Als der Prinz das hörte, dachte er etwas nach. Am Morgen ging er aus dem Hause zur Quelle und sieht eine große Menschenmenge. Ein jeder wartete mit einem Kruge in der Hand. Jetzt hatten sie die Tochter des Padischahs in rote Kleider gekleidet und geschmückt. Neben ihr waren einige Dienerinnen, die sie unter den Armen stützten. Sie brachten das Mädchen an den Mittelpunkt des Wassers und ließen das Mädchen dort stehen. Die Dienerinnen gingen wieder weg. Das Mädchen fängt an zu weinen. Als der Prinz das Mädchen so sieht, seufzte er und sein Herz blutete. Die Ankunft des Drachen stand nahe bevor. Der Prinz ging zu dem Mädchen und sagte: „Meine Prinzessin, umarme mich von hinten und halte dich fest, fürchte dich nicht.“ Der Prinz spannte seinen Bogen, stellte sich vor das Mädchen und hielt sich still bereit. Nach einiger Zeit kam von Westen ein siebenköpfiger Drache mit Brausen, wirbelte Staub und Nebel auf und sprühte Feuer aus Rachen und Nase. Als der Drache sie beide sieht, sagt er: „Ah, bis jetzt hatte ich nur einen Anteil, jetzt habe ich zwei Anteile.“ Atemlos von dem halbstündigen Wege fing er an, sie zu zerren. Der Prinz stand fest auf seinen Füßen. Der Drache zog so, daß er sie, selbst wenn sie ein Berg gewesen wären, [[82]]in seinem Maule hätte davon tragen können. Aber wie sehr er auch zog, es glückte ihm nicht. Da kam der Drache näher und fing an, keuchend zu ziehen. Da setzte der Prinz seine Füße fest in den Boden, spähte nach dem Maule des Drachen und schoß seinen Pfeil mit den Worten: „Im Namen Gottes“ ab. Dieser Pfeil flog wie eine Flintenkugel, drang in das Maul des Drachen ein und kam aus dem Nacken wieder heraus. Der Drache schrie gräßlich, erhob sich dreimal und warf sich in die Luft. Die Erde an der Stelle, wo er fiel, ließ er wie auf der Tenne geworfelt in die Luft steigen. Aus dem Maule und der Nase des Drachen floß so viel Blut, daß die Eigenschaft des Wassers nicht zu erkennen war. Kurz, der Drache warf sich immer wieder auf die Erde und starb. Das Mädchen tauchte ihre fünf Finger in das Blut und drückte leise ihre Hand, als wollte sie ihn streicheln, auf den Rücken des Prinzen mit den Worten: „Bravo, mein Held!“ Dann trennte sie sich von ihm und ging ins Schloß.

Als der Padischah das Mädchen sah, tadelte er sie und sagte: „Meine Tochter, warum bist du weggelaufen? Wenn man es merkt, wird man kommen und mich töten“, und sagte seiner Tochter alle Worte, die ihm in den Mund kamen. Das Mädchen antwortete: „Mein Herr, Ihre Sklavin ist nicht weggelaufen. Dort war ein junger Mann, der tötete den Drachen und rettete mich. Dann kam ich wieder hierher. Wenn du es nicht glaubst, gehe auf den Berg und sieh dir den Leichnam des Drachen an.“

Sofort ging der Padischah an die Stelle, wo der Drache lag, und sah, — was siehst du? — daß es ein so häßlicher großer Drache ist, daß jeder, der ihn sieht, besinnungslos wird. Niemand ging nahe an ihn heran und alle schauten ihn aus der Ferne an. Da ging der Padischah wieder ins Schloß und sagte zum Mädchen: „Wenn du den Jüngling sähest, würdest du ihn wieder erkennen?“ Das Mädchen antwortete: „Er trägt mein Zeichen auf dem Rücken. Ich erkenne ihn sofort wieder, wenn ich ihn sehe.“ Da wurden [[83]]Ausrufer ausgeschickt und dem ganzen Lande bekannt gegeben, daß alle Leute vom ersten bis zum siebenzigsten Lebensjahre, männlich und weiblich, Kind und Kegel vor dem Schloß vorbeiziehen sollten.

