Als der Löwe und der Affe so miteinander sprachen, näherten sie sich der Wohnung, immer sich nach rechts und links umschauend und auf die Flucht bedacht. Währenddessen sagte die Luchsin: „Was ich befürchtete, ist geschehen. Was willst du nun tun?“ Der Luchs antwortete: „Wenn der Löwe herankommt, dann bringe unsere Jungen zum Weinen und Jammern. Wenn ich dann dich frage: ‚Warum läßt du unsere Kinder schreien?‘, dann antworte: ‚Unsere Kinder sind gewohnt, Löwenfleisch zu essen. Zwar fehlt es durch deine, des Löwenbezwingers, Bemühungen in unserer Küche nicht an Tigerfleisch, aber da das Löwenfleisch zarter ist, so verlangen unsere Kinder dieses.‘“ [[223]]

Als der Löwe sich ihnen näherte, brachte die Luchsin tatsächlich die Jungen zum Weinen, und als der Luchs mit lauter Stimme rief: „Warum läßt du die Jungen weinen?“, da antwortete sie, wie sie gelehrt war. Der Luchs rief: „In unserer Küche liegt Tigerfleisch bergehoch, aber wenn sie an Löwenfleisch gewohnt sind und Tigerfleisch nicht mögen, wo ist das Löwenfleisch geblieben, das ich neulich gebracht habe?“ Da antwortete die Luchsin: „Es ist zwar Löwenfleisch da, aber da unsere Kinder an frisches Löwenfleisch gewöhnt sind, so wollen sie das alte nicht essen und verlangen frischen Löwenbraten.“ Der Luchs rief: „Für den Augenblick sollen sie sich mit altem begnügen. Der Löwe, der in diesem Walde lebte, muß bald hierher kommen, denn, seitdem er gegangen ist, ist schon reichlich Zeit verflossen, er wird wahrscheinlich bald kommen. Wenn er mit Gottes Güte heute oder morgen kommt, werde ich ihnen von seinem Fleisch einen Braten machen.“

Als der Löwe diese Worte mit eigenen Ohren hörte, sagte er zum Affen: „Hast du es nun gehört? Sagte ich dir nicht, dies ist ein mächtiger Feind? Ein Luchs wagt so etwas nicht. Das Beste ist es nun, diesen Ort zu verlassen.“ Als er fliehen wollte, sagte der Affe: „König der Tiere, lasse dich durch Furcht doch nicht so verwirren! Jenes Tier ist ein schwaches, verächtliches Geschöpf. Wenn du nun einmal in diesem Wahn lebst, so lasse dich doch, bitte, in den Kampf ein, und du wirst den wirklichen Sachverhalt erfahren.“ Mit derartigen vielen Worten brachte er den Löwen wieder zur Umkehr und führte ihn wieder zum Luchs. Als dieser den Löwen sah, da wußte er, daß der Affe ihn durch sein Drängen zur Umkehr bewogen habe. Er ließ also wieder seine Jungen weinen, und, als auf seine Frage die Luchsin wie das erste Mal antwortete, sagte er: „Habe ich dir nicht gesagt, du solltest die Jungen für den Augenblick, soweit möglich, beruhigen? Wie ich höre, ist der Löwe, der auf dieses Haus Anspruch erhebt, soeben gekommen, [[224]]und mein Freund, der Affe, ist auch da. Er hatte es übernommen, den Löwen, sobald er gekommen sei, durch List zu mir zu führen. Wenn Gott der Höchste den Plan des Affen, meines Freundes, zur Ausführung kommen läßt, werde ich dem Löwen, sobald er herangekommen ist, mit einen Angriff den Garaus machen. Dann werden wir selbst und die Jungen zu leben haben, und ich werde mich dem Affen für seine Bemühung dankbar erweisen und ihn in meine nächste Umgebung aufnehmen.“

Als der Löwe diese Worte des Luchses hörte, sagte er: „Du nichtsnutziger Affe, du wolltest mich mit List umbringen! Bevor du mich tötest, will ich dich töten.“ Mit diesen Worten zerriß er den Affen, und entfloh selbst mit aller Kraft von jenem Orte. Der Luchs aber, der durch seine List gerettet war, verbrachte den Rest seines Lebens dort mit Vergnügen.

