[[Inhalt]]
31. DER HABGIERIGE SEIDENSPINNER
In einer Stadt Iraks lebte ein Seidenspinner. Er konnte ein Haar in vierzig Strähnen teilen und war jeden Augenblick an der Arbeit. Trotz seines Eifers konnte er nicht mehr verdienen, als er gerade für den Tag brauchte. Er hatte einen Freund, der Wollkrempler war. Eines Tages besuchte er ihn und fand sein Haus mit allerlei Kostbarkeiten angefüllt und seine Kleider und Wertsachen in Menge vorhanden. Hierüber wunderte er sich und sagte zu sich: „Ich gehe Tag und Nacht zu Königen und Fürsten und arbeite ihrer würdige Sachen, dieser Wollkrempler dagegen reinigt nur Baumwolle und Wolle. Während er zu solchem Reichtum gelangt ist, bin ich vor Armut nahe am Sterben. Was kann Gott damit bezweckt haben?“ Mit diesem Gedanken kam er nach Hause zurück und setzte sich hin, versunken in das Meer des Nachdenkens und der Aufregung. Seine Frau kam zu ihm und fragte ihn nach seiner Traurigkeit. Der Seidenspinner erzählte ihr den Grund seines Nachdenkens und sagte zu ihr: „Frau, ich bin nun entschlossen, diese Stadt zu verlassen und in ein anderes Land zu gehen, denn in dieser Stadt kann ich meinen Unterhalt nur mit Mühe verdienen. Ich will also in eine Stadt gehen, die meine Kunstfertigkeit zu würdigen weiß, und dort werde ich bequem leben. Außerdem sagen auch die Weisen: ‚Wenn der Halbmond nicht wandert, wird er kein Vollmond, und wenn die Perle nicht die Muschel verläßt, wird ihr Wert nicht erkannt.‘“ Seine Frau sagte: „Seidenspinner, deine Gedanken sind töricht und sinnlos. Gott hat im Koran gesagt: ‚Wir haben einem jeden seinen Unterhalt zugeteilt‘, und jedes Tier hat seine Nahrung, gemäß dem Koranverse: ‚Jedes Tier hat seine Nahrung von Gott.‘ Niemand kann durch Eifer und Sorgfalt mehr als seine ihm zugewiesene Nahrung erwerben. Wenn du dich einer Sache, die dir bestimmt ist, entziehen wolltest, so würde sie dich doch erreichen, und wenn du dich jahrelang bemühen würdest, mehr, als dir zugedacht ist, [[215]]zu erreichen, so wirst du es nie erlangen. Die Geschichte des Ibrahim Edhem, des Königs von Balch — Gott habe ihn selig! —, der sich mit dem begnügte, was die ewige Vorsehung ihm zuwies, und in das Reich der Seligen einging, indem er sein Königtum aufgab, ist für alle, die sie hören, eine ernste Mahnung und Warnung.“
Der Seidenspinner fragte: „Was ist das für eine Geschichte?“
Darauf erzählte die Frau:
„Ibrahim Edhem, der König von Balch, ging einst während seiner Regierung auf die Jagd. Während er im Freien aß, sah er, daß plötzlich eine Biene kam, ein Stück Brot vom Tische nahm und wieder davonflog. Ibrahim Edhem wurde durch diesen Vorgang in seinem Innern bewegt und folgte der Biene, die zu einem Baume flog und sich an dessen Fuße niederließ. Ibrahim Edhem sah, daß am Fuße ein blinder Sperling saß. Als dieser das Summen der Biene vernahm, öffnete er seinen Schnabel, und die Biene brach das Brot, das sie vom Tische genommen hatte, in drei Teile und steckte eins nach dem andern dem blinden Sperling in den Schnabel. Dann flog die Biene wieder davon.
Als Ibrahim Edhem dies wunderbare Wirken Gottes sah, da entsagte er ganz der Welt und wandte sich Gott zu.
Sollte daher, mein Gatte, — fuhr die Frau fort — Gott, der Allernährer, der einem blinden Sperling in der Wüste seine Nahrung sendet, dir nicht auch deinen Unterhalt geben? Warum gibst du dich also so bösen Gedanken hin?“
Der Seidenspinner antwortete: „Was du sagst, Frau, das ist Ergebung in den Willen Gottes. Das ist auch etwas Gutes, aber eigenes Bemühen ist etwas anderes und das begreifst du nicht. Man sagt: ‚Der angebundene Löwe erjagt kein Wild‘ und ‚das Pferd, das nicht läuft, kommt nicht zum Ziel und gewinnt nicht den Wettpreis.‘ Ich für mein Teil bin entschlossen, in ein anderes Land zu gehen.“ [[216]]Mit diesen Worten verabschiedete er sich von seiner Frau und machte sich auf den Weg.
So kam er nach der Stadt Nischapur. Als er einige Zeit seinem Gewerbe nachgegangen war, erwarb er nach Wunsch Geld und sagte zu sich: „Wenn ich von heute ab noch vierzig bis fünfzig Jahre lebe, so kann ich bequem in meiner Heimat, ohne zu arbeiten, glücklich damit auskommen.“ Er brach von Nischapur auf, um nach dem Irak aufzubrechen. Unterwegs mußte er an einem gefährlichen Orte zu Nacht bleiben. Der Schlaf überwältigte ihn. Im Schlaf sah er zwei schön gestaltete Vögel sich auf die Erde niederlassen, und der eine fragte den andern: „Wer bist du?“ Die beiden schienen sich nicht zu kennen. Da sagte der eine Vogel: „Ich bin das Abbild des Fleißes und Eifers dieses Seidenspinners.“ Der andere sagte: „Ich bin das Abbild seines Glückes. In seinem Schicksalsbuch steht geschrieben, daß er nie weltliche Schätze, die er aufsparen und vergraben könnte, haben wird. Denn Gott, der Allmächtige und Allweise, ist seinen Dienern gegenüber barmherziger als Vater und Mutter. Da sein ewiges Wissen alles umfaßt, was eines jeden Charakteranlage passend ist, so schenkt er seinen Knechten allerlei Gnadengaben, wie sie ihm heilsam sind. Wessen Charakter rein und bei wem der Spiegel seines Herzens von Aufrichtigkeit glänzt, wessen Frömmigkeit, je mehr sein Reichtum wächst, um so mehr an Milde und Würde zunimmt, dem setzt Gott die Königskrone auf und bekleidet ihn mit dem Königsmantel, von wem er aber weiß, daß sein Charakter zur Zeit des Reichtums zum Übermut neigen würde, dem gibt er sein tägliches Brot ratenweise, damit die Armut ihm heilsam sei und er vor Übermut bewahrt bleibe. Also du, Seidenspinner, willst du mit deinem Gelde gehen und dich deinem Schicksal entgegenstellen?“ Mit den Worten des Korans: „Es gibt niemand, der Gottes Beschluß rückgängig machen oder seine Entscheidung umstoßen könnte“, ergriff er seinen Geldbeutel und rief den Ibn almirrich [[217]]herbei. Sofort erschien jemand, der wie der Mars (Mirrich) und wie ein Henker aussah. Diesem lud er das Geld auf, und die drei verschwanden aus den Augen des Seidenspinners.