Wir kommen zum Prinzen. Als er den Drachen getötet hatte, ging er in das Haus der Frau von vorher und setzte sich hin. Da sagte die Frau: „Mein Sohn, heute hat der Padischah befohlen, daß vom ersten bis zum siebenzigsten Lebensjahre alles am Schlosse vorbeiziehen soll. Was sitzt du hier, zieh auch am Schlosse vorbei.“

Der Prinz verließ das Haus und machte sich auf den Weg, da sieht er, daß der Zug zu Ende ist. Während er jetzt vorüber geht, sieht ihn das Mädchen vom Fenster und wirft, als sie ihn erkennt, ein Tuch auf ihn. Die Posten sehen dies, fassen den Prinzen leise an und führen ihn in das Schloß zu dem Padischah.

Als der Padischah den Jüngling sieht, sagt er: „Mein Sohn, hast du den Drachen getötet?“ Da antwortete er: „Ja, mein Padischah, Ihr Sklave hat den Drachen getötet.“ Er sieht auch das Zeichen auf dem Rücken des jungen Mannes, sodaß kein Zweifel war. Da sagte er: „Mein Sohn, bitte von mir, was du willst.“ Der Prinz antwortete: „Ich bitte nur um Ihre Gesundheit.“ Als er ihn weiter drängte, sagte er wieder: „Ich bitte nur Ihre Gesundheit.“ Da sagte der Padischah: „Mein Sohn, was hast du für Nutzen von meiner Gesundheit. Bitte von mir, was du willst.“ Da sagte der Bursche: „Mein Padischah, gib mir drei Tage Bedenkzeit, dann will ich es mir überlegen und dir dann Antwort geben.“ Danach stand er auf und ging in das Haus der alten Frau.

Während er dort wohnte, langweilte er sich eines Tages, nahm seinen Pfeil und Bogen und ging auf den Berg. Da es Sommer war, wurde er sehr müde, legte sich in den Schatten eines Baumes und schlief ein. Auf dem Baume waren nun gerade die Jungen des Smaragd-Ankavogels. In jedem Jahre kam zu ihnen eine große Schlange, fraß sie [[84]]auf und ging weg. Die Ankunft der Schlange fiel gerade auf diesen Tag. Als der Prinz schlief, kam eine große Schlange. Während sie den Baum hinaufklettert, erschrecken sich die Jungen, als sie sie sehen, und fangen an zu schreien. Der Prinz wacht auf und springt auf, als er das Schreien der Vögel hört. Da sieht er — was siehst du? — eine lange schwarze Schlange die Cypresse hinaufklettern. Als der Prinz die Schlange sieht, nimmt er den Pfeil von der Hüfte, sagt: „Mit Gottes Hilfe!“, schießt den Pfeil ab und nagelt die Schlange in ihrer Mitte an den Baum, so daß die beiden Enden der Schlange, der Kopf nach unten, herunter hängen. Der Prinz schläft wieder ein. Nach einiger Zeit entsteht ein Geräusch und vom Himmel her erscheint der Smaragd-Ankavogel. Als er den Prinzen sieht, denkt er: „Ach, der hat meine Jungen getötet.“ Während er aus der Luft mit einem Flügelschlag wie eine Flintenkugel auf ihn herabschießt, sagen die Jungen: „Mutter, Mutter, dieser schlafende Jüngling hat uns gerettet. Sieh dir einmal die Cypresse an.“ Als der Vogel das hört, steigt er leise herab und sieht eine große Schlange an den Baum festgenagelt. Als er das sieht, freut er sich, geht zum Prinzen, hat nicht das Herz ihn aufzuwecken, öffnet seinen einen Flügel und deckt ihn über den Prinzen, damit er nicht von der Sonne verbrannt wird. Nach einiger Zeit wacht der Prinz auf und sieht, daß über ihm ein Zeltdach ist. Als der Vogel sieht, daß er aufgewacht ist, zieht er leise seinen Flügel ein und sagt: „Mein Held, fordere von mir, was du willst.“ Als er ihn dreimal aufgefordert hatte, sagte der Prinz: „Ich bitte, daß du mich wieder auf die Erde zurückbringst.“ Der Vogel sagte: „Mein Held, das ist ein bißchen schwer. Aber du hast meine Jungen von ihrem Feinde gerettet. Dir zuliebe will ich mich opfern. Aber ich verlange von dir vierzig Schafe und vierzig Schläuche Wein. Die mußt du mir bringen, und wenn ich unterwegs ‚Gak‘ sage, mußt du mir das Fleisch, und wenn ich ‚Guk‘ sage, den Wein geben. So werde ich dich wieder auf die Erde bringen.“ [[85]]

Der Prinz geht zum Padischah und sagt: „Mein Herr, ich bitte von Ihnen vierzig Schafe und vierzig Schläuche Wein.“ Der Padischah befiehlt vierzig Schafe und vierzig Schläuche Wein zu bringen. Nachdem er an der Stelle, wo der Vogel ist, angekommen ist, legt er die vierzig Schafe auf den einen Flügel und die Weinschläuche auf den anderen. Er selbst setzt sich in die Mitte.

Als der Vogel dies auf sich genommen hat, fliegt er in die Luft. Nach Anordnung des Vogels gab er ihm, wenn er Gak sagte, Fleisch, und wenn er Guk sagte, Wein. Auf der Reise war eines Tages das Fleisch zu Ende und als der Vogel Gak sagte, war nichts mehr da. Als er wieder Gak sagte, war nichts da. Als er noch einmal Gak sagte, schneidet der Prinz seine Wade ab und gibt sie dem Vogel. Der Vogel sieht, daß es Menschenfleisch ist, frißt es nicht und behält es im Maule. Dann kommen sie an die Öffnung des Brunnens. Der Vogel sagt: „Da, mein Prinz, nun habe ich dich wieder auf die Erde gebracht. Nun geh du weiter, Gott möge dir Heil geben.“ Der Prinz sagte: „Geh du zuerst, dann werde ich gehen.“ Der Vogel nimmt das Fleisch, das er im Schnabel hatte, heraus, drückt es an die Wade und sie wird besser als vorher.

Nachdem der Prinz: „Gott befohlen“ gesagt hatte, macht er sich auf den Weg, kommt in sein Land und geht zu einem Schlächterladen. Er kauft sich eine Haut und zieht sie sich über den Kopf.[16] Unterwegs trifft er einen Hirten und sagt zu ihm: „Ach, Hirte, gib mir deine Kleider, ich werde dir meine geben.“ Der Hirte gibt seine und nimmt die des Prinzen. Der Prinz geht zum Privatgarten seines Vaters und sagt zum Obergärtner: „Ach, Obergärtner, willst du mich als Lehrling annehmen?“ Wie sehr der Gärtner auch sagt: „Es ist unmöglich“, nimmt er ihn schließlich wohl oder übel als Lehrling. Nach einigen Tagen pflückt der Obergärtner einen Strauß Rosen und sagt, als er weggehen will: „Mein Sohn, ich gehe jetzt aus. Passe ordentlich auf den Garten auf.“ Der Prinz reibt die Haare, [[86]]die ihm das Mädchen gegeben hatte, aneinander und ein Mohr erscheint und sagt: „Befehle, mein Prinz“. Der Prinz sagt: „Ich verlange von dir einen Falben und rote Kleider und eine Waffenausrüstung.“ Er antwortet: „Mein Herr hat nur zu befehlen“, geht weg, bringt alle die Sachen, die der Prinz verlangt hatte und gibt sie dem Prinzen. Der Prinz steigt aufs Pferd und zerbricht dann alles, was an Bäumen und Blumen im Garten vorhanden ist. Darauf gibt er das Pferd und die Kleider dem Mohren wieder und bleibt ruhig an seiner Stelle. Darauf kommt sein Meister und sieht, — was soll er sehen? — im Garten ist nichts geblieben und der grindige Junge sitzt in einer Ecke und weint. Als sein Meister sich auf ihn stürzen will, rufen die Mädchen, die aus dem Fenster sehen, dem Obergärtner zu: „Schlage nicht den Jungen, denn von draußen ist ein Mann auf einem Falben gekommen und hat den Garten verwüstet. Es ist nicht die Schuld des Jungen.“ Da muß der Gärtner wohl oder übel den Garten in Ordnung bringen. Nach Verlauf einiger Tage, pflückt er wieder einen Rosenstrauß. Als er weggeht, ermahnt er den Jungen dringend, ordentlich auf den Garten acht zu geben und geht weg. Der grindige Junge verwüstet wieder wie das vorige Mal den ganzen Garten und setzt sich irgendwo still hin. Als die Prinzessinnen diesen Jungen sehen, wissen sie, daß der Prinz wieder auf der Erde ist, danken Gott und fassen sich in Geduld.