Als die Sonne am Morgen aufging, stellte der Asket ihr die Sache dar und sagte: „Das Mädchen ist sehr schön und einem Engel zu vergleichen. Ich will sie jetzt verheiraten, aber sie verlangt jetzt von mir einen starken, angesehenen Gemahl, deswegen möchte ich sie dir als Dienerin übergeben und die Ehe zwischen euch beiden abschließen.“ Als die Sonne dies hörte, wurde sie vor Scham bald bleich, bald rot. Schließlich gab sie folgende Antwort: „Mönch, ich will dir jemand nennen, der stärker als ich ist. Das ist die Wolke, denn sie kann mit ihrer Schleppe mein leuchtendes Gesicht verhüllen und meinen Anblick dem Menschen fern halten.“

Der Mönch wandte sich also an die Wolke und trug sein Anliegen vor. Die Wolke versank vor Scham und sagte: [[283]]„Wenn du mich wegen meiner Kraft und Stärke wählst, so ist der Wind in dieser Beziehung mir überlegen, denn er treibt mich dorthin, wohin er es will, und mein Wille ist ganz in seiner Hand.“ Der Mönch gab dies zu und wandte sich an den Wind. Er schilderte ihm die Schönheit seiner Tochter und erzählte die Geschichte von der Wahl des Schwiegersohnes genau wie vorher. Der Wind kam in Verlegenheit über diese Worte und sagte: „Wenn ich auch noch so mächtig und kräftig bin, so ist doch der Berg noch mächtiger, denn er steht fest und majestätisch. Meine Kraft macht gerade soviel Eindruck auf ihn wie der Ton einer Posaune auf das Ohr eines Tauben oder der Tritt einer Ameise auf einen harten Fels.“

Als der Mönch dem Berge seine Absicht auseinandergesetzt hatte, rief dieser mit lauter Stimme: „An Kraft und Stärke ist die Maus mir überlegen, denn sie nagt mich von allen Seiten mit ihren scharfen Zähnen an, macht in meinem Innern lauter Löcher und Nester und hat meine Brust und meinen Körper mit ihren erbarmungslosen Zähnen zu einem Sieb gemacht.“ Als das Mädchen dies hörte, regte sich in ihr ihre Herkunft und sie sagte: „Du sagst die Wahrheit, denn die Maus ist mächtiger als er, und eine Heirat mit der Maus wäre für mich das passendste.“ Der Mönch war damit einverstanden und setzte einer Maus sein Anliegen auseinander. Die Maus fühlte infolge der Verwandtschaft Zuneigung zu ihr und sagte: „Ich wünsche mir schon seit langem eine Geliebte, die mir Gefährte und Genosse sein könnte, aber da zwischen den Gatten Gleichwertigkeit vorhanden sein muß, so muß ich eine Gemahlin haben, die von meiner Rasse ist.“ Das Mädchen sagte: „Das ist leicht. Der fromme Mann muß zu Gott beten, daß ich eine Maus werde und dich mit den Armen der Liebe umarme.“ Da der Mönch sah, daß auf beiden Seiten Zuneigung vorhanden war, so hob er seine Hände empor und bat Gott, sie wieder zur Maus zu machen. Sein Gebet wurde sofort erhört und der Spruch: „Jedes [[284]]Ding kehrt zu seinem Ursprung zurück“ bewahrheitete sich wieder. Das Mädchen wurde wieder eine Maus, was sie vorher gewesen, und der Mönch gab sie der anderen Maus zur Ehe.

