwas gegangen war, kam er in eine Stadt. Am Abend klopfte er an eine Haustür. Eine alte Frau kam. Er sagte: „Mutter, nimm mich als Gast auf.“ Sie antwortete: „Ach, mein Sohn, ich habe nicht einmal Platz zum Lager für mich. Wie soll ich dich da aufnehmen.“ Der Prinz nahm aus seiner Tasche drei Goldstücke und gab sie der Frau. Sie sagte: „Komm, mein Sohn, ich werde dir ein Lager suchen“ und nahm den Prinzen hinein. Sie stiegen nach oben, gingen in ein Zimmer und setzten sich. Da der Prinz sehr durstig war, bat er die Frau um Wasser. Die Frau ging an den Schrank. In einem Kruge war jahrealtes, mit fingerlangen Würmern angefülltes Wasser. Die Frau goß das Wasser in ein Glas und gab es dem Prinzen. Der Prinz nahm es und sah, — was siehst du? —, daß es Wasser war, das selbst die Tiere nicht trinken. Er empfindet Ekel, trinkt es nicht und sagt: [[81]]„Mutter, was ist das für Wasser? Da sind ja fingerlange Würmer drin.“ Sie antwortete: „Ach, mein Sohn, wir trinken jeden Tag dieses Wasser. Denn in dieses Land kommt jedes Jahr einmal ein Drache und schneidet das Wasser ab. In jedem Jahre wird ihm ein Mädchen gegeben. Bis er das zerrissen und aufgefressen hat, kommt Wasser in die Quelle. Dann streiten wir uns alle, zerschlagen uns die Köpfe, und die ganze Bevölkerung holt sich Wasser. Danach wird das Wasser wieder abgeschnitten. Mit diesem Wasser müssen wir uns ein Jahr einrichten. Hier ist große Not an Wasser. Wir leiden sehr an dem Wassermangel. Dies Jahr ist nun auch zu Ende. Morgen wird man die Tochter des Padischah dem Drachen geben. Wenn man sie nicht gibt, werden wir alle sterben.“