Die Studenten lachten und sagten: „Wir sprachen von dem Hermaphroditen und von dem Erbrecht eines solchen.“ Der Jäger fragte: „Was ist ein Hermaphrodit?“ Sie antworteten: „Ein Hermaphrodit ist einer, der weder männlich noch weiblich ist.“ Der Jäger merkte sich das Wort, ging betrübt nach Hause und erzählte seiner Familie den Vorfall. Die begnügte sich diese Nacht mit dieser geistigen Nahrung. Am nächsten Morgen ging der Jäger fischen und warf sein Netz ins Meer. Nach Gottes Ratschluß fing er einen Fisch, wie er ihn noch nie gesehen hatte. Nachdem er ihn eine Zeitlang voll Bewunderung betrachtet hatte, sagte er nach längerem Überlegen zu sich: „Kein Fischer hat einen solchen Fisch in seinem Netze gefangen, und einen zweiten so schönen Fisch gibt es nicht. Es ist das beste, ihn lebendig dem Könige zu schenken, [[292]]damit er mich vor meinen Genossen ehre.“ Er setzte also den Fisch in einen Wasserbehälter und ging zum königlichen Palast. Nun war auf Befehl des Königs in dem Garten vor dem Schlosse ein Bassin aus Marmor gebaut und mit klarem Wasser gefüllt worden. Dort hinein hatte man Fische gesetzt und ein halbmondförmiges Schiff gebaut, um es auf der Oberfläche des Bassins schwimmen zu lassen. Jeden Tag, wenn der König Lust hatte, das Wasser und die Fische zu sehen, ging er an den Rand des Bassins. Als er hierbei beschäftigt war, kam der Fischer und zeigte diesen wunderbaren Fisch dem Könige. Dieser fand ihn sehr schön und ließ dem Fischer tausend Goldstücke anweisen.

Einer von den Veziren, der dem König besonders nahe stand und daher offen seine Meinung äußern konnte, sagte zu ihm warnend: „Euer Majestät weiß, daß es im Meere viele Fische gibt und daß die Zahl der Fischer ohne Ende ist. Wenn die goldspendende Hand des Königs für einen Fisch tausend Goldstücke gibt, dann werden weder der Schatz des Königs noch sämtliche Steuern des Landes ausreichen. Es ist ja bekannt, wie hoch der Preis für einen Fisch ist, und wie hoch die Belohnung für einen Fischer sein darf. Das Geschenk muß dem Gegenstand entsprechend und die Belohnung der Arbeit gemäß sein.“ Der König antwortete: „Du hast zwar recht, aber, nachdem ich es einmal versprochen habe, muß ich auch mein Wort halten.“ Der Vezir sagte: „Ich habe einen Plan, so daß du weder wortbrüchig zu werden brauchst noch das viele Geld ausgeben mußt. Das Beste ist, man fragt ihn, ob der Fisch ein Männchen oder Weibchen ist. Je nachdem er dann angibt, sagt man: ‚Geh und hole den Genossen, damit es ein Paar werde. Dann bekommst du das versprochene Geld.‘ Er wird dann stumm sein wie ein Fisch und mit dem wenigen, was er bekommen hat, zufrieden sein.“

Der König wandte sich zu dem Fischer und sagte: „Meister, ist dieser Fisch ein Männchen oder ein Weibchen?“ [[293]]Der Fischender ein vielerfahrener Mann war, überlegte sich, was der König wohl mit dieser Frage beabsichtige. Nach längerem Nachsinnen fiel ihm das Wort ein, das er von den beiden Studenten gelernt hatte. Er antwortete also: „Dieser Fisch ist ein Hermaphrodit, das heißt, er ist weder Männchen noch Weibchen.“ Dem Könige gefiel die Antwort sehr. Er gab ihm zu den versprochenen Goldstücken noch tausend dazu und nahm ihn unter seine Hofleute auf.

