„In den alten Geschichtsbüchern wird erwähnt: Als der Beste der Kalifen der Ommajaden, der kluge und verständige Omar ben Abdulaziz, regierte, da vergiftete diesen Gerechten einer seiner Diener, ein unglücklicher, verfluchter Bösewicht. Als seines Körpers Pflanze durch die Einwirkung des Giftes grün wie ein Garten wurde und die Angelegenheit allgemein bekannt wurde, da ließ der Kalife diesen Diener, der ihm das Gift gegeben, zu sich allein rufen und sagte: ‚Unglücklicher, sage mir die Wahrheit, ob dies Verbrechen allein von dir ausgeht.‘ Der Bösewicht sagte notgedrungen die Wahrheit, daß ihm einer von den Feinden des Kalifen viel Geld versprochen habe, und deswegen habe er die scheußliche Tat getan.

Der Kalife sagte: ‚Du Tor, ich werde mich von dieser Krankheit nicht erholen, sonst würde ich dir viel Gutes schenken. Aber nach meinem Tode wird mein Sohn, der Erbe meines Thrones, sicherlich deine Hinrichtung befehlen. Darum fliehe schleunigst, solange ich noch lebe, aus diesem Lande, daß du dich vielleicht rettest.‘ Er gab ihm unzählige Goldstücke und schickte ihn weg.“

Als die Frau mit der Geschichte fertig war, wandte sie sich an den Tiger und sagte: „Ich muß ja sterben, und da ist es mir einerlei, ob ich vom Löwen oder vom Tiger aufgefressen werde. Ich würde mich freuen, wenn ich dir zufiele, da wir nun schon so lange miteinander erzählt haben, und in Wirklichkeit habe ich auch in meinem Herzen eine Liebe zu dir. Deswegen will ich dir einen Rat geben. Wenn du den einen meiner Söhne und die Hälfte von mir verzehrt [[227]]hast, halte dich hier nicht auf, sondern entfliehe schnell, denn ich habe eine Zauberin zur Schwester. Diese weiß noch nicht, daß ich durch das Los dem Löwen zugefallen bin. Wenn sie es erfahren wird, kommt sie hierher und steckt die ganze Gegend in Brand, und wer sich ihr nähert, verbrennt zu Asche. Wenn sie zufälligerweise auch von dir hört, möchte sie auch dir ein Leid antun.“

Als der Tiger diese Worte hörte, fürchtete er sich sowohl vor dem Löwen wie auch vor der Zauberin. Da er außerdem Pelenkferibs Edelsinn bewunderte und Mitleid mit ihr hatte, so verließ er sie, ohne ihr etwas anzutun, und machte sich auf den Weg.

Unterwegs traf er einen Fuchs, mit dem er befreundet war. Als dieser den Tiger aufgeregt aussehend fand, fragte er ihn nach dem Grunde. Der Tiger erzählte ihm das Abenteuer, das ihm passiert war. Der Fuchs tadelte ihn und sagte: „Die Weisen haben Recht, wenn sie sagen, alle Tapferen sind dumm, denn auch du bist zwar tapfer, aber unverständig. Was nützt dir also dein Mut? Du Dummkopf, die Menschen sind vom Kopf bis zum Fuß nur List und Trug. Sie meinen, daß wir Füchse uns besonders auf die List verstehen, aber die Menschen sind uns überlegen. An Stellen, wo wir es nicht erwarten, stellen sie Fallen und fangen uns und tragen nachher unsern Pelz. Auch diese Frau hat einen so Mutigen wie dich betrogen. Kein Verständiger hätte eine so fette Beute aus der Hand gelassen. Laß von dieser Dummheit, führe mich an die Stelle. Vielleicht komme ich unter deinem Schütze auch zu einem Braten.“

Der Tiger antwortete: „Wenn die Frau nun die Wahrheit gesagt hat, und ihre Schwester, die Zauberin, kommt und uns durch ihre Zauberei verbrennen will, dann kannst du dich schnell in Sicherheit bringen, da du leichtfüßig bist. Ich aber, der ich von schwerfälligem Körperbau bin, kann nicht entfliehen. Außerdem habe ich mit der Frau einen Vertrag abgeschlossen, und sein Wort muß man [[228]]halten. Darum wollen wir nun die Sache ruhen lassen.“ Der Fuchs aber blieb hartnäckig und sagte: „Tiger, die Frau hat gelogen. Wenn sie aber wirklich die Wahrheit sollte gesagt haben, so reiße mich zuerst in Stücke, und, wenn du meinst, daß ich schnell entfliehen und mich in Sicherheit bringen kann, so binde ein Bein von mir an das deinige, und so wollen wir gehen.“

Der Tiger band also ein Bein des Fuchses an sein Bein, und so zogen sie zu der Stelle, wo die Frau war. Diese hatte, als der Tiger sie verlassen hatte, zu sich gesagt: „Wenn ich jetzt schleunigst fliehe und der Tiger das, was er getan, bereut und zurückkommt und mich verfolgt, dann würde ich mich, auch wenn ich tausend Leben hätte, nicht vor ihm retten können. Darum ist es das Klügste, sich nicht zu beeilen, sondern hier zu bleiben. Wenn er kommt, will ich, um ihn zu täuschen, alles Schilf hier anzünden.“ Sie zündete alles Schilf in der Gegend an und stieg auf einen Baum. Da sah sie auch, daß der Tiger kam mit dem Fuchs, den er an sein Bein gebunden hatte, als Weggenossen. Sie erriet, daß dieser den Tiger aufgereizt habe. Sie rief daher unter Wehklagen vom Baume: „Du unverständiger Tiger, infolge unserer langen Unterhaltung hatte ich Mitleid mit dir. Warum hast du meinen Rat nicht befolgt und dich in dieses Feuermeer gestürzt? Ich hatte dir doch vorher gesagt, daß meine Schwester kommen und die Welt in Brand setzen werde. Durch Zauberei hat sie sich in einen Fuchs verwandelt und geht neben dir, während du glaubst, daß er dein Freund sei. Sie wird dich nun vernichten. Komm nicht näher, sondern bringe dich schleunigst in Sicherheit.“

Es fehlte wenig, daß dem Tiger das Herz vor Angst im Leibe zersprang. Um sich möglichst schnell zu retten, lief er so schnell, daß er eine Tagesreise in einer Stunde zurücklegte, und während er lief, wurde der an sein Bein gebundene Fuchs mitgeschleift und in Stücke gerissen, so daß er umkam. [[229]]

[[Inhalt]]

35. DER ESEL IN DER LÖWENHAUT