Würden meiden Schmach und Tadel.
Als sie auf ihren Spaziergängen kein anderes Mittel, um die Glut des Feuers ihrer Liebe zu löschen, als das Wasser der Vereinigung mit dem jungen Geldwechsler fand, lud sie ihn in ihr Haus. Da die Frau sehr hübsch war, ging er mit tausend Freuden darauf ein, denn er war auch in sie verliebt. Die Liebe war nun auf beiden Seiten so stark, daß der junge Geldwechsler das Haus des Asketen wie sein eigenes jeden Tag besuchte.
Eines Tages erzählte ihm die Frau im Gespräch die Geschichte des Vogels und wie sie durch ihn so reich geworden [[246]]waren. Der Geldwechsler hatte aber einen sehr weisen, klugen Freund. Als er diesem einst die Geschichte des Vogels erzählte, sagte dieser: „Dieser Vogel bringt zwar schon lebendig so große Vorteile, wenn aber jemand seinen Kopf essen würde, so würde er Kaiser oder Vezir werden.“
Als der Wechsler dies hörte, war er fest entschlossen, den Kopf des Vogels zu essen. Er ging also nach alter Gewohnheit in das Haus des Asketen und sagte: „Brate mir diesen Vogel. Ich habe Verlangen danach.“ Die Frau antwortete: „Du meine Seele und mein Leben. Zwar ist der Vogel der Begründer unseres Wohlstandes in dieser Welt, aber da du ihn wünschst, so würde ich nicht nur ihn, sondern mein Leben opfern. Komm morgen. Ich werde dir dann einen ordentlichen Braten machen. Laß ihn dir schmecken.“
Am nächsten Morgen stand die Frau auf, schlachtete den Vogel, steckte ihn an einen Spieß und fing an, den Braten zu wenden. Ihr Sohn Ferid war immer mit dem Vogel zusammen und konnte auch nicht eine Stunde ohne ihn sein. Er war also sehr betrübt darüber, daß der Vogel geschlachtet war, und fing an zu weinen. Seine Mutter und die Wärterin suchten ihn zu beruhigen, aber vergeblich. Da sagte die Wärterin: „Herrin, gib ihm doch einen Bissen von dem Fleisch des Vogels. Er ist ja ein Kind. Dann wird sein Weinen aufhören.“ Die Frau konnte sich aber nicht entschließen, ihrem Sohne ein Stück zu geben, da dann für den jungen Wechsler zu wenig übrig bleiben würde. Als schließlich die Wärterin bat: „Wenn du ihm kein Fleisch geben willst, so gib ihm den Kopf, vielleicht hört sein Weinen dann auf. Den Kopf ißt man ja nicht.“
Da schnitt die Frau den Kopf des Vogels ab und gab ihn zwar sehr widerwillig ihrem Sohne. Als Ferid den Kopf gegessen hatte, hörte nach Gottes Ratschluß das Weinen auf.
Währenddessen war der Wechsler gekommen. Die Frau ging ihm entgegen, nötigte ihn höflichst sich zu setzen und sagte: „Du Grundstock meines Lebens, deinetwegen habe ich den Vogel, der ein unerschöpfliches Kapital war, geschlachtet [[247]]und gebraten.“ Indem sie so ihre Liebe zu ihm zum Ausdruck brachte, bereitete sie den Tisch, schmückte das Zimmer, legte den Vogel Heftreng auf eine Schüssel und setzte ihn vor. Der Wechsler aß nicht von dem Fleisch, sondern suchte nach dem Kopfe, und da er ihn nicht finden konnte, fragte er, wo der Kopf des Vogels sei. Die Frau antwortete: „Ißt man denn den Kopf eines gebratenen Vogels? Der Rumpf ist es doch, auf den es ankommt. Als ich den Braten bereitete, weinte mein Sohn. Ich konnte mich nicht entschließen, ihm ein Stück Fleisch zu geben, da du es behalten solltest. Da bat mich die Wärterin um den Kopf, um ihn zu beruhigen. Ich schnitt also den Kopf ab und gab ihn der Wärterin. Das Kind hat ihn auch gegessen.“
Als der Wechsler dies hörte, war er ganz bestürzt, warf die Schüssel mit dem Vogel auf die Erde, verließ in seinem Zorne das Haus und ging zu dem vorher genannten Weisen, dem er die Geschichte ganz genau erzählte. Dieser sagte: „Sei nicht traurig. Wenn dein Wort etwas bei der Frau vermag, so läßt sich die Sache heilen. Nämlich, wenn jemand den Kopf desjenigen, der den Vogelkopf verzehrt hat, ißt, so wird er Kaiser. So steht es geschrieben.“ Der Wechsler schickte also der Frau folgende Nachricht: „Ich wollte den Kopf des Vogels essen, da du ihn nun deinem Sohne gegeben hast, so mußt du deinem Sohne den Kopf abschneiden und ihn mir zu essen geben. Dann komme ich wieder in dein Haus. Wenn nicht, werde ich mich nie wieder sehen lassen.“
Da die Verfluchte ganz von ihrer fleischlichen Lust beherrscht war, so war sie bereit, ihren Sohn zu töten, wenn nur ihr Geliebter wieder käme, und sandte ihm Nachricht, sie würde mit tausend Freuden es bei Gelegenheit tun.
Der Wechsler war sehr froh, und die Frau spähte nach einer Gelegenheit. Die Wärterin des Ferid aber ahnte, daß ihre Herrin ihn töten wollte. Eines Nachts, als die Herrin schlief, drückte die Wärterin das Kind an ihre Brust und [[248]]verließ das Haus und die Stadt. Indem sie bis zum Morgen lief, kam sie in eine andere Stadt. Am nächsten Tage von dieser wieder in eine andere und so kam sie nach dreißig Tagen in die Residenz des Kaisers. Dort fand sie eine passende Wohnung und widmete sich der Erziehung Ferids.