Als aber die Frau am nächsten Morgen aufstand und den Ferid und die Wärterin nicht vorfand, suchte sie sie überall. Da sie nicht wußte, wo sie waren, rief sie vom Feuer der Unruhe gefoltert aus: „Ach, was soll ich meinem Geliebten sagen? Vielleicht wird er sich von mir trennen!“ Als der Wechsler die Sachlage erfuhr, gab er die Frau auf und kam nicht wieder. Schließlich starb er, da sein Kummer untröstlich war, an Sehnsucht nach dem Vogelkopf.
Nach einiger Zeit kam auch der Asket wieder von der Pilgerreise gesund zurück. Als er weder den Vogel noch seinen Sohn noch die Wärterin vorfand, fragte er, wo sie seien. Die Frau sagte weinend: „Ach, mein Herr, mögest du wenigstens am Leben bleiben! Sie sind alle gestorben. Durch die Trennung von ihnen bin ich in diese Lage gekommen, daß die Rosen meiner Wangen zu Bernstein geworden sind.“[40]
Ferid nun, zu dem wir uns jetzt wenden wollen, war herangewachsen und hatte Freude am Reiten und fing an, auf die Jagd zu gehen. Als er einmal wieder zu Pferde auf die Jagd ging, kam er an dem Sommerhause für den Harem des Kaisers vorbei. Der Kaiser hatte nun eine reizende Tochter, die einem Sterne glich. Als sie aus Langweile aus dem Fenster schaute, fiel ihr Blick auf Ferid, und sie verliebte sich von ganzem Herzen in ihn. Als Ferid in das Fenster schaute und das Mädchen sah, verliebte er sich gleichfalls in sie. Beide suchten jetzt nur nach einem Mittel für ihren Liebesschmerz. Der arme Ferid ging jeden Tag unter dem Vorwand, daß er auf Jagd gehe, an ihrem Fenster vorüber und schaute nach dem Mädchen, während [[249]]dieses schon aufpaßte, wenn er kam, und von oben herabschaute und seufzte.
Einige Zeit verging so ihre Zeit mit Seufzen und Wehklagen, aber eines Tages, als Ferid wieder auf Jagd ging, konnte das Mädchen es nicht mehr aushalten und sagte: „Jüngling, mein Vater ist alt und hat kein anderes Kind als mich. Er versagt mir nichts, was ich von ihm fordere. Ich will ihm nun sagen: ‚Verheirate mich nach Gottes Willen mit diesem jungen Manne.‘ Aber vor einiger Zeit hat mein Vater bei einer besonderen Gelegenheit in Gegenwart der Vezire und Staatswürdenträger meine Heirat an eine Arbeit geknüpft. Ohne diese Arbeit kann er mich nicht verheiraten. Diese Arbeit läßt sich aber nicht ausführen, denn schon viele haben ihr Leben dabei verloren. Ich will sie dir deswegen nicht nur nicht auftragen, sondern nicht einmal nennen.“ Ferid sagte: „Herrin, sage mir, was das für eine Arbeit ist.“ Sie weigerte sich; aber, als er sie beschwor, sie ihm zu nennen, sagte sie: „In der und der Steppe ist der Weideplatz für meines Vaters Pferde. Nun ist dort ein giftiger Drache erschienen, der schon einige von den Pferden getötet hat. Er wohnt dort und hat den Weg dahin abgeschnitten. Es ist unmöglich, dorthin zu kommen. Deswegen hat mein Vater versprochen, demjenigen, der den Drachen tötet, mich zur Gemahlin zu geben.“ Ferid sagte: „Herrin, weißt du nicht, daß Gott im Koran gesagt hat: ‚Wenn ihr Ende kommt, können sie es nicht eine Stunde hinausschieben oder beschleunigen?‘ Jeder trinkt den Becher des Todes erst, wenn sein Lebensbecher bis zum Rande voll ist, und seinem Ende kann niemand entgehen. Ich werde mich also dem Drachen entgegenwerfen. Wenn Gott mir Gnade gibt und ich den Drachen töte, so erlange ich meinen Wunsch, und wenn das Gegenteil eintritt und ich unter den Krallen des Drachen umkomme, so bete für mich. Wenn ich nicht mit dir vereint werde, sterbe ich doch und, wenn ich sterben muß, so ist es mir einerlei, auf welche Art es geschieht.“ [[250]]
Er faßte also den Entschluß, gegen den Drachen zu ziehen, und sie trennten sich beide unter vielen Tränen. Ferid ging in sein Haus, nahm von seiner Wärterin Abschied und begab sich am nächsten Tage in den Diwan des Kaisers und bat um die Erlaubnis, gegen den Drachen zu ziehen.
