Der Reiter hielt die Öffnung des Sackes fest zu und schlug ihn so stark auf den steinigen Boden, daß die Schlange starb, und die Menschheit von ihrem Gifte, und die Welt von ihrer Bosheit befreit wurde.
[[Inhalt]]
55. DER FROMME MANN UND DIE DIEBE
Ein frommer Mann hatte sich für das Opferfest einen Hammel gekauft, um dessen Hals einen Strick gelegt und führte ihn zu seinem Kloster. Unterwegs sahen einige Diebe das Schaf: Ihre Diebslust regte sich und sie gingen dem frommen Mann entgegen. Da sie nicht wie Wölfe oder Tiger mit gewalttätiger Hand die Beute nehmen konnten, wollten sie listig wie ein Fuchs zu Werke gehen und den frommen Mann in den Schlaf des Hasen[45] versetzen. Sie verfielen auf eine [[281]]ganz besondere List, durch die sie das einfache und fromme Herz des Mannes zu fangen gedachten. Nämlich folgendermaßen: Sie gingen einzeln dem frommen Manne entgegen. Der erste sagte: „Scheich, was willst du mit dem Hunde machen?“ Der zweite: „Scheich, beflecke dein Gewand nicht mit dem Hunde.“ Der dritte: „Es sieht so aus, als ob du mit dem Hunde auf Jagd gehst.“ Ein anderer sagte: „Jäger, von wem hast du diesen Jagdhund gekauft?“ Ein anderer: „Der Scheich mit diesem Hunde sieht so aus wie ein Nachtwächter.“ Ein anderer: „Dieser Mann mit dem Jagdhund ist sicherlich ein Hundewärter des Kaisers.“ Kurz, alle die Diebe hatten sich auf dies Wort geeinigt, warfen ihm ein solches Wort zu und machten ihn zur Scheibe ihres Witzes.
Als der schlichte fromme Mann von ihnen allen übereinstimmend dies Wort hörte, kamen ihm Zweifel, ob sein Hammel ein Hund sei und er sagte zu sich: „Vielleicht war der Verkäufer ein Zauberer, der mich verzaubert hat, daß ich den Hund für einen Hammel halte. Das Beste ist es, ich lasse ihn fahren, gehe zum Verkäufer zurück und verlange mein Geld zurück, das ich ihm gegeben.“
In seiner Einfalt ließ er den Hammel los und ging zurück, um den Verkäufer zu suchen. Als die Diebe das sahen, stürzten sie sich wie Wölfe auf den Hammel und nahmen ihn mit sich.
[[Inhalt]]
56. DIE MAUS, DIE IN EIN JUNGES MÄDCHEN VERWANDELT WURDE
Ein Mönch, dessen Gebet Erhörung bei Gott fand, hatte sich am Rande eines Baches niedergelassen und sich ganz von den Dingen dieser Welt zurückgezogen. Eines Tages flog ein Weihe vorbei, der eine Maus gefangen hatte und im Schnabel hielt. Nach Gottes Willen fiel diese aus dem Schnabel des Weihes gerade vor den Mönch. Dieser sah sie und empfand Mitleid mit ihr, warf seinen Mantel über sie, nahm sie in sein Haus [[282]]und trug einem seiner Schüler auf, sie wie seinen Sohn zu pflegen. Dann kam ihm in den Sinn, daß dies Tier in einer Menschenwohnung allerlei Unbequemlichkeit hervorrufen werde. Er bat daher Gott, daß er sie in ein junges Mädchen verwandele. Sein Gebet wurde erhört und sie wurde ein schönes Mädchen. Als der Mönch sah, daß sie die leibhaftige Grazie war, übergab er sie einem seiner Schüler und trug ihm auf, sie wie seinen leiblichen Sohn zu erziehen. Der Schüler folgte dieser Anweisung seines Meisters und erzog sie mit Eifer.
Nach kurzer Zeit war das Mädchen herangewachsen und der Mönch sagte zu ihr: „Liebes Herz, du bist nun herangewachsen und ich muß dich verheiraten. Ich überlasse die Sache dir. Was sagst du dazu? Du kannst dir deinen Gemahl aus den Menschen und Geistern und den Wesen der Ober- und Unterwelt aussuchen.“ Das Mädchen antwortete: „Ich wünsche einen Gemahl, der sich durch Kraft und Stärke besonders auszeichnet.“ Der Mönch erwiderte: „Ein Wesen, das alle diese Eigenschaften besitzt, wird schwer gefunden, aber vielleicht ist es die Sonne?“ Das Mädchen sagte: „Ja, das wäre ein passender Gemahl für mich.“