Waldeszauber.
Erst auf diesen Wanderungen lernen wir auch den oberharzischen Wald in seinem ganzen Reiz, in seiner zauberhaften Wirkung auf das Gemüt würdigen und kennen.
Laß uns einmal einem vom Touristenheere noch nicht ausgetretenen, vom fürsorglichen Harzklub noch nicht bezeichneten Pfade folgen. Durch die grüne Nacht hoher, dichter Tannen, die nur hin und wieder durch zitternd einfallendes Licht, durch das hellere Grün des Torfmooses und der großen Farnkräuter, die in dicken Büscheln die Baumwurzeln bekleiden, gemildert wird, gelangen wir auf einen „Hai“, auf dem tausend und abertausend Exemplare des roten Fingerhutes, wie von der Hand des Gärtners gezogen und wirkungsvoll gruppiert, blendend ihre Pracht entfalten. Sieh, dort vom Rande äugt ein Rudel Hirsche halb scheu, halb neugierig herüber; den ausdrucksvollen Kopf mit dem vielzackigen Geweih dir zugewendet, zucken sie nicht einmal mit der Wimper. Aber nun fliegen sie in wilden Sätzen den Abhang hinab. Und nun wieder kein Laut ringsum, nur der Abendwind fängt an, leise und warnend in den Wipfeln der Bäume dort unten zu rauschen, und das seine Thalfahrt beginnende Wasser sickert flüsternd durch das Moos und tröpfelt kaum hörbar von einem Stein auf den andern. Doch jetzt trägt der anschwellende Wind Klänge einer harmonischen Musik herüber, erst geisterhaft leise, allmählich klarer und bestimmter: mitten in der Wildnis, dem Abendgeläut eines Eremiten gleich, das Glockengeläut einer den Ställen zuwandernden Rinderherde. Es sind schmucke, kräftige Tiere, rot- und hellbraun, mit großen Hörnern, deren Spitzen nach oben gerichtet sind; die reine Harzrasse. Würdevoll schreitet der Hirt, mit derben Schuhen, grauen Gamaschen, schwarzem Leinwandkittel und breitkrempigem Filzhut bekleidet, ihnen voran; das handliche Beil, das, an der scharfen Schneide mit einem Stück Hirschhorn verwahrt, an einem über die rechte Schulter laufenden, mit blanken Messingschildern verzierten schwarzen Lederbande ihm an der Seite hängt, gebraucht er, um die Kühe loszuhacken, die sich mit den Hörnern im Gestrüpp, oder mit den Füßen im Wurzelgeflecht verwickelt haben (Abb. [17]). Die Stiere seiner Herde, auf der Tierschau prämiiert, und sechs bis zwölf der schönsten Kühe sind sein Eigentum, er ist ein wohlsituierter Mann. Im Winter ist er Fleischer und Hausschlächter, und sein Knecht, der dort den Beschluß der Herde macht, ist dann sein Gehilfe. Wahrscheinlich versteht er auch selbst sein achtstimmiges Glockenspiel neu zu stimmen, „Stimmbeulen“ von außen oder innen hineinzuschlagen.
Abb. 50. Harzburg im 17. Jahrhundert (nach Merian).
Abb. 51. Rabenklippen.
(Nach einer Photographie von Sophus Williams in Berlin.)
Vom Hirten freundlich zurecht gewiesen, gelangen wir binnen kurzem auf eine wohlgepflegte, mit Ahorn und Vogelbeere dicht begrenzte Straße, deren Nähe wir nicht vermuten konnten. Einsam windet sie sich durch den unabsehbaren Wald. Die zur Rüste gehende Sonne umspielt nur noch die mit Zapfen dicht behangenen Wipfel der stattlichen Bäume; in den schluchtenartigen Waldthälern lagert schon der weiße Abendnebel. Das Herdengeläut verklingt allmählich in der Ferne; nun ringsum sabbatliche Stille. Verstohlen tritt eine Rehfamilie aus dem Hochwalde zur Rechten, huscht wie ein Schatten über die Straße und fliegt dann in eleganten Sätzen über die „Schonung“ zur Linken dem Dickicht zu, in dem die Sauen ihren Kessel haben (Abb. [18]). Schon erhebt die Königin der Harzer Waldsänger, die Schwarzdrossel, klagend und doch voll Hoffnung ihren schwermütigen, herzergreifenden Gesang, um der sinkenden Sonne einen letzten Abschiedsgruß nachzurufen. Doch nun — klingt's da nicht in der Ferne wie leiser melodischer Gesang? und ist's nicht gar ein gemischter Chor? Es kommt näher und näher: frische, fröhliche Mädchenstimmen, ohne Schule und Kunst, naturwüchsig wie der Wald ringsum und ansprechend eben in dieser Harmonie. Rein und hell singt der Sopran seine einfach-schöne Melodie hinaus, und der Alt, von einer einzelnen Männerstimme kräftig unterstützt, begleitet sie mit der „zweiten Stimme“, wie sie das gesangfreudige Volk fast instinktiv findet. Jetzt verstehen wir auch die Worte: