Das Mädchen freute sich, nahm eine Kiste, ging damit zum Schloß und kam zur Königin. Als diese ihre Leibesfrucht gebären wollte, kam aus ihrem Bauche eine schwarze Schlange und wollte sich auf das Mädchen stürzen. Da hielt das Mädchen ihr die Milchkiste entgegen, die Schlange fiel hinein. Das Mädchen schloß den Deckel und brachte sie dem Padischah. Als der Padischah das sah, wunderte er sich sehr und gab dem Mädchen sehr viel Bachschisch. Das Mädchen verließ das Schloß, ging nach Hause und gab den vom Padischah erhaltenen Bachschisch der Frau.

Die wollen wir nun verlassen und uns zu dem in der Kiste liegenden Prinzen wenden. Eine Sklavin wurde für ihn bestimmt. Jeden Tag gab man ihm Mark und ernährte ihn damit.

Als der Prinz vier oder fünf Jahre alt wurde, sagte er zu der Sklavin: „Sage meinem Vater, er soll mich in die Schule schicken.“ Darauf ging die Sklavin zum Padischah und sagte: „Mein Herr, der Prinz möchte in die Schule geschickt werden.“ Der Padischah sagte: „Sehr schön“ und rief am nächsten Tage einen Lehrer. Als der kommt, holt er die schwarze Schlange aus dem Kasten heraus. Während sie dem Lehrer gegenüber liegt und er sie unterrichtet, beißt sie ihn. Er stirbt sofort. Ein anderer Lehrer wird gerufen. Auch den tötet sie.

Kurz, auf der Erde bleibt kein Lehrer übrig; alle tötet sie. Eines Tages beruft der Großvezir eine Versammlung und sagt: „Mein Padischah, die Hebamme des Prinzen, wer sie auch sei, muß ihn unterrichten. Ein anderer kann das nicht.“

Dies Wort gefiel dem Padischah, und er schickt seine Diener zu der Hebamme. Als das Mädchen von Hause geht, geht es zum Grabe seiner Mutter, wehklagt und sagt: „Mütterchen, Mütterchen, ich habe so gehandelt, wie du mir beschrieben hast. Ich habe die Schlange herausgezogen. Jetzt sucht man einen Lehrer, sie zu unterrichten. Alle Lehrer hat sie gebissen und getötet. Nun ruft man [[119]]mich. Ich weiß nicht, was ich tun soll.“ Da kommt eine Stimme aus dem Grabe: „Meine Tochter, fürchte dich nicht! Brich einundvierzig Rosenstämme ab. Wenn du zu der Schlange gehst und sie sich auf dich stürzt, schlage sie mit den vierzig, und mit dem einen stich sie.“

Nachdem das Mädchen einundvierzig Rosenstämme genommen hat, geht sie ins Schloß in das Zimmer, wo der Prinz sich befindet. Sofort holt man die schwarze Schlange aus der Kiste und bringt sie zum Mädchen. Das Mädchen öffnet das Buch, das den Koranabschnitt enthält, und unterrichtet sie. Wenn die Schlange sich auf sie stürzen will, schlägt das Mädchen sie mit dem Stock. Der Prinz beruhigt sich etwas und auf diese Art unterrichtet sie ordentlich den Prinzen. Man bringt dem Padischah die frohe Nachricht: „Der Prinz hat ausgelernt.“ Der Padischah geht hin, gibt dem Mädchen reichlich Geld. Das Mädchen nimmt das Geld, geht nach Hause und gibt das Geld seiner Stiefmutter.

Wir wollen nun diese verlassen und uns zum Prinzen wenden. Nachdem der Prinz vierzehn oder fünfzehn Jahre alt geworden ist, geht er eines Tages zu seinem Vater und sagt: „Vater, verheirate mich.“

Wohl oder übel nimmt der Vater ein Mädchen und verheiratet sie mit ihm. Nachdem man sie ins Hochzeitsgemach gebracht hat, sticht die Schlange das Mädchen und tötet sie. Am Morgen sieht man, daß das Mädchen tot ist. Wir wollen die Geschichte kurz machen. Wieviel Mädchen man ihm auch gibt, er tötet sie alle, so daß auf der Erde kein Mädchen mehr bleibt.

Eines Tages ruft der Großvezir einen Ministerrat zusammen und sagt: „Mein Padischah, so geht es nicht weiter. Gebt ihm das Mädchen, das ihn unterrichtet hat. Eine andere fruchtet nicht.“ Das Wort gefiel dem Padischah und er benachrichtigte das Mädchen.

Das Mädchen geht von Hause zum Grabe seiner Mutter, wehklagt und sagt: „Mütterchen, Mütterchen. Ich habe [[120]]ihn unterrichtet, wie du angegeben hast. Jetzt will man mich ihm verheiraten. Ich weiß nicht, was jetzt aus mir wird.“ Während sie wehklagt, kommt aus dem Grabe eine Stimme: „Meine Tochter, fürchte dich nicht, nimm die Haut von vierzig Stachelschweinen und ziehe sie an. Wenn die schwarze Schlange, nachdem du das Hochzeitsgemach betreten hast, kommt und dich angreift, sich dann sticht und sagt: ‚Zieh dich aus,‘ dann mußt du sagen: ‚Zieh du auch deine Kleider aus, dann werde ich meine auch ausziehen.‘ Fängt dann die Schlange an, ihre Haut auszuziehen, und ist sie damit fertig, dann wirf die Haut in ein Kohlenbecken und verbrenne sie, dann wird die Schlange ein Jüngling, schön wie der Mond am vierzehnten. Danach sei ihm willfährig.“