Eines Tages langweilte sie sich an diesem Orte und stellte alle Stühle, die in der Grube vorhanden waren, übereinander und stieg darauf. Sie brach die Glasdecke entzwei, steckte den Kopf hinaus und sah hinaus. Da sah sie ein weites Meer. Als die Sonne darauf leuchtete, glänzte es so, daß man nicht hinschauen konnte. Ach, sagte sie: „Wenn die Erde ein Unten hat, muß sie auch ein Oben haben“, und war einige Zeit in Staunen versunken. Dann stieg sie herab und blieb, wo sie war. Danach kam ihre Kinderfrau. Die sah auf einmal, daß die Glasdecke zerbrochen war. Jetzt fragte sie das Mädchen: „Wer hat das Glas zerbrochen?“ Da fing die Prinzessin an zu sagen: „Führe mich von hier fort oder ich bringe mich selber um.“

Die Kinderfrau ging von dort zum Padischah und erzählte alle die Worte, die die Prinzessin gesagt hatte, eins nach dem andern. Der rief wieder die Ärzte zusammen. Die sagten nach wiederholter Prüfung: „Padischah, hole [[8]]sie heraus, aber nicht sofort. Bis sich ihr Auge gewöhnt hat, mag sie etwas spazieren gehen, und dann bringe sie wieder in die Grube.“ Die Wärterin ging und führte die Prinzessin aus der Grube in einen Rosengarten. Als sie (die Prinzessin) dort spazieren ging, sah sie den Ozean und verfiel in Nachdenken. Sie ging von dort zu ihrem Vater und sagte: „Vater, laß mir sofort auf dem Meere, das wir dort sehen, einen Glaspalast machen, darinnen sollen auch Diamant- und Goldstühle und schöngestickte Möbel sein. Wenn du ihn nicht machen läßt, bringe ich mich sofort um.“

Der Padischah sagte: „Aber mein Kind, der Palast soll sein, wie du ihn dir wünschst.“ Dann gab er den Glasmachern Befehl. Sie fingen sofort an, auf dem Meere einen Palast zu machen. Genau in einem Jahre wurde er fertig. Dann gaben sie dem Padischah Kunde. Er ging an das Gestade des Meeres und sah ihn sich an. Das war ein solcher Glaspalast, daß jeder, der ihn sah, geblendet wurde. Mit Worten ihn zu beschreiben, ist unmöglich. Sein Glanz erfüllte die Welt.

Die Prinzessin kam und küßte ihrem Vater die Hand. Der Padischah sagte: „Mein Kind, der Glaspalast, wie du ihn gefordert hast, ist fertig geworden. Nimm dir einige Sklavinnen, geh hinein und wohne darin mit Vergnügen.“

Darauf nahm die Prinzessin, da sie jung war, einige Sklavinnen zu sich und betrat in feierlichem Zuge mit ihnen den Palast. Sie zogen ein und gingen dort spazieren.

Die mögen sich nun Tag und Nacht vergnügen, wir kommen jetzt zum Dschihan-i-alem[2]. Manche kamen zu Schiffe und manche zu Boot und sahen sich den Palast an. Eines Tages, als der Sohn des Padischahs von Jemen von diesem Palast hörte, wunderte er sich. Sofort ging er zu seinem Vater und sagte: „Mein mächtiger Vater, der Padischah von Stambul hat auf dem Meere einen Glaspalast bauen lassen, der sich nicht mit Worten beschreiben läßt. Wenn Sie erlauben, möchte ich hinreisen und ihn ansehen. [[9]]Nach ungefähr drei bis vier Monaten komme ich wieder.“ Da gab sein Vater die Erlaubnis.

Er nahm einige Gefährten zu sich, bestieg ein Schiff und machte sich auf den Weg. Tag und Nacht fuhren sie, ohne sich aufzuhalten. Nach einiger Zeit erschien in der Ferne etwas Wunderbares. Sein Glanz erfüllte die Welt. Der Prinz sagte zu seinen Gefährten: „Das, was dort erscheint, muß das erwähnte Schloß sein.“

Endlich nach einigen Tagen kam er an das Schloß heran und umfuhr es von allen vier Seiten. „Sehe ich ein Luftschloß oder träume ich?“ sagte er und verfiel in Nachdenken. Schließlich als es Abend wurde, ging er dort vor Anker.

Der Prinz mag nun auf dem Verdeck liegen; wir wollen uns jetzt wieder zur Prinzessin wenden. Sie ging vor das Vestibül, blickte nach draußen und sah, daß vor dem Palast ein Schiff lag. Als sie noch sagt: „Wem gehört das wohl?“, sieht sie den Prinzen. Das war ein Jüngling, gleich dem Monde am Vierzehnten. Sofort verliebt sie sich in ihn bis über die Ohren. Auch der Prinz, als er die Prinzessin sieht, wird bewußtlos und fällt ohnmächtig auf die Erde. Nach einiger Zeit kommt er wieder zu sich und steht auf. Er blickt auf das Fenster, kann aber das Mädchen nicht sehen. Während er sagt: „Ach, einmal möchte ich sie noch sehen!“ und hinblickt, verfällt er in Schlaf. Jetzt kommt die Prinzessin an das Fenster und sieht, daß der Prinz eingeschlafen ist. Da seufzt sie und aus ihren Augen fließt statt Tränen Blut. Während sie weint, fällt auf das Gesicht des Prinzen ein Tropfen. Sofort wacht er auf und sieht, daß aus den Augen der Prinzessin statt Tränen Blut fließt. Jetzt sagt der Prinz zum Mädchen: „Da ist das Schiff und da ist ein günstiger Wind nach Jemen!“ Das Schiff setzt sich in Bewegung und er fuhr in sein Land. Eines Tages kam er nach Jemen und blieb dort. Wir wollen uns jetzt wieder zur Prinzessin wenden. Ihre beiden Augen waren eine Quelle (d. h. sie weinte andauernd in Strömen). Sie ging zu ihrem [[10]]Vater und sagte: „Vater, ich wünsche von dir ein Schiff von reinen Diamanten, dessen Kabinen mit Edelsteinen geschmückt und dessen Masten aus Rubinen sein und in dessen Innern sich vierzig weiße, junge, schöne Sklaven befinden sollen. Wenn du mir das nicht machst, werde ich mich töten.“ Er sagte: „Schön, mein Kind, das Schiff soll sein, wie du es wünschest.“ Dann rief er die Goldschmiede zusammen und gab ihnen Befehl. Noch an jenem Tage fingen sie mit dem Schiff an. Nach genau zwei Jahren war es fertig. Jetzt kam die Prinzessin zu ihrem Vater, küßte seine Hand und sagte: „Vater, gib mir Erlaubnis, ich werde einen Luftwechsel vornehmen und, wenn Gott will, bald wiederkommen.“ Da ihr Vater auf der Welt nur eine teure Tochter hatte, so tat er, was sie wollte, und gab ihr gezwungenerweise wohl oder übel die Erlaubnis und sagte: „Mein liebes Kind, laß mich nicht lange auf dich warten! Allah möge Heil geben!“

Das Mädchen nahm dann vierzig weiße Sklavinnen und vierzig weiße Sklaven zu sich und außerdem eine Palasteinrichtung, ging auf das Diamantschiff und blieb dort die Nacht. Am nächsten Morgen, als es Tag wurde, wurden zweiundzwanzig Kanonenschüsse auf der rechten und auf der linken Seite des Schiffes gelöst. Dann fuhr man ab.