Als der Blick des Kaisers auf ihn fiel, faßte er nach Gottes Willen Zuneigung zu ihm, denn Ferid war ein hübscher junger Mann. Der Kaiser sagte zu seinem Vezir: „Lala, ich habe die Hand meiner Tochter an die Tötung des Drachen geknüpft, sonst würde ich meine Tochter diesem jungen Manne geben. Aber, was soll man tun? Die Kaiser müssen ihr Wort halten. Geh, rate ihm, von seinem Vorhaben abzulassen, sonst kommt er vielleicht wie die andern um, und wir haben den Kummer im Herzen. Wer weiß, was Gott alles geschehen läßt, das uns noch verborgen ist? Vielleicht stirbt der Drache von selbst! Er soll doch so gut sein und diesen Wunsch aufgeben.“ Der Vezir tat so. Ferid aber nahm keinen Rat an und antwortete, daß er sicher hingehen werde. So ging er und alle Würdenträger und alle Edlen des Hofes bis zu der erwähnten Steppe. Dort blieben alle und zeigten Ferid die Stelle. Dieser zog im Vertrauen auf Gott sein scharfes Schwert und griff den Drachen an. Da sah er, daß dieser wie ein Feuerklumpen dalag und schlief. Er griff ihn also an, und mit Gottes Hilfe teilte er ihn in zwei Teile, so daß er sich nicht mehr bewegen konnte. Als er in seinem Blute tot dalag, sprang Ferid herbei und trennte ihm den Kopf vom Rumpfe und brachte ihn dem Könige. Alle Würdenträger, die dies mit ansahen, waren erstaunt. Da aber die Weisen gesagt hatten, daß menschliche Kraft nicht ausreiche, um diesen Drachen zu töten, es sei denn, daß jemand den Kopf des Vogels Heftreng gegessen habe, so fragte man Ferid danach. Dieser erzählte alles, was er von seiner Wärterin gehört hatte. Deswegen liebten ihn die Weisen und die Vezire noch mehr. Der Kaiser freute sich [[251]]noch mehr darüber, daß Ferid am Leben geblieben war, als darüber, daß der Drache getötet war, und richtete eine Hochzeit mit königlicher Pracht her und verheiratete ihm seine Tochter. Da der Kaiser sehr alt war, ernannte er ihn zu seinem Nachfolger, und Ferid wurde unabhängiger Kaiser.
Darauf schickte Ferid in seine Heimat, um seine Mutter, seinen Vater und, um ihn zu töten, den Wechsler holen zu lassen. Der Wechsler war aber schon seit langem tot. Der Asket und seine Frau begaben sich voller Furcht, was der Kaiser wohl von ihnen verlange, zu ihm und, nachdem sie alle Zeremonien erfüllt hatten, sahen sie, daß es ihr Sohn Ferid war. Dieser ließ nun das Vergangene vergangen sein, ernannte seinen Vater zum Vezir und seine Wärterin zur Oberaufseherin über alle Sklavinnen seines Harems. Als sie dann allein waren, erzählte er seinem Vater in Gegenwart der Mutter, was sich ihnen allen seit seiner Jugend ereignet hatte. Da schämte sich die Frau sehr, sagte aber, daß zwischen ihr und dem Wechsler nichts Häßliches passiert sei, daß sie nur von Angesicht ineinander verliebt gewesen seien, und daß sie auch dies bereue und dafür um Verzeihung bitte.
Ferid stand auf, küßte seinen Eltern die Hand und betete für sie. So brachten sie denn in Behaglichkeit ihr Leben zu.
[[Inhalt]]