Als er aus diesem schrecklichen Traume aufwachte, sah er mit eigenen Augen, daß die Geschichte Wirklichkeit war, und daß sein Geld mit dem Beutel verschwunden war. Der arme Seidenspinner war hierüber entsetzt, suchte überall, fand aber keine Spur von seinem Gelde. Aus Scham vor seiner Frau und den anderen Leuten konnte er nicht nach der Stadt im Irak gehen und wandte sich wieder nach Nischapur und widmete sich seinem Gewerbe. Nach kurzer Zeit hatte er mehr Geld als das erste Mal verdient und wollte nun ins Irak, in seine Heimat, zurückreisen. Wieder mußte er übernachten. Während er schlief, hatte er denselben Traum. Das Abbild des Glücks sprach zu dem des Fleißes: „Du Tor, quäle dich doch nicht nutzlos, mehr zu erwerben, als der Herr der Welten in seiner ewigen Weisheit bestimmt hat. Das hatte ich dir schon vorher gesagt. Warum begehst du die Torheit und Sünde, Gott zuwider zu handeln?“ Da entschuldigte ihn das Abbild des Fleißes und sagte: „Verzeihe, wir haben die Gewohnheit, daß wir jeden, der arbeitet und unser Gewand flehend anfaßt, in seinen Bestrebungen nicht schädigen und auf jeden Fall sein Ziel erreichen lassen. Wenn er dann deine Hilfe hat, so hat er Erfolg, wenn nicht, so nützt unser Eifer nichts. Jedes Verlangen hängt von dir ab. Wer dein Wohlwollen hat, braucht sich nicht zu bemühen. Mag er auch ein noch so großer Verschwender sein, sein Vermögen vermindert sich nicht.“
Als der Seidenspinner aufwachte und von seinem Gelde nichts vorfand, wußte er, daß sein Traum Wirklichkeit war. Da sagte er sich, daß es Sünde sei, auf dem Wege der Widersetzlichkeit weiter zu wandeln, und daß er mit dem, was ihm von Ewigkeit her bestimmt war, zufrieden sein müsse. Er ging also in seine Vaterstadt und erzählte [[218]]das, was ihm passiert war, seiner Frau. Diese sagte: „Wie oft hatte ich dich gewarnt, aber du wolltest nicht hören. Dir ist das gleiche passiert, wie dem Schakal in der Geschichte.“
Der Seidenspinner fragte: „Was ist das für eine Geschichte?“ Die Frau erzählte:
„In alter Zeit hatte jemand ein Kamel, das so räudig geworden war, daß infolge seiner Fieberhitze das rote Fleisch zum Vorschein gekommen war. Da kein Mittel helfen wollte, so trieb der Besitzer das Kamel in die Wüste. Als es nun allein in der Wüste ging, lag ein Schakal im Hinterhalt vor einem Mauseloch und wartete auf Mäuse. Als er es sah, gab er die Mäuse auf und folgte dem Kamel, denn er dachte, daß es seine Beute werden würde. Seine Genossin, das Schakalweibchen, warnte ihn und sagte: ‚Gib aus Habgier nicht die Beute, die du in der Hand hast, auf! Begnüge dich mit wenigem! Es ist sehr wahrscheinlich, daß du, während du Größeres suchst, auch das Kleinere nicht erlangst und dann enttäuscht dastehst.‘
Der Schakal antwortete: ‚Sich mit Geringem zu begnügen, ist nur etwas für gewöhnliche Leute, aber ich habe ein hohes Streben. Eine so große Beute aufzugeben und Mäuse zu fangen, kommt mir nicht in den Sinn, und ich begnüge mich nicht mit so niedriger Beute.‘
Er folgte dem Kamel zwei bis drei Tage, erreichte aber nicht seinen Wunsch und hatte die nahe Beute auch aus der Hand gelassen, so daß er mit leerer Hand und hungrigem Magen zu seinem Weibchen zurückkehrte. Diese sagte zu ihm: ‚Mit deiner täglichen Nahrung warst du nicht zufrieden, deswegen hast du nun Elend und Mühe ausstehen müssen.‘“
Der Seidenspinner bereute nun seine Habgier und war mit dem zufrieden, was ihm von Ewigkeit her bestimmt war. [[219]]
[[Inhalt]]
32. DER BEDUINE UND DER KALIF MAMUN
Eines Tages kam ein Beduine zum Kalifen Mamun und sagte: „Beherrscher der Gläubigen, ich möchte die Pilgerfahrt nach Mekka machen, habe aber kein Geld.“ Mamun antwortete: „Da du kein Geld hast, bist du auch nicht verpflichtet, die Pilgerfahrt zu machen. Warum willst du dich unnütz quälen?“ Der Beduine sagte: „Beherrscher der Gläubigen, ich wollte dir meine Armut klagen. Wenn ich sagte: ‚Ich muß die Pilgerfahrt machen, habe aber kein Geld‘, so hoffte ich auf ein Geschenk von dir. Du erklärst mir aber theologische Streitfragen, indem du von der Notwendigkeit der Pilgerfahrt sprichst.“ Der Kalif Mamun freute sich über den Witz des Beduinen und gab ihm reiche Geschenke.