In alten Zeiten lebte ein Kaufmann, der sehr reich war. Nach Gottes Ratschluß ging aber sein Reichtum von Tag zu Tag zurück, so daß ihm das Notwendigste fehlte. Nur einen Esel besaß er noch, der vor Hunger so schwach und elend geworden war, daß er sich nicht mehr bewegen konnte. Da sagte er aus Mitleid mit seinem Esel zu sich: „Anstatt ihn verhungern zu lassen, will ich ihn ins freie Feld lassen zum Grasen. Vielleicht hilft das ihm.“ Aber aus Furcht, daß die wilden Tiere wegen seiner Schwäche ihm leicht ein Leid zufügen konnten, legte er ihm ein Löwenfell auf den Rücken und ließ ihn so frei laufen.

Die wilden Tiere hielten den Esel für einen Löwen und flohen vor ihm. Nach einiger Zeit war der Esel ganz fett geworden. Als er einmal wieder herumstreifte, traf er einen Garten, in den er hineinging. Als die Gärtner den Esel sahen, hielten sie ihn für einen Löwen und kletterten auf einen Baum, während der Esel rechts und links alles fraß, was er im Garten fand. Währenddessen gingen draußen vor dem Garten einige Esel vorüber und schrieen; als der Esel im Löwenkleid die Stimmen seiner Genossen hörte, ließ er sein widerwärtiges Geschrei erschallen.

Als die Gärtner seine Stimme hörten, sahen sie, daß es ein Esel war und erkannten, daß ein Mensch in seiner List so gehandelt habe. Sie stiegen sofort von dem Baume, nahmen dem Esel das Löwenfell ab, verprügelten ihn ordentlich, legten ihm einen Tragsattel auf und beluden ihn.

[[Inhalt]]

36. DER KAISER VON CHINA UND DIE GRIECHISCHE PRINZESSIN

Einst herrschte über China ein mächtiger Kaiser, mit Namen Fagfur. Er hatte einen sehr klugen und weisen Vezir, der zu jeder Zeit und ohne besondere Erlaubnis das Gemach des Kaisers betreten durfte. Eines Tages betrat der Vezir nach alter Gewohnheit das Zimmer, wo der Thron stand, und traf den [[230]]Kaiser Fagfur auf seinem Throne schlafend. Durch das Eintreten seines Vezirs wachte er auf, ergriff sein Schwert und stürzte auf den Vezir. Als er im Begriff war ihn zu töten, warfen sich die Hofleute dem Kaiser zu Füßen und befreiten den Vezir mit genauer Not.

Als sich nach einiger Zeit der Zorn des Kaisers gelegt hatte, befragte man ihn nach dem Grunde des Zornes. Da antwortete er: „Im Traume sah ich ein hübsches Mädchen, wie ich noch keins in der Welt gesehen; doch nicht nur ich, sondern auch das Firmament hat nie etwas derartiges gesehen. Als ich vor Wonne in ihren Anblick versunken war, kam der Vezir und weckte mich auf. Noch jetzt schwebt mir ihr Bild vor Augen, und mein Herz denkt noch an sie.“

Der Vezir, der so klug und weise wie Aristoteles war, konnte mit einem klugen Gedanken tausend Schwierigkeiten lösen. Gleichzeitig war er ein so großer Meister in der Malerei, daß Mani und Behzad seine Schüler hätten sein können, und daß von ihm gemalte lebende Wesen wirklich lebten. Dieser Vezir bemühte sich nun, dem Kaiser in seiner Liebe zu helfen. Er fragte also den Kaiser nach seinem Traume aus und malte nach der Beschreibung und Darstellung des Kaisers ein Bild von dem Hause, das er im Traume gesehen, und von der Schönheit und Lieblichkeit und von der Gestalt des Mädchens. Dann erbaute er außerhalb der Stadt an einer Stelle, wo die Wege sich kreuzten, eine Herberge und fragte alle Ankommenden nach dem Orte und dem Mädchen, die das Bild darstellte.

Eines Tages kam ein Weltreisender. Als er das Bild sah, verfiel er in Nachdenken und Staunen. Der Vezir fragte ihn nach der Ursache seines Staunens. Der Reisende sagte: „Ich wundere mich darüber, daß dieses Bild der Tochter des Kaisers von Rum gleicht.“ Als der Vezir dies vom Reisenden erfuhr, wurde er froh und erkundigte sich nach diesem Mädchen. Der Reisende sagte: „Dies ist das Bild [[231]]der Prinzessin von Rum. Obgleich sie sehr schön ist, will sie doch nicht heiraten. Der Grund dafür ist der, daß, als sie eines Tages in einem Garten saß, in einem Gebüsch ein Pfauenpaar Junge ausbrütete. Zufälligerweise entstand ein Brand in dem Gebüsch. Als der männliche Pfau das Feuer sah, verließ er das Weibchen und die Jungen. Das Weibchen blieb aus Liebe zu seinen Jungen und verbrannte mit ihnen zu Asche. Als die Prinzessin die Treulosigkeit des Pfauenmännchens und die Liebe des Weibchens sah, gewann sie den Glauben, daß Treulosigkeit die Eigenschaft der Männer sei, und daß alle Treulosigkeit in der Welt von ihnen ausgehe. Infolgedessen darf in ihrer Gegenwart das Wort Mann nicht erwähnt werden. Noch viel weniger denkt sie daran sich zu verheiraten.“

Als der Vezir dies von dem Reisenden erfuhr, freute er sich, ging zu dem Kaiser Fagfur und erzählte ihm, was er gehört hatte, indem er sich verpflichtete, sie ebenso verliebt in den Kaiser zu machen, wie dieser sich in sie verliebt hatte.