Abb. 69. Dorfstraße in Schierke.
(Nach einer Photographie von F. Rose in Wernigerode.)
Romkerhalle.
Sich windend und krümmend zwängt sich die durch das Weißewasser, durch Kellwasser und Kalbe und kleinere muntere Bäche verstärkte Oker nach Norden durch eine enge Spalte festen, weißen Granits. Schäumend umtanzt sie die Granitbrocken, die ihr den Weg versperren möchten; umspielt den Jaspisfelsen der hellschimmernden Birkenburg; finster blickt der Ahrendsberg hernieder; wunderbare Felsgebilde, manche durch eine einzelne Föhre oder durch eine kleine Gruppe dieser „Harzceder“ ausdrucksvoll bezeichnet, schauen von den fichtendunklen Höhen herab, wie der Mönch, der große Kurfürst, die Madonna, Zieten, der schlafende Löwe; großartiger aber noch sind die Granitkolosse am Wege nach Harzburg, die sich nicht in den Vordergrund drängen: die Grotte und die Mausefalle, diese unheimlichen Bauwerke der Natur, die jeden Augenblick zusammenzubrechen drohen, die Hexenküche und die Bastