Er bat um die Erlaubnis, nach Rum zu gehen, verkleidete sich gleichfalls als Reisender und machte sich mit dem genannten Reisenden zusammen auf den Weg. So kamen sie nach Rum, nach Konstantinopel. Der Reisende zeigte dem Vezir den kaiserlichen Garten. Der Vezir zog das Bild aus dem Busen und sah, daß es genau der paradiesische Ort war, den Fagfur im Traume gesehen hatte. Nun wußte er sicher, daß das Mädchen, in das sich der Kaiser verliebt hatte, die Prinzessin von Rum sei. Sie überlegten, was nun zu tun sei.
Der Vezir ließ sich in einer Karawanserei nieder und fing an, Bilder zu malen. Da diese von größter Feinheit waren, so wurde er bald so bekannt, daß man der Prinzessin und ihrem Vater, dem Kaiser, berichtete, daß ein großer Meister aus China gekommen sei. Die Prinzessin, die Neigung zu heiterer Lebensfreude und Kunstgenuß hatte, bat ihren Vater, den Kaiser von Rum, um die Erlaubnis, [[232]]den Maler kommen und ihr Wohngemach ausmalen zu lassen. Dieser erlaubte es, und der Reisende rief den Vezir, dem die Ausmalung des Palastes der Prinzessin übertragen wurde. Er war sehr sorgsam in der Ausführung seiner Aufgabe und malte den paradiesischen Ort so aus, daß jeder erstaunt war. Als er mit der Arbeit fertig war, malte er noch an die Wand des Zimmers, in dem die Prinzessin am Tage saß und in der Nacht schlief, ein Gemälde von seltener Feinheit. In der Mitte war ein wunderbarer großer Garten mit lachenden Rosen, klagenden Nachtigallen, reifen Früchten und stattlichen Bäumen. In diesem Garten stand ein schöner Pavillon, auf dessen Throne malte er den Fagfur in seiner ganzen Schönheit und im Glanze seiner Macht und Pracht. Außerhalb des Pavillons stellte er eine Rasenflur dar, in deren Mitte ein prächtiger Garten war, bei dem man an das Koranwort: „Ihnen sind Gärten bestimmt, unter welchen die Flüsse fließen“ dachte. Das Wasser war so klar wie der Paradiesesbrunnen Selsebil. In diesem Wasser war eine männliche Antilope mit ihren Jungen ertrunken, während das Weibchen der Rasenflur gegenüber graste.
Nachdem er mit seiner Malerei fertig war und man das Schloß mit Teppichen und Möbeln ausgestattet hatte, führte man die Prinzessin hinein. Als sie das Bild sah, war sie erstaunt und sah es sich immer wieder an, dann rief sie den Vezir und fragte ihn, was das alles zu bedeuten habe. Dieser erkannte, daß jetzt die Gelegenheit für ihn günstig sei, und daß er sie nicht aus der Hand lassen dürfe, und fing an zu erzählen: „Dieser Garten ist der des jetzigen Kaisers von China, und der, der auf dem Thron sitzt, ist er selbst. Da in diesem Garten sich eine merkwürdige Sache ereignete, meidet er das weibliche Geschlecht.“ Die Prinzessin fragte: „Was ist die Ursache davon?“ Der Vezir sagte: „Eines Tages saß der Kaiser Fagfur nach alter Gewohnheit in diesem Pavillon und genoß die Aussicht. Da kam ein Antilopenpaar, um Wasser zu trinken. Da schwoll [[233]]das Wasser plötzlich an und führte die Jungen mit sich fort. Als das Männchen dies sah, warf es sich aus Liebe zu seinen Jungen in das Wasser, um sie zu retten, und ertrank mit ihnen zusammen. Das Weibchen aber kümmerte sich gar nicht darum, dachte nur an seine eigene Rettung und ließ das Männchen und seine Jungen im Stich. Als der Kaiser Fagfur die weibliche Antilope so treulos sah, da glaubte er, daß das ganze weibliche Geschlecht so treulos sei, und mied gänzlich den Umgang mit Frauen.“
Als die Prinzessin diese Geschichte hörte, sagte sie zu sich: „Bei Gott, ich dachte, daß Treulosigkeit nur dem männlichen Geschlechte eigen sei. Sie kommt also auch bei dem weiblichen vor.“ Dann versank sie in Nachdenken und wandte sich dann mit folgenden Worten an den Vezir: „Dieser Kaiser Fagfur, den du gemalt hast, paßt zu mir. Es ist, als ob Gott mich seinetwegen bisher vor einer Heirat bewahrt hat. Solch einen würdevollen Mann wünsche ich mir, und ich zweifle nicht, daß ich ihm auch als Gattin angenehm bin.“
Als ihr Vater kam, bat sie ihn, sie mit dem Fagfur von China zu verheiraten. Der Kaiser hatte nur auf den Wunsch seiner Tochter gewartet, um sie zu verheiraten. Er schrieb sogleich einen Brief und schickte einen Gesandten ab. Der Vezir ging als Reisender mit dem Gesandten nach China zurück und erzählte dem Kaiser alles.
Als dann der Gesandte vorgelassen wurde, zeigte sich Fagfur äußerlich etwas zurückhaltend, aber da es seinen Wünschen entsprach, sagte er: „Ich hatte auf diese Liebe schon verzichtet, aber aus Rücksicht auf den Kaiser willige ich ein.“ Er schickte sofort eine Antwort ab. Den Vezir schätzte er noch mehr als früher und gab ihm Geld und Macht ohne Ende. Nach einiger Zeit kam die Prinzessin mit ihrer ganzen Aussteuer glücklich in China an, und der Kaiser von China erlangte alles, was er sich gewünscht hatte. [[234]]
[[Inhalt]]
37. DER HOLZHAUER, DER ZUR UNZEIT TANZTE
In Kerdifan ging ein Holzhauer einst ins Gebirge, um Holz zu fällen. Als er auf dem Berge an einen schönen Platz gekommen war, sah er dort fünf bis zehn Mann sitzen, und vor ihnen stand ein Krug, aus dem sie Speisen und Wein, soviel sie wollten, nahmen und nach Herzenslust sich satt aßen.
Als der Holzhauer dies sah, trat er zu ihnen und mischte sich ins Gespräch. Da ihnen seine Gesellschaft sehr gefiel, sagte einer von ihnen zu ihm: „Sage uns, wenn du irgendeinen Wunsch hast. Wir werden ihn erfüllen.“ Sie waren nämlich Gelehrte aus dem Feengeschlecht. Der Holzhauer wünschte sich den Krug. Sie antworteten: „Du kannst ihn bekommen, aber es ist schwer, ihn zu behüten. Es wäre schade um dich, denn, wenn er zerbrochen ist, läßt er sich nicht wieder machen, und du hast nichts mehr von ihm zu erwarten und wirst auch alles verlieren, was du durch ihn erworben hast. Wünsche ihn dir lieber nicht und fordere etwas, das dir nützlicher ist.“