[[Inhalt]]

34. DIE FRAU UND DER TIGER

Vor alten Zeiten hatte ein nichtsnutziger Mann eine verständige Frau, die Pelenkferib hieß. Da dieser Mann infolge seiner nichtsnutzigen Charakteranlage die Frau immer quälte und schlug, so konnte seine Frau, nachdem er sie einmal wieder geschlagen hatte, es nicht mehr länger aushalten und verließ in einer Nacht mit ihren zwei Kindern das Haus und kam in eine Wüste, die so schrecklich war, daß selbst Riesen und Wüstengespenster sich dort fürchteten. Plötzlich erschien vor ihr ein Tiger, der sie mit ihren Kindern zu verschlucken beabsichtigte. Die Frau sagte zu sich: „Wenn man ohne Erlaubnis seines Mannes wegläuft, da ist es nicht wunderbar, wenn einem derartiges passiert.“ Sie gelobte Gott mit aufrichtigem Herzen Buße und bat um Verzeihung und versprach nach diesem, die Gewalttätigkeiten ihres Mannes zu ertragen und ihm willfährig zu sein. [[225]]

Als der Tiger nun nahe herangekommen war, hatte sie eine göttliche Eingebung. Sie sagte zu sich: „Ich will jetzt eine List dem Tiger gegenüber anwenden. Wenn sie gelingt, ist es gut, und ich werde gerettet, wenn nicht, was macht es? Ich habe wenigstens nichts unversucht gelassen, um ihn fernzuhalten. Wenn ich jetzt schleunigst fliehen würde, so würde er mich doch einholen. Das würde mir nicht helfen. Es ist das Klügste, ihn zu überlisten. Ein anderes Mittel gibt es nicht.“

Sie rief also mit lauter Stimme: „Bleib stehen, Tiger, beeile dich nicht! Ich habe dir etwas zu sagen. Höre zu! Ich bin ja in deiner Hand, dann kannst du mit mir machen, was du willst.“ Der Tiger wunderte sich über diese Anrede, blieb stehen und fragte: „Was willst du mir sagen?“ Die Frau antwortete: „Ich bin aus dem Dorfe hier in der Nähe. Dieses Dorf beherrscht ein Löwe, der mit einem Sprunge die ganze Welt über den Haufen werfen könnte. Damit er nun nicht das ganze Dorf vernichte, haben die Bewohner aus Furcht vor ihm sich einmütig entschlossen, jeden Tag dreimal das Los zu werfen und, wen es trifft, in die Küche des Löwen zu schicken. Jetzt hat das Los meine beiden Söhne und mich getroffen. Nun bist du auch in der Hoffnung, daß ich dir als Nahrung diene, gekommen. Ich möchte dich nun nicht enttäuscht gehen lassen, das leidet meine Großmut nicht, aber es geht auch nicht an, den Löwen in seiner Nahrung zu schädigen. So ist es also billig, daß du einen von meinen Söhnen und die Hälfte von mir verzehrst und die andere Hälfte von mir und mein anderer Sohn für den Löwen verbleibt, damit weder du noch der Löwe leer ausgehen.“

Als der Tiger diese Worte hörte, fürchtete er sich vor dem Löwen und sagte voll Bewunderung über die Großmut der Frau: „Pelenkferib, eine solche Großmut habe ich bis jetzt noch bei keinem Geschöpf gesehen. Du opferst dich für den Unterhalt deines Feindes. Ist wohl bis jetzt deines Gleichen auf der Erde gewesen?“ Die Frau antwortete: [[226]]„Großmut besteht darin, Leib und Leben dahinzugeben, allein mit Geld ist es nicht getan. Es gibt viele hunderttausend Menschen in dieser Welt, die dem Feinde Wohltaten erwiesen haben. Da fällt mir eine passende Geschichte ein. Wenn du willst, werde ich sie dir erzählen.“ Der Tiger war sehr begierig sie zu hören und sagte: „Erzähle, was ist das für eine Geschichte?“ Pelenkferib erzählte: