Abb. 48. Kurhaus und Aktienhotel in Bad Harzburg.
(Nach einer Photographie von F. Rose in Wernigerode.)

Die tiefsten Schächte, voran der Kaiser Wilhelm II., bringen an 900 Meter Teufe ein, der 157 Meter hohe Kölner Dom ließe sich darin sechsmal aufeinanderstellen. Welch winzige Zwerge sind dagegen die nur 22 Meter tiefen Schächte des „Alten Mannes“, der die Wasser noch nicht zu bewältigen verstand. Aber völlig gelungen ist dies auch erst den riesenhaften Arbeiten der Neuzeit, dem 1799 fertiggestellten Georgstollen, der unterhalb der Bergstadt Grund mündet, und dem 1864 eingeweihten Ernst-August-Stollen, der sein mit Türmen und Zinnen geschmücktes Mundloch auf der Schützenwiese bei Gittelde hat und mit seiner Länge von 26 Kilometern mehr wie die Hälfte länger ist als der große Gotthardtunnel.

Und großartig wie die Abführung der Wasser der Tiefe ist auch die Zuführung der Tagewasser, deren Grube, Pochwerk und Hütte trotz der in Dienst genommenen mächtigen Dampfmaschinen nicht entraten können. Wo man auch nur wandert im Oberharze, überall trifft man Sammelgräben und meist „im Festen“ stehende Wasserläufe, als dürfe kein Tropfen des kostbaren Wassers verloren gehen. Die größte dieser Pulsadern des Bergbaues, der 1732 angelegte und 1840 erweiterte Dammgraben, zwingt selbst die Moorwasser des fernen Brockenfeldes zur Bergarbeit; nachdem er in 790 Meter Meereshöhe die Abbe, ein Nebenflüßchen der Ecker, abgefangen hat, durchschneidet er das Quellgebiet der Bode, Oker und Söse, überschreitet auf dem 1 Kilometer langen und 16 Meter hohen Sperberhaier Damme die Wasserscheide zwischen Oker und Söse und speist, mit seinen Zufuhrgräben 63 Kilometer lang, die terrassenförmig untereinanderliegenden Teiche bei Klausthal, von denen der Hirsch bei einer Bodenfläche von 15,7 Hektar mehr als 600000 Kubikmeter Wasser faßt. Die Hauptpulsader des Andreasberger Bergbaues ist der in den Granitfels gesprengte 7½ Kilometer lange Rehbergergraben, der die in dem 22 Hektar deckenden Oderteiche durch einen aus mächtigen mit Eisen verklammerten Granitmassen aufgetürmten Riesendamm aufgestauten Quellwasser der Oder den dortigen Werken zuführt.

Abb. 49. Radaufall.
(Nach einer Photographie von Sophus Williams in Berlin.)

Kahlenberg. Hahnenklee.

Die Randberge der Klausthaler Hochebene bieten viele herrliche Aussichtspunkte. Von der Schalke, dem 763 Meter hohen Gipfel des Kahlenbergs, an deren Fuße die Festenburg idyllisch aus dem Grün hervorlugt, überblickt man die ganze Hochebene wie eine ausgebreitete Landkarte; und der Blick nach Osten, auf das Brockenfeld mit dem Brockengebirge im Hintergrunde und auf die Harzburger Berge ist von wunderbarem Reiz. Über den Auerhahn, die Paßhöhe zwischen Zellerfeld und Goslar, wandern wir dem erst vor wenigen Jahrzehnten von den Sommerfrischlern entdeckten Bergdörfchen Hahnenklee (Abb. [16]) zu und erfreuen uns unterwegs am Bocksberge an dem wunderhübschen Blick auf die von Bächen durchschnittene Gebirgspartie zwischen Gose und Innerste und die schön bewaldeten Berg- und Hügelreihen der Vorlande, den Steinberg und die fast unzählbaren schmucken Dörfer. Auf dem Rückwege über Bockswiese folgen wir eine Strecke dem lieblichen Spiegelthale, dessen friedlich stille Teiche langgezogen das schmale, scharf geschnittene Thal füllen.

Den Kaltenborn zwischen Frankenscharner Hütte und Windhausen (Grund), die Kuckholzklippe über dem in die Thalspalte förmlich eingeklemmten Lerbach und die schroff über der Söse hängende Siebenwochensklippe am Morgenbrotsgraben jenseit des Dammhauses muß man am Vormittage besuchen: sie eröffnen sämtlich, doch in verschiedener Begrenzung, den Blick über den Harz hinaus in die westlichen und südwestlichen Vorlande bis zum Bramwalde, dem Meißner und der Eichsfeldischen Pforte, in der Ferne kaum von den Wolkenzügen zu unterscheiden.