61. DIE MUTTER UND DIE KRANKE TOCHTER
Eine alte Frau hatte eine wunderschöne Tochter, die plötzlich sehr krank geworden war. Die Mutter war immer am Bette der Tochter, vergoß Ströme von Tränen und sagte, indem sie voll Trauer zum Himmel blickte: „Liebes Kind, du bist mein alles. Wie gerne würde ich mein Leben für dich dahingeben. Nur mit dir habe ich Freude am Leben. Ohne dich nützt mir das Leben nichts. Ich will gern sterben, wenn du nur gesund wirst.“ So betete sie Tag und Nacht und war bereit, sich für ihre Tochter zu opfern.
Nun hatte die alte Frau eine schwarze Kuh. Diese war vom Felde heimgekommen und in die Küche gegangen. Angelockt durch den Geruch der Mahlzeit, hatte sie den Kopf in den Kessel gesteckt und alles, was sie fand, ausgefressen. Als sie den Kopf wieder herausziehen wollte, konnte sie den Kessel nicht loswerden und wurde dadurch ganz aufgeregt. Die alte Frau, die von diesem Vorgange nichts wußte, hörte gegen Abend eine schreckliche Stimme und sah diese merkwürdige Erscheinung. Da dachte sie, es sei der Todesengel, der gekommen sei, um ihre Tochter zu holen. Infolgedessen sagte sie unter Jammern und Wehklagen: „Engel des Todes, ich bin nicht die Kranke. Ich bin eine alte Frau. Die Kranke ist meine Tochter. Deren Seele hole.“
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62. DER MANN MIT DEN ZWEI FRAUEN
Ein Mann hatte zwei Frauen, die eine war alt, die andere zart wie ein Rosenblatt. Er selbst war über die Zeit der Jugend hinaus, und sein Haar und Bart fingen an grau zu werden. Er liebte beide Frauen und behandelte die eine wie die andere derart, daß er die eine Nacht bei der einen und die andere [[290]]Nacht bei der andern zubrachte. Er hatte die Gewohnheit, des Morgens, bevor er aufstand, seinen Kopf seiner Frau auf den Schoß zu legen und noch etwas zu schlafen. Als er eines Tages so im Schoße der alten Frau schlief, sah diese, daß in seinem Bart einzelne weiße Haare waren. Sie sagte zu sich: „Ich werde ihm die schwarzen Haare herausschneiden und ihn des Schmuckes der Jugend berauben, damit die andere Frau, die ihn für jung hält, seiner überdrüssig wird, wenn sie das weiße Haar sieht, und damit er sich dann aus Ärger über diese Zurücksetzung ganz mir anschließt.“ In diesem Gedanken beseitigte sie, soweit als möglich die schwarzen Haare.
Am nächsten Morgen schlief er im Schoße der jungen Frau. Als diese unter den weißen Haaren einige schwarze sah, die der Schere der alten Frau entgangen waren, sagte sie: „Ich werde die weißen Haare entfernen, so daß er sich noch für jung hält, des Verkehrs mit der alten Frau überdrüssig wird und nur Verlangen nach mir hat.“ Sie schnitt also, soweit sie konnte, die weißen Haare ab. So verging einige Zeit. Eines Tages hörte er, daß einige Leute zueinander sprachen und sich über seinen Bart lustig machten. Er faßte nach seinem Barte und sah, daß überhaupt kein Haar mehr geblieben war.
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63. DER JÄGER UND DIE BEIDEN STUDENTEN
Es gab einen armen Mann, der es im Fischen und Jagen zu einer großen Meisterschaft gebracht hatte. Eines Tages hatte er sein Netz auf einer Wiese ausgebreitet und saß im Hinterhalt. Nach langem Warten und mit vieler Mühe hatte er drei Vögel herangelockt. Als er die Schlinge zusammenzog, hörte er den Lärm von Stimmen. Damit nicht die Vögel hierdurch verscheucht würden, verließ er seinen Hinterhalt und sah, daß es zwei Studenten waren, die miteinander disputierten und zwar so, daß die Disputation schon in den heftigsten Streit ausartete. Der Jäger bat und flehte: „Seid einen [[291]]Augenblick ruhig, daß die Vögel nicht verjagt werden und meine Arbeit nicht umsonst sei.“ Die Studenten sagten: „Wenn du uns von dieser Beute einen Anteil gibst und jedem von uns einen Vogel versprichst, so wollen wir dir zu Willen sein und uns nicht weiter streiten.“ Der Jäger erwiderte: „Ich bin ein armer Mann und habe eine Familie, die auf meinen Fang angewiesen ist. Wenn ihr nun schon zwei Vögel nehmt, so bleibt nur noch einer. Wie sollte der für die ganze Familie reichen?“ Sie sagten: „Du genießt immer diese Nahrung, wir müssen uns kümmerlich ernähren und haben noch nie Vogelfleisch bekommen. Es bleibt bei der Bedingung. Entweder schreien wir und jagen dir deine Beute weg oder du gibst einem jeden von uns einen Vogel.“ Was der Jäger auch alles dagegen sagte, sie blieben hartnäckig, und so mußte er die Bedingung annehmen. Er zog also das Netz zu und fing die drei Vögel. Dann fing er von neuem an zu flehen. Aber als nichts half, teilte er die Beute mit ihnen und sagte: „Da ich euch diesen Gefallen getan habe, so sagt mir wenigstens das Wort, worüber ihr euch gestritten habt. Lehrt es mich, damit ich wenigstens auch einen Nutzen von euch habe.“