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57. DIE BEIDEN SPERLINGE UND DIE SCHLANGE

Zwei Sperlinge hatten ein Nest auf dem Dach eines Hauses und brachten ihr Leben zu, indem sie zufrieden waren mit dem, was sie sich erwarben. Nachdem sie durch Gottes Willen Junge bekommen hatten, flogen sie immer beide aus, um für ihre Jungen Nahrung zu holen. Eines Tages als der Vater von einem Fluge heimkehrte, sah er, daß die Mutter in Aufregung um das Nest flog, laut schrie und jammerte. Er rief aus: „Was machst du und was jammerst du?“ Sie antwortete: „Warum sollte ich nicht wehklagen? Als ich nach kurzer Abwesenheit zurückkehrte, sah ich, daß eine schreckliche Schlange an unser Nest herankroch. Wie sehr ich auch bat und flehte, es nützte nichts.“ Sie sagte: „Dein Schreien macht auf meine schwarze Seele keinen Eindruck.“ Ich antwortete: „Gut, aber fürchtest du dich nicht davor, daß wir beide uns an dir rächen und dich zu töten versuchen werden?“ Die Schlange antwortete unter Lachen: „Was sollte ich von dir befürchten?“ Da blieb mir nichts anderes übrig als um Hilfe zu rufen. Aber niemand hörte mich und die Schlange hat unsere Jungen gefressen und sich in unser Nest gelegt.“

Als der männliche Sperling diese Schreckenskunde vernahm, war er wie vom Blitze getroffen. Während dessen war der Besitzer des Hauses damit beschäftigt Licht anzuzünden und hielt einen in Öl getauchten brennenden Docht in der Hand. Der Sperling packte den Docht und warf ihn auf sein Nest. Um einen großen Brand zu verhindern, stieg der Hausherr auf das Dach und wollte das Nest mit einer Hacke vom Dache herunterschlagen. Als die Schlange vor sich die Feuerfunken und über sich die [[285]]Schläge der Hacke merkte, steckte sie aus einem Loch den Kopf heraus und wurde von der Hacke erschlagen.

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58. DER DERWISCH UND DER ZERSCHLAGENE KRUG

Ein frommer Mann lebte neben einem Kaufmann, der ihn in den Dingen dieses Lebens um Rat fragte. Der Kaufmann verkaufte Öl und Honig und gewann dabei sehr viel. Der fromme Mann widmete sich ganz dem Dienste Gottes. Deswegen schenkte der Kaufmann ihm in allem Glauben, hatte die Sorge für seinen Unterhalt übernommen und schickte ihm jeden Tag eine bestimmte Menge Öl und Honig. Der Derwisch gebrauchte davon etwas für seinen täglichen Unterhalt, den Rest sparte er sich auf. Im Lauf der Zeit sammelte er sich davon einen Krug an und kam auf den Gedanken, ihn mit Gewinn zu verkaufen. Als er ihn sich eines Tages ansah und in Gedanken versunken war, überlegte er, wieviel Maß Honig und Öl er wohl fasse. Er schätzte ihn auf zehn Maß und sagte: „Das Beste ist, daß ich ihn für zehn Dirhem verkaufe und mir für das Geld zehn Schafe kaufe. Diese werden nach sechs Monaten Junge bekommen und jedes wird zwei Lämmer haben. In einem Jahre werden es vierzig bis fünfzig sein und in zehn Jahren werden daraus Herden entstehen. Davon werde ich einige verkaufen und reich werden. Dann werde ich ein schönes junges Mädchen aus vornehmer Familie heiraten. Diese wird in neun Monaten mir einen Sohn, wie ein Engel, gebären. Nach einiger Zeit werde ich ihn in allen Wissenschaften und Künsten unterrichten. Wenn er dann heranwächst, kann es vorkommen, daß er nicht tut, was ich will. Dann werde ich ihn züchtigen, und zwar werde ich das mit diesem Stocke in meiner Hand tun.“ Er hob den Stock hoch und war so in seine Träumerei versunken, daß er seinen ungehorsamen Sohn vor sich zu haben glaubte, und schlug stark auf den Krug ein. Nun stand [[286]]der Krug oben auf einem Brett, und er saß darunter. Als er auf den Krug einschlug, zerbrach dieser, und das Öl und der Honig floß ihm über Haar und Bart.