Der dumme Holzhauer hörte aber nicht auf ihren Rat, sondern sagte: „Ich wünsche doch den Krug. Ich werde ihn schon, soweit es möglich, beschützen und ihn wie meinen Kopf halten.“ So gaben sie ihm den Krug.
Der Holzhauer wurde in kurzer Zeit sehr reich. Eines Tages hatte er seine Freunde zu einer Gesellschaft eingeladen. Als die Eingeladenen diesen wunderbaren Zauberkrug sahen, waren sie sehr erstaunt. Der Holzhauer stand im Übermaß seiner Freude auf, setzte den Krug sich auf den Kopf und fing vor Freuden an zu tanzen, indem er sagte: „O du Kapital meines Wohlstandes, du Glanz meines Lebens.“ Während des Tanzes glitt er aus, fiel aufs Gesicht, der Krug fiel ihm vom Kopfe und zerbrach in tausend Scherben. Sogleich schwand sein großer Reichtum und Wohlstand dahin, und er wurde wieder so arm wie vorher. Alles, was er bis zu diesem Tage an Geld gesammelt hatte, verschwand. [[235]]
[[Inhalt]]
38. DIE CHINESISCHE SKLAVIN UND DER JÜNGLING VON BAGDAD
In Bagdad lebte ein Jüngling, der Kaufmann war und so viel Vermögen besaß, daß selbst er es nicht genau kannte. Eines Tages verliebte er sich in eine chinesische Sklavin und kaufte sie sich, indem er unermeßlich viel Geld für sie bezahlte. Sein ganzes Vermögen, daß er besaß, gab er für dies Mädchen aus, so daß er schließlich nichts mehr besaß.
Eines Tages sagte das Mädchen zu ihm: „Zur Zeit des Wohlstandes hast du dein Vermögen verschwendet, jetzt besitzt du nichts. Es ist aber eine sehr schwere Sache, durch das Feuer der Armut verbrannt zu werden. So haben wir keinen Genuß an unserm Beisammensein. Der Genuß der Vereinigung entsteht nur bei frohem Herzen. Wenn du also die Trennung von mir ertragen kannst, so verkaufe mich und nimm den Kaufpreis als Kapital, denn wie es im Sprichwort heißt: ‚Das Wasser fließt da, wo es schon einmal geflossen ist.‘ Ich werde die Trennung ertragen, so gut ich kann, und wenn nicht, mich töten und mich vor den Kümmernissen der Welt retten. Auf diese Art wirst du wenigstens wieder zu Wohlstand kommen.“
Notgedrungen nahm der Jüngling dies an und führte das Mädchen am folgenden Tage auf den Sklavenmarkt, um es zu verkaufen. Es war gerade ein haschimitischer Kaufmann von Basra nach Bagdad gekommen. Als er die Sklavin sah, gefiel sie ihm, und er kaufte sie für zweitausend Goldstücke.
Der Jüngling nahm das Geld und ging nach Hause, aber Tag und Nacht seufzte er und war wie ein lebloser Körper. Als es Abend wurde und das Licht derjenigen, die sein Herz erleuchtete, nicht mehr mit dem Glanz ihrer Schönheit sein Haus erhellte, da konnte er es nicht länger aushalten und beschloß, das Mädchen sich zurückzukaufen. Da er nicht bis zum Morgen aushalten konnte, verließ er um Mitternacht sein Haus. Als er infolge des Suchens nach [[236]]dem haschimitischen Kaufmann müde und matt geworden war, verblieb er an einem öden Platze. Dort belauerte ihn ein herumlungernder Dieb, der die Gelegenheit benutzte, dem Jünglinge, als er schlief, das Geld aus dem Busen stahl und flüchtete. Als der Jüngling aufwachte, das Geld nicht mehr vorfand, vermehrte sich der Kummer seines Herzens. Es lastete wie ein Berg auf ihm. Da er nun auch nicht mehr die Mittel hatte, um den Kauf rückgängig zu machen, ging er wie ein Verrückter in die Berge.
Der Kaufmann war mit dem Mädchen in ein anderes Land gezogen, um Handelsgeschäfte zu machen. Aber da die Sklavin ihn jeden Tag mit harten Worten anredete, so wurde ihm das Leben zur Qual. Von einer Vereinigung mit ihr war schon gar nicht die Rede, aber in Herzensruhe ihr ins Gesicht zu sehen, wurde ihm nicht einmal zuteil. Aber da er Interesse für das Mädchen hatte, hoffte er, daß sie ihren ersten Liebhaber vergessen werde, und überließ sie sich selbst. So reisten sie zu Wasser und zu Lande umher, aber die Glut des Mädchens (nach ihrem früheren Liebhaber) beruhigte sich nicht, sondern nahm von Tag zu Tag zu. Schließlich schwur der haschimitische Kaufmann in seiner Not: „Wenn ich deinen früheren Herrn, der dich mir verkauft hat, wiederfinde, will ich auf die bezahlten zweitausend Goldstücke verzichten und dich ihm wiedergeben. Ich hatte gedacht, du würdest mich mit Musik und Reden unterhalten, wenn ich mich langweilte, aber du nimmst mir durch dein Seufzen bei Tag und Nacht die Ruhe.“ Das Mädchen verging vor Seufzen und Wehklagen.
Der Jüngling war wie ein Wahnsinniger über Berge und Felder gestreift, um seine Liebste zu suchen. Eines Tages kam er an das Ufer des Meeres, traf ein Schiff, das mit Kaufmannsgütern angefüllt war. Durch Gottes Fügung war der Haschimit und die Sklavin auch auf diesem Schiffe, aber sie ahnten nichts voneinander. Als sie so einige Tage gefahren waren, rief der Haschimit das Mädchen zu sich, gab ihr eine Laute in die Hand und bat sie, [[237]]ein Lied zu singen. Das Mädchen nahm weinend die Laute zur Hand und sang ein Liebeslied, daß alle Mitfahrenden beim Anhören weinten und mit ihrer Lage Mitleid empfanden. Dann legte sie die Laute wieder hin und fing wieder an zu klagen.