Von den Kunstmärchen stammen 22 bis 40 aus dem Tutiname oder Papageienbuch, 41 bis 63 aus dem Humajunname und 64 bis 66 aus dem Qyrq vezir. Wie schon vorher gesagt, sind dies Übersetzungen, die in letzter Linie auf indische Vorbilder zurückgehen. Ich verweise hierfür auf den bibliographischen Wegweiser in Georg Jacob, Beiträge zur Märchenkunde des Morgenlandes, Band I, Hannover 1923, und auf Johannes Hertel, Das Pañcatantra. Seine Geschichte und seine Verbreitung, Leipzig und Berlin 1914.

Vom Tutiname gibt es eine vollständige deutsche Übersetzung von Georg Rosen (Tuti-nameh. Das Papageienbuch. Eine Sammlung orientalischer Erzählungen. Nach der türkischen Bearbeitung zum ersten Male übersetzt von Georg Rosen, Leipzig 1858). Aus dieser Übersetzung habe [[4]]ich die Verse und auch hier und da besonders glückliche Verdeutschungen des Prosatextes beibehalten.

Die Qyrq vezir hat Walter Fr. Adolf Behrnauer (Die vierzig Veziere oder weisen Meister, Leipzig 1851) übersetzt. Ich habe Nr. 64 bis 66 daraus übernommen mit gelegentlichen Verbesserungen.

Von dem Humajunname existiert bis jetzt keine deutsche Übersetzung, denn die von Suby Bey: Fabeln und Parabeln des Orients, Berlin 1903, herausgegebene ist nur eine inhaltliche Wiedergabe einiger ausgewählter Stücke. Ebendasselbe gilt von der französischen Bearbeitung Gallands und Cordonnes und der aus ihr geflossenen deutschen. Es sind alles selbständige Umarbeitungen des Inhaltes. Allerdings ist nun eine wörtliche Übersetzung für ein nicht orientalisch gebildetes Publikum eine Unmöglichkeit. Das Humajunname ist nämlich in einem so gekünstelten, mit Koranstellen und Versen geschmückten Stil geschrieben, der eine Menge Anmerkungen und Erklärungen nötig machen und den Leser ermüden würde. Ich habe daher das überflüssige Beiwerk ausgelassen und die Weitschweifigkeiten gekürzt, aber sonst, soweit es anging, übersetzt.

So dürfte dieser Band einen guten Überblick über das türkische Märchen in seinen verschiedenen Darstellungen geben. Verwandte Stoffe der Volksliteratur, wie den Volksroman, das Karagöz usw., hielt ich nicht für angebracht, in dieser Sammlung zu vereinigen. Es ist auch schon mancherlei davon in deutschen Übersetzungen vorhanden. Ich nenne nur die schöne Übersetzung des Köroglu von Szamatolski in der wissenschaftlichen Beilage zum Jahresberichte der sechsten städtischen Realschule zu Berlin, Ostern 1913, sowie die Karagözübersetzungen Georg Jacobs und verweise für die letzteren auf seine Türkische Literaturgeschichte in Einzeldarstellungen: Heft I, Das türkische Schattentheater, Berlin 1900.

Bei der Übersetzung habe ich mich im Gegensatz zu Kúnos möglichst an das Original gehalten, um dessen Einfachheit [[5]]nicht zu zerstören. Nur da, wo sich der türkische Satzbau nicht wiedergeben ließ, habe ich mir Freiheiten erlaubt. Jedenfalls kann die Übersetzung, soweit das möglich ist, eine wörtliche genannt werden. Die Weitschweifigkeiten, die Wiederholung derselben Wörter und die Unebenheiten im Stile, z. B. im Subjektswechsel, fallen dem Original zur Last. [[7]]

[[Inhalt]]

1. DIE GESCHICHTE VON DEM KRISTALLPALAST UND DEM DIAMANTSCHIFF

Die Geschichtenüberlieferer und die Märchenerzähler berichten folgendes. Die Kinder eines Padischahs blieben in der Welt nicht am Leben und starben immer. Eines Tages kam dem Padischah ein weiblicher Nachkomme in dieser Welt zum Leben. Zu dieser Zeit sagten ihm der Arzt und der Hodscha[1], nachdem sie Untersuchungen angestellt hatten: „Padischah, wir wollen für deine Tochter unter der Erde eine Grube machen lassen, dort mag sie dann aufwachsen, da es keinen anderen Ausweg gibt.“

Dem Padischah der Welt gefiel diese Rede. Es wurde dann unter der Erde eine an allen vier Ecken bewachte Grube hergestellt. Man brachte das Kind in die Grube, bestimmte eine Kinderfrau, die ihm morgens und abends sein Essen brachte. Um es kurz zu sagen: das Kind kam so hier in sein vierzehntes oder fünfzehntes Lebensjahr. An Schönheit hatte es nicht seinesgleichen.