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14. DIE GESCHICHTE VON DER SCHWARZEN SCHLANGE

Die Geschichtenüberlieferer und die Märchenerzähler berichten folgendes.

In alten Zeiten lebte ein gerechter Padischah. Dieser Padischah hatte keine Nachkommenschaft und war sehr alt. Deswegen rief er eines Tages seinen Vezir und sagte: „Mein Vezir, ich bin sehr alt geworden und habe keinen Sohn. Wenn ich sterbe, wird mein Thron und meine Krone Fremden zufallen.“ Der Vezir sagte: „Mein Padischah, Gott möge Euch langes Leben geben, deswegen bekümmert Euch nicht. Morgen wollen wir uns verkleiden und uns auf die Reise begeben. Vielleicht treffen wir jemand, dessen Gebet heilkräftig ist, so daß Gott, der Erhabene, Euch Nachkommen schenkt.“

Dem Padischah schien das gut und so verkleideten sie sich am folgenden Tage und verließen am Morgen das Schloß, um spazieren zu gehen. Nachdem sie etwas gegangen waren, kamen sie an eine Quelle. Um sich auszuruhen, rasteten sie dort. Auf einmal sahen sie, daß von der gegenüberliegenden Seite ein weißbärtiger, majestätischer Derwisch kommt, der einen weißen Mantel trug. Dieser Derwisch begrüßte sie: „Heil sei über Euch, mein Padischah.“

Nachdem der Padischah seinen Gruß angenommen hatte, sagte er: „Nun, Großvater Derwisch, da du weißt, daß ich ein Padischah bin, weißt du auch, was ich für ein Verlangen im Herzen trage.“ Der Derwisch zog aus seinem Busen einen Apfel und sagte zum Padischah: „Mein Padischah, nimm diesen Apfel, gib die Hälfte deiner Gemahlin, [[117]]die andere Hälfte iß du, und Gott wird euch einen Sohn geben.“ Damit verschwand der Derwisch.

Die nahmen den Apfel und kehrten in ihr Schloß zurück. Am Abend aß der Padischah die eine Hälfte des Apfels und die andere seine Gemahlin, dann vollzogen sie den Beischlaf, und die Königin wurde schwanger. Nach neun Monaten und zehn Tagen bekam sie die Wehen und man rief die Hebamme. Als die Königin ihre Leibesfrucht zur Welt bringt, sieht man, daß es eine schwarze Schlange ist, die sogleich in dem Augenblick, wo sie geboren ist, die Hebamme beißt und tötet. Man ruft eine zweite Hebamme, auch die tötet sie. Im ganzen Reiche gab es keinen, den sie nicht getötet hätte. Die Eunuchen des Harems suchen an allen Türen eine Hebamme. Sie kommen an die Tür eines Hauses und sagen: „Mutter, ist hier keine Hebamme?“

Nun hatte diese Frau eine Stieftochter, der sie sehr feind war. Sie sagte: „Meine Söhne, ich habe hier eine Tochter. Die ist Meister in der Hilfe beim Kindergebären.“

Als sie das hörten, sagten sie: „Mutter, gib deiner Tochter die Erlaubnis, daß sie mit uns in das Schloß gehe.“ Die Frau rief das Mädchen und sagte: „Meine Tochter, man hat dich aus dem Schloß gerufen, gehe und hilf der Königin bei der Geburt.“ Das arme Mädchen stand wohl oder übel auf. Unterwegs kam sie am Grabe ihrer Mutter vorbei und sagte: „Mütterchen, Mütterchen, meine Stiefmutter schickt mich in das Schloß, um das Kind gebären zu helfen, jetzt gehe ich in den Tod. Mütterchen, hilf mir!“

Da kommt aus dem Grabe eine Stimme: „Meine Tochter während du in das Schloß gehst, tue Milch in eine Kiste und, wenn du zur Königin gehst, mußt du die Milch vor sie halten. In ihrem Bauche ist eine schwarze Schlange. Wenn sie herauskommen und sich auf dich stürzen will, nimm die Kiste und, sobald die Schlange hineingefallen ist, schließe den Deckel und gib sie dem Padischah.“ [[118]]