Als der Jüngling von Bagdad die Stimme des Mädchens hörte, wußte er, daß zu seinem Glück der Kaufmann und das Mädchen, gleich dem Planeten Jupiter und Venus in glückbringender Konstellation, auf dem Schiffe seien. Trotzdem geduldete er sich und verriet sich nicht. Am folgenden Tage gingen die Mitfahrenden ans Land, um Lebensmittel und Wasser zu holen. Als das Schiff etwas leerer geworden war, benutzte er die Gelegenheit, nahm die Laute des Mädchens und stimmte sie in einer anderen Tonart, die nur das Mädchen kannte, da sie sie von ihm gelernt hatte. Am Abend bat der Haschimit wieder das Mädchen, etwas zu spielen. Das Mädchen nahm die Laute zur Hand. Kaum hatte sie sie mit dem Plektron berührt, als sie alles begriff. Sie legte die Laute aus der Hand und schwur, daß ihr früherer Herr, der Bagdader Kaufmann, auf dem Schiffe sei. Der Haschimit sagte: „Das wäre ja schön. Wenn er doch nur hier wäre, dann würde ich euch beide vereinigen und mir einen Lohn in der anderen Welt und Glück in dieser verdienen.“ Das Schiff wurde durchsucht und der Jüngling von Bagdad gefunden. Er rief ihn zu sich, behandelte ihn mit großer Achtung und sagte: „Ich habe deine Sklavin nicht angerührt. Da ich gesehen habe, daß deine Liebe zu ihr und ihre Liebe zu dir nicht übertroffen werden kann, so schenke ich dir auch ihren Kaufpreis. Vergeßt nicht, meiner im Gebete zu gedenken.“
Alle Mitfahrenden waren verwundert über die Liebe des Mädchens und des Bagdader Jünglings und lobten den Großmut des Haschimiten. Danach fragte dieser den Jüngling, wie es ihm gehe. Der fing an, ihm sein Abenteuer zu erzählen. Zuerst habe er in Wohlstand gelebt und sei in Bagdad ein sehr reicher Kaufmann gewesen, dann habe er [[238]]sein ganzes Vermögen wegen dieser Sklavin ausgegeben, und als er schließlich ganz arm geworden, habe er sie an ihn verkauft. Während er in der Nacht an einer öden Stelle schlief, habe ihm dann ein Dieb sein Geld gestohlen. Alles erzählte er eingehend. Als der Haschimit dies hörte, flössen ihm blutige Tränen aus den Augen, und er sagte: „Von heute ab sei nicht mehr traurig. Ich habe keine Söhne und keine Familie. Mein Vermögen genügt für euch und mich.“ Er faßte das Mädchen bei der Hand und gab sie dem Jünglinge.
Die beiden Liebenden freuten sich am gegenseitigen Anblick und dankten dem Haschimiten. Nachdem sie so einige Tage in Freude genossen hatten, landete ihr Schiff wieder an der Küste, um Proviant einzunehmen. Jedermann ging an Land, um seine Angelegenheiten zu erledigen. Er hielt sich aber zu lange auf, und als er an das Ufer kam, hatte sich ein günstiger Wind erhoben und die Schiffer hatten die Segel entfaltet und waren davon gefahren. Der Jüngling von Bagdad fing in seiner Verzweiflung an zu schreien, aber umsonst.
Der Haschimit kam mit der Sklavin nach Basra und sagte zu ihr: „Ich hatte es übernommen, dich deinem früheren Herrn zu geben und mein ganzes Vermögen euch zu schenken. Nun hat das Geschick es anders gefügt, und der Jüngling ist verschwunden. Sage mir, was du nun für das Richtige hältst. Ich will tun, was du willst.“
Das Mädchen antwortete: „Meine Absicht ist, daß du mir ein Kloster baust, dort für den Jüngling von Bagdad ein Grab graben läßt und darüber einen Sarkophag aufstellst. Dort will ich mich in der Abgeschiedenheit religiösen Übungen hingeben und, wenn ich gestorben bin, begrabt mich dort.“ Der Haschimit erfüllte den Wunsch des Mädchens und tat, wie sie gesagt.
Als der Jüngling von Bagdad am Ufer des Meeres drei Tage gewartet hatte, kam am vierten Tage ein Schiff, das, um Wasser zu holen, dort anlegte. Er besprach sich mit [[239]]dem Kapitän und bestieg das Schiff. Nach verschiedenen Schwierigkeiten kam er nach Basra, fragte nach dem Hause des Haschimiten und fand es nach einiger Mühe.
Als dieser ihn gesehen, fiel er ihm um den Hals und erwies ihm allerlei Freundlichkeit. Der Jüngling fragte ihn, wie es dem Mädchen gehe. Der Haschimit erzählte ihm, was geschehen war, und gab ihm einen Diener mit, der ihn dorthin führte, wo das Mädchen sich befand.
Als die beiden treuen Liebenden sich wiederfanden, umarmten sie sich und weinten so sehr, daß alle Leute sich wunderten und sich fragten, ob es denn solche Liebe auf der Welt noch gebe. Nachdem sie ihn begrüßt hatten, erfüllte der Haschimit sein Versprechen, wies ihnen das Kloster zur Wohnung an und übernahm es, für ihren Unterhalt zu sorgen. So lebten sie alle bis zu ihrem Tode sich gegenseitig beglückend.
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