Den Erdball mit Not ihre Wimper bedroht,
Ihr gottloses Blinzeln mit Hölle und Tod.
Wo Markttag sie hielt auf der Liebe Basar,
Da bot man als Preis tausend Seelen ihr dar.
Wo die Flut ihrer Reize das Herze bestürmte,
Kein Damm widerstand, kein Verstand da beschirmte.
Der Ehrbarkeit Burg ward vom Gießbach verheert,
Von Liebe des Anstandes Grundbau zerstört!
Sogleich faßte ihn das Verlangen, das Mädchen zu besitzen und er sagte: „Freunde, dieser Prozeß ist nichtig. Dieses reine Mädchen ist in meinem Hause aufgewachsen und seit ihrer Kindheit an wie ein Kind von mir gehalten. Sie ist meine Sklavin. Den Schmuck und die kostbaren Kleider, die sie trägt, hat sie von mir erhalten. Durch Taugenichtse verführt, hat sie mich verlassen. Durch Gottes Güte ist sie durch eure Bemühungen gefunden, und meine Absicht ist erreicht. Euer Liebesdienst wird bei Gott nicht vergessen bleiben, ihr werdet von ihm euren Lohn erhalten.“ Als er so sprach, sahen die vier Genossen, daß der Kadi über sie großes Unglück, vor dem sie sich nicht schützen könnten, bringen würde. Der Asket wendete sich zum Kadi und sagte: „Mewlana[37], geziemt es sich, indem du Anspruch darauf erhebst, auf dem Teppich des Propheten zu sitzen, daß du einen Prozeß von Muslimen nicht nach dem göttlichen Recht entscheidest, sondern selbst Ansprüche auf dieses Mädchen erhebst und sie uns mit Gewalt entreißen willst, indem du erklärst, sie sei deine Sklavin. In welcher Rechtsschule ist das denn gestattet? Und wie willst du dich dereinst vor Gottes Richterstuhl verantworten?“ Da antwortete der Kadi: „Du Betrüger, um die Leute zu täuschen, hast du durch Fasten [[197]]dein Aussehen verändert, damit die Leute sagen sollen, aus Gottesfurcht ist er so krumm wie ein Bogen geworden. Nun gibt es ein bekanntes Sprichwort: Der Lügner muß ein gutes Gedächtnis, scharfen Verstand und Einsicht haben. Du hast aber weder das eine noch das andere. Du Narr, wenn du schon eine verrückte Lüge vorbringst, so darf sie doch nicht ganz ungereimt sein. Kann ein Mensch aus Holz entstehen? Gebt also diesen Prozeß auf und geht weg. Wenn nicht — wie ihr wollt. Ich habe meine Sklavin wiedergefunden.“
Der Asket sagte: „Fürchte dich vor Gott und schäme dich vor dem Propheten und entscheide den Prozeß nach dem göttlichen Recht.“ Der Kadi und der Asket sagten sich gegenseitig Worte, wie sie ihnen gerade auf die Zunge kamen, und es entstand ein großer Streit. Ihr Zwiegespräch änderte sich in Zwiespalt. Diese sieben Leute waren aus Liebeskummer nahe am Blutvergießen und rüsteten sich zum Kampf. Da traten die Verständigen der Stadt zusammen in der Absicht, sie zu versöhnen, und sagten: „Ihr Gläubigen, euer Prozeß läßt sich nicht entscheiden und die Schwierigkeit kann niemand lösen, wenn nicht der Allmächtige in seiner Güte ihn erledigt. In einem Ausspruch des Propheten heißt es: ‚Wenn ihr in Zweifel seid bei den Dingen, so sucht Hilfe bei den Begrabenen.‘ So wollen wir denn mit euch auf den Kirchhof gehen. Ihr betet und wir wollen Amen sagen. Es ist zu hoffen, daß Gott der Erhalter dies Geheimnis offenbar mache.“ Alle erhoben sich und gingen auf den Kirchhof. Der Asket erhob die Hände und sprach: „O, du Mächtiger und Allwissender, du kennst den Grund dieses Prozesses. So löse in deiner großen Güte diese Schwierigkeit, damit deutlich werde, wer recht hat.“ So betete er unter heftigem Weinen, und alle Leute sprachen: Amen.