[[Inhalt]]

24. DAS HÖLZERNE MÄDCHEN UND SEINE LIEBHABER

In alten Geschichten wird zuverlässig berichtet, daß vier Leute: ein Zimmermann, ein Goldschmied, ein Schneider und ein Asket sich verabredeten, auf Reisen zu gehen. Sie machten sich also auf den Weg. Nachdem sie einige Zeit gereist waren, mußten sie nach Gottes Ratschluß eines Tages in einer gefährlichen bergigen Gegend übernachten. Sie hatten sich verabredet, daß sie aus Furcht vor schädlichen wilden Tieren nur abwechselnd schlafen würden.

Die Reihe kam an den Zimmermann, während die anderen drei sich hinlegten und schliefen. Beim Stillsitzen überwältigte den Zimmermann die Müdigkeit, so daß er, um sie zu vertreiben, sein Zimmermannshandwerkzeug in die Hand nahm. Er fällte einen geraden Baum, schnitzte ihn sauber aus, machte Kopf, Hände und Füße und formte eine Mädchengestalt. Danach kam die Reihe an den Goldschmied. Auch ihm kam beim Nichtstun der Schlaf. Da fiel sein Blick auf das Mädchen vor ihm, das der Zimmermann gemacht hatte. Er lobte die Kunstfertigkeit des Zimmermanns und, um den Schlaf zu bannen, wollte er auch seine Kunst zeigen. Er machte der Gestalt Ohrringe, Armbänder und anderen Frauenschmuck. Als er mit seiner Wache fertig war, kam die Reihe an den Schneider. Als dieser aufstand und die wunderbare Gestalt sah, war er sehr erstaunt und rief aus: „Da muß ich meine Kunst in würdiger Weise zeigen.“ Er machte ihrer ganzen Figur entsprechend prächtige Gewänder und bekleidete sie damit von Kopf bis zu Füßen. Wer sie ansah und nicht wußte, daß sie eine Figur war, hätte sie für ein lebendiges Wesen gehalten, gleich als ob sie geformter Geist sei. Als die Wache des Schneiders zu Ende war, weckte er den Asketen und legte sich selbst schlafen. Als der Asket aus dem Schlaf die Augen öffnete und das geformte Bild erblickte, da wurde er wie einer, dem in Abgeschiedenheit von der Welt das göttliche Licht erscheint, und er trat [[194]]näher an die Figur. Was sieht er da? Eine Gestalt, die selbst Asketen verführte, ein wunderbares Bild, dessen gewölbte Augenbrauen die Gebetsrichtung der Liebenden und dessen rubinrote Lippen die Nahrung für Herz und Seele sind. Sofort hob er seine Hände zu dem Schöpfer der Geister und betete: „O Herr der Stärke und Allmacht, o Gewaltiger, der du das reine Wesen Adams aus dem Dunkel des Nichtseins in das Gefilde des Seins gebracht hast und aus dürrem Holze die Früchte wachsen läßt, o Gott bei deiner großen Güte bitte ich dich, daß du mich vor meinen Genossen nicht beschämst und diese seelenlose Figur beseelen, ihr durch deine Gnade Leben schenken und ihre Zunge dich zu loben und zu preisen lösen mögest.“ Als er so bat, da schenkte Gott der Ewige, weil der Asket ein heiliger Mann war, dessen Gebet Erhör fand, in seiner Güte dieser Figur Seele und Leben und sie wurde ein glückliches, junges Mädchen, das wie eine schlanke Zypresse daherwandelte und wie ein Papagei sprach. Als es Morgen wurde und durch den Strahl der Sonne die Welt erleuchtet wurde, da fiel der Blick der vier Gefährten auf das herzraubende Götterbild, und sie wurden alle durch die Fesseln ihrer Locken gefangen und umflatterten wie ein Schmetterling das Licht ihrer Schönheit. Es entstand ein heftiger Streit und Zank unter ihnen. Der Zimmermann sagte: „Da ich sie geschaffen, so gehört sie mir; ihr habt kein Anrecht darauf.“ Der Goldschmied sagte: „Ich habe Gold und Schmuck an sie verwandt und Geld, das die Hälfte der Seele ist, für sie geopfert. Deswegen gehört sie mir.“ Der Schneider sagte: „Da sie durch meine Bemühungen zu höchster Schönheit und Vollendung gelangte und liebenswert wurde, so bin ich die Veranlassung, daß sie fähig wurde, den Lebensodem zu erlangen. Deswegen kommt sie mir zu.“ Der Asket sagte: „Dieses Mädchen gehört mir. Sie ist ein Werk meiner tiefen Frömmigkeit und ist mir eine Probe der im höchsten Himmel weilenden Hūrīs.[36] Mein Recht ist klar.“ [[195]]

Schließlich wollten sie alle, um ihre Ansprüche zu entscheiden, vor Gericht gehen. Da sahen sie, daß ein Wanderderwisch im Derwischmantel daher kam. Einmütig setzten sie den Derwisch zum Richter ein. Sie wollten mit seiner Entscheidung, wie sie auch ausfalle, zufrieden sein. Sie riefen ihn also heran und setzten ihm die Angelegenheit genau auseinander. Kaum hatte aber der Derwisch das Mädchen gesehen, als er sich in sie verliebte und wie eine Flöte zu klagen und zu seufzen anfing. Der Derwisch, nur in Gedanken, seinen eigenen Kummer zu lindern, schaute die Vier an und sagte: „Ihr Muslime, es ist ja reiner Unsinn, was ihr da sagt. Fürchtet ihr euch nicht vor Gott, derartig häßliche Taten zu begehen und meine legitime Frau mir zu nehmen, indem der eine behauptet, er habe sie aus Holz geschnitzt, und der andere, er habe für sie gebetet. Sagt doch etwas, das Verstand und göttliches Gesetz erlauben. Diese Frau gehört mir und die Sachen, die sie trägt, habe ich ihr machen lassen. Vor einigen Tagen ist zwischen uns ein kleiner Streit entstanden, und in der vergangenen Nacht ist sie aus Ärger aus meinem Hause gegangen. Ich habe mich, um sie zu suchen, auf den Weg gemacht und sie mit Gottes Hilfe gefunden. Macht euch nicht lächerlich vor den Leuten mit derartigen sinnlosen Reden. Das ist ja Unsinn.“

Der Derwisch bestand noch mehr als die anderen auf seinem Anspruch. So gingen sie alle fünf mit ihren Ansprüchen in die Stadt direkt zum Stadtvoigt und erzählten ihm ihren Fall. Als der Stadtvoigt das Mädchen sah, verliebte er sich noch tausendmal mehr als sie und sagte: „Ihr verruchten Räuber, dies Weib ist die Frau meines älteren Bruders. Räuber haben ihn umgebracht und seine Frau entführt. Gott sei Dank, das Blut bleibt nicht ungerächt. Ihr habt euch selber gestellt.“ Er bestand also noch mehr als sie alle auf seinem Anspruch und führte sie vor das Gericht zum Kadi. Als ein jeder dem Herrn Kadi seinen Anspruch auseinandergesetzt hatte, blickte der Kadi auf das Gesicht des Mädchens. [[196]]

Ein reizendes Mägdlein vor Augen er sah,

Anmutig vom Haupt zur Zeh stand sie da!

Ihr Wuchs jeden Schauenden liebekrank machte,

Verderben ihr stolzer Zypressengang brachte.