Zarife erzählte auch, von Anfang bis zu Ende, wie sie dorthin gegangen seien, ihn ergriffen, nach Hause gebracht und getötet hätten. Zum Schlusse sagte sie dann: „Es war gerade Morgen geworden, und ich wachte auf. Es war ein Traum. Aber da der Pfau ein bunter Vogel ist, so deutet das darauf hin, daß ich, wenn Gott will, einen schönen Sohn bekommen werde. Es muß ein guter Traum sein, denn wer im Traum einen Pfau sieht, deutet das so.“ Antar sagte: „Schwester, war das denn ein Traum, was du mir das erste Mal erzähltest?“ Zarife antwortete: „Bruder, weißt du nicht, daß ich nicht einmal einen Sperling töten kann, wie sollte ich wohl einen Pfau schlachten besonders, wenn es der des Königs ist. Du hast mich in deiner Aufregung nicht verstanden und hast angenommen, ich hätte dir ein wirkliches Ereignis erzählt.“
Antar war ganz bestürzt und hatte nicht die Kraft, wieder zum Könige zu gehen. Aber als die Vertrauensmänner [[207]]des Königs wieder zu ihm geführt wurden, ließ man sie alles eins nach dem andern erzählen. Sie berichteten, wie sie gehört hatten: „O König, was die Frau sagte, war ein Traum. Sie sagte auch, daß es ein solcher sei. Dieser Mann hat es für Wirklichkeit gehalten.“ Der König sah ein, daß Antar nur aus Eigennutz gehandelt habe, und ließ ihn auf dem Richtplatze hinrichten. Der Zarife erwies er aber viele Gnaden und Wohltaten.
[[Inhalt]]
28. DSCHEMILE UND DIE DREI FREIER
Im Lande Chorasan lebte ein Asket, der seine Zeit nur der Askese und seinem Seelenheil widmete. Eines Tages beabsichtigte er die Pilgerfahrt nach Mekka zu unternehmen. Als er sich verabschiedete, sagte er zu seiner Frau und seinem Sohne: „Gott sei Dank, meine Tochter ist herangewachsen und heiratsfähig. Wenn, während ich auf der Pilgerfahrt bin, ein passender Freier kommt, so gebt sie ihm, da ich nicht weiß, ob ich wiederkomme.“
Er machte sich mit den Pilgern auf den Weg. Unterwegs traf er einen jungen Mann mit Namen Nedschib, mit dem er Kameradschaft schloß. Das Benehmen des jungen Mannes gefiel dem Frommen sehr, und er verheiratete ihm seine Tochter. Er ließ ihn nicht von seiner Seite und machte die Pilgerfahrt mit ihm zusammen.
Wir wollen nun die beiden ihre Pilgerfahrt machen lassen und uns den anderen zuwenden! Zunächst der Sohn des Asketen. Dieser war in Geschäftsangelegenheiten in ein anderes Land gegangen und traf dort einen jungen Mann mit Namen Zarif, dessen Benehmen ihm gefiel. Gemäß der Anweisung seines Vaters gab er diesem seine Schwester Dschemile in Abwesenheit zur Ehe. In der Heimat hatte die Frau des Asketen einen für ihre Tochter passenden jungen Mann, mit Namen Nazif, gefunden. Da sie mit ihm einverstanden war, versprach sie sie ihm, nur sollte die Hochzeit bis zur Ankunft ihres Sohnes oder ihres Mannes verschoben bleiben. [[208]]
Nachdem der fromme Mann die Pilgerfahrt vollzogen hatte, kehrte er nach seiner Heimat Chorasan zurück, und an demselben Tage, an dem er ankam, traf auch sein Sohn von der Geschäftsreise ein. So waren nun drei Schwiegersöhne in seinem Hause. Der Vater, die Mutter und der Sohn waren in größter Verlegenheit, und da niemand dem andern etwas vorwerfen konnte, so wußten sie nicht aus noch ein. Nedschib sagte: „Da der Vater mir das Mädchen versprochen hat, so komme ich in erster Linie in Betracht.“ Zarif sagte: „Mir hat sie ihr Bruder an Stelle und mit Erlaubnis des Vaters gegeben, deswegen habe ich ein größeres Anrecht als ihr auf sie.“ Nazif sagte: „Mir hat die Mutter sie gegeben, und das Mädchen war damit einverstanden, und das geschah mit Einwilligung des Vaters und Sohnes. Also ist mein Recht stärker als das eurige.“ So entstand ein großer Streit zwischen den drei Schwiegersöhnen. Der fromme Mann war in Verlegenheit und wußte nicht, wem er das Mädchen geben sollte, und konnte den Rechtsfall nicht entscheiden. Die Geschichte wurde in der Stadt bekannt und wurde von Gesellschaft zu Gesellschaft getragen. Als das Mädchen Dschemile die Sache hörte, kam sie vor Kummer und Traurigkeit an den Rand des Todes. Sie wurde schließlich vor Gram krank, lag einige Tage zu Bett, leerte eines Nachts den Todeskelch und zog aus dieser Welt der Vergänglichkeit in die Stadt der Ewigkeit. Ihr Vater und ihre Mutter jammerten und wehklagten; jedoch, da die Sache nun einmal so lag, sorgten sie für Leichentuch und Waschung, und begruben sie.
Mehr als alle klagten die drei Liebhaber. Als es Abend wurde, besuchten sie gemeinsam das Grab des Mädchens. Während sie am Grabe standen, sagte Nedschib: „Brüder, ich war in die Schönheit des Mädchens verliebt. Nun ist sie gestorben, ohne daß es mir vergönnt war, ihr Gesicht zu sehen. Statt bis zur Auferstehung zu warten, möchte ich wenigstens einmal das Gesicht der Toten sehen, denn ich kann es nicht mehr aushalten und kann meine Sehnsucht [[209]]nicht bis zum Jüngsten Tage hinhalten.“ Zarif und Nazif sagten: „Bruder, wenn du sie sehen willst, tue es jetzt! Denn wer sollte sie dir am Tage der Auferstehung geben, und welches Anrecht hättest du auf sie?“
Nedschib, obwohl schwach, machte sich sogleich daran, das Grab zu öffnen und den Leichnam herauszuholen. Während er voll Sehnsucht auf ihr Gesicht blickte, sah Zarif auch hin. Nun war Zarif ein sehr geschickter Arzt, und, während er hinschaute, sah er, daß noch Zeichen von Leben an ihr waren. Er sagte daher: „Freunde, es kommt mir so vor, als ob dieses Mädchen noch lebt, nur sind infolge des Blutandranges die Glieder gelockert, und ihre Körperkräfte sind dem Einfluß der Kälte ausgesetzt gewesen. Das Mittel dagegen ist nun, daß sie zur Ader gelassen wird und ihre Glieder geschlagen werden, damit das schlechte Blut aus ihren Adern herauskommt und infolge des heftigen Schlagens das Leben wieder in den Körper kommt und die angeborene Wärme die Kälte vertreibe. Aber wer vermöchte diesen zarten, rosengleichen Leib zu schlagen?“ Da sagte Nazif: „Ich kann es, denn schlagen ist nicht schlimmer als sterben. Sollte es mir etwas ausmachen, sie zu schlagen, da ihr geduldig ausharren wollt?“ Dann faßte er einen Stock und schlug die Dschemile derart, daß ihr zarter Körper rot wie eine Rose wurde und schließlich sich zu bewegen anfing. Dann ließ man sie an den Stellen, wo es nötig war, zur Ader, und nach Gottes Willen kam wirklich die Seele von neuem in ihren Körper, und sie wurde zu neuem Leben erweckt.