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64. DER KLUGE KADI

Es gab einmal einen großen König. Dieser legte eines Tages sein Haupt auf das Sterbebett, ließ seine drei Söhne allein zu sich kommen und sprach zu ihnen: „In den und den Winkel meines Palastes habe ich eine Schachtel voll kostbarer Edelsteine hingesetzt; wenn ich gestorben sein werde, so nehmt sie hervor und teilt sie unter euch!“ Nachdem der König noch drei Tage gelegen hatte, empfahl er am vierten Tage seine Seele Gott. Während man nun für den König die Leichenfeierlichkeiten veranstaltete, ging einer von den Söhnen und nahm jene Schachtel mit den kostbaren Edelsteinen heimlich für sich weg. Als nach einiger Zeit alle drei die Schachtel von ihrem Orte hinwegnehmen wollten, fanden sie dieselbe nicht mehr vor. Deshalb entstand unter ihnen Streit, welcher solange währte, bis sie endlich vor den Kadi traten und diesem das Sachverhältnis auseinandersetzten. Der Kadi, von dem Hergange der Sache belehrt, sprach zu ihnen die Worte: „Zuvörderst will ich euch eine Geschichte erzählen — hört darauf — und dann eure Streitsache entscheiden.“ Sie erwiderten: „Geruhe nur anzufangen.“ Der Kadi sprach: „Es liebten sich einmal in früherer Zeit ein Jüngling und ein Mädchen. Das Mädchen hatte aber einen anderen jungen Mann zum Bräutigam. Der in dieses Mädchen verliebte erstere junge Mann hörte nicht auf in einem fort zu seufzen und zu schluchzen. ‚In [[294]]jener Nacht,‘ sprach er, ‚wo du das Hochzeitsbett besteigen wirst, — was wird da aus mir werden?‘ Das Mädchen erwiderte: ‚Ich werde in jener Nacht niemandem eher die Hand geben, als ich mich vorher mit dir zusammengefunden habe!‘ Dies versprach sie ihm. Als nun in der Nacht der Heimführung die junge Frau mit ihrem Manne allein war, erzählte sie ihm, was für ein Versprechen sie jenem Jünglinge gegeben habe, und erbat sich von ihrem Manne die Erlaubnis, zu ihm hinzugehen. Der Gemahl erwiderte: ‚Mache dich auf und gehe!‘ Die junge Frau ging in aller Stille hinaus und traf unterwegs einen Dieb. Als dieser sah, daß sie eine hübsche und liebenswürdige Frau sei, die unter ihren Zeitgenossinnen nicht ihres Gleichen habe und sich Hals und Ohr reich mit Goldperlen behangen hatte, umarmte er sie wie ein Lamm, das in die Gewalt eines hungrigen Wolfes geraten ist. Er fragte die junge Frau: ‚Wer und was bist du?‘ Sie erzählte ihm ihre Geschichte von Anfang bis zu Ende. Als der Dieb diese gehört hatte, sprach er: ‚Jetzt ist es Zeit, sich als Ehrenmann zu zeigen, auch ich will dir nichts tun — wohlan, komm, ich will dich zu deinem Geliebten bringen!‘ Mit diesen Worten nahm er sie bei der Hand, brachte sie an die Tür ihres Geliebten und sprach: ‚Bis du wieder herauskommst, will ich hier stehen bleiben.‘ Als die junge Frau bei ihrem Geliebten eintrat, traf sie den Jüngling an und sprach: ‚Siehe, ich habe dir hiermit mein Versprechen erfüllt.‘ Dieser sprach: ‚Bei Gott, welche ritterliche Gesinnung hat dein Gemahl jetzt gegen mich an den Tag gelegt, daß er dich zu mir geschickt! Ich würde sie ihm schlecht vergelten, wenn ich jetzt noch nach dir die Hand ausstrecken wollte! Stehe auf und kehre zu deinem rechtmäßigen Ehegatten zurück.‘ Mit diesen Worten schickte er die junge Frau zurück. Diese stand auch sogleich wieder auf und ging hinaus, wo sie der Dieb wieder bei der Hand nahm und ihrem rechtmäßigen Ehegatten zurückbrachte. Er selbst aber ging seines Weges.“ — Der Kadi sprach: „Sagt nun, ihr Prinzen, welchen von [[295]]diesen dreien, d. h. den Gemahl, den Geliebten oder den Dieb, haltet ihr für den größten Ehrenmann?“ Der eine von ihnen erwiderte: „Meiner Ansicht nach dürfte der Gemahl der größte Ehrenmann sein.“ Der zweite erwiderte: „Der Geliebte dürfte es sein“, und der dritte meinte: „Der Dieb.“

Als der Kadi diese Antworten der Prinzen gehört hatte, sprach er zu demjenigen von ihnen, welcher gemeint hatte, daß der Dieb der größte Ehrenmann sei, die Worte: „Du hast wahr und richtig gesprochen. — Du hast dir die Schachtel mit den kostbaren Edelsteinen genommen; also gib sie her, denn der Geliebte hilft dem Geliebten, der Biedere dem Biederen und der Dieb dem Diebe!“

Der Prinz, welcher seiner Tat überführt war, brachte beschämt die Schachtel mit den Edelsteinen und gab sie hin.

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65. DER UNSICHTBARE TURBAN