Nun entstand wieder zwischen den Dreien Streit und Zank. Nedschib sagte: „Mir kommt sie zu, denn ich habe das Grab geöffnet. Wie hättet ihr sie sonst sehen können?“ Zarif sagte: „Wenn ich ihr nicht als Arzt ins Gesicht geblickt, ihre Krankheit erkannt und Spuren des Lebens festgestellt hätte, wie hätte sie dann zum Leben zurückkehren können? Natürlich gehört sie mir.“ Nazif sagte: „Ihr hattet nicht den Mut, sie zu schlagen. Ich habe den Stock [[210]]genommen und sie geschlagen. Hätte ich das nicht getan, so wäre sie nie geheilt worden. Mir kommt sie zu.“

Ihr Streit artete in Tätlichkeiten aus. Das Mädchen sagte in ihrer Verlegenheit: „Ihr Muslime, während meines Lebens bin ich durch euch ohne mein Zutun in das Gerede der Leute und in Verruf gekommen, im Tode werde ich euch auch nicht los und bin wieder der Gegenstand eures Streites. Seid doch so gut und führt mich zu meinen Eltern! Dann wollen wir sehen, was sich machen läßt.“

Sie taten, wie das Mädchen gesagt hatte. Als der Asket seine Tochter wieder am Leben sah, dankte er Gott, und die Mutter und der Bruder priesen Gott, den Höchsten, und freuten sich sehr.

Darauf sagte das Mädchen: „Gottes Güte und Gnade hat mir von neuem das Leben gegeben, aus Dankbarkeit dafür will ich ganz dieser Welt des Streites entsagen und den Rest meines Lebens dem Dienste Gottes weihen.“ Mit diesen Worten scherte sie ihr Haupt, legte den Derwischmantel an und gab sich in dem Kloster ihres Vaters gottesdienstlichen Übungen hin und entsagte den vergänglichen Genüssen. Möge Gott ihr die ewige Seligkeit schenken!

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29. DER GREIS, DER NIE VERLIEBT WAR

Der erhabene Heilige Bajezid Bistami hielt einst in der Moschee eine Predigt. Alle Anwesenden, groß und klein, waren von seinen Worten begeistert. Als die Begeisterung am höchsten war, trat ein Opiumraucher an seine Kanzel und sagte: „Meister, durch die Macht deiner glänzenden Rede führst du alle Welt auf den Pfad Gottes. Ich habe eine Bitte an dich. Mir ist mein Esel verloren gegangen, sage mir, wo er ist.“ Bajezid Bistami sagte: „Gedulde dich nur! Ich werde ihn finden.“ Darauf fing er wieder zu predigen an. Während der Predigt wandte er sich an die Anwesenden und fragte: „Gemeinde Muhammeds, ist einer unter euch, der nie verliebt gewesen ist? Wenn das der Fall ist, so stehe er auf.“ [[211]]Da stand ein Greis auf und sagte: „O Scheich, in der Wissenschaft der Liebe bin ich ein Laie. Seit meiner Kindheit bis zum Greisenalter bin ich nie verliebt gewesen. Was Liebe ist, weiß ich nicht. Ich habe überhaupt keine Ahnung, was das ist, was du Liebe nennst. Sei doch so freundlich und erkläre es mir!“ Da sagte Bajezid Bistami zu dem Opiumraucher, der seinen Esel verloren hatte: „Mann, das ist der Esel, den du verloren hast. Nimm ihn mit!“

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30. DER KAUFMANN UND DER KÖNIG DER TIERE

In den Märchenbüchern steht geschrieben, daß im Gebiete von Kedscherwan ein Kaufmann, Namens Sadri, lebte. Nach Gottes Ratschluß verschlechterte sich seine Lage von Tag zu Tag, so daß er ganz arm wurde. Nach dem Sprichwort: „Sich regen bringt Segen“, beschloß er sich auf Reisen zu begeben. Er machte sich also auf den Weg und kam in einen Wald. Nun hatte ein Löwe sich diese Gegend unterworfen, und kein Fremder durfte sie betreten. Die Antilope und die Gazelle waren seine Vezire und leiten den Löwen auf den Pfad des Rechts. Durch Gottes Gnade waren die Antilope und die Gazelle gerade in der Nähe des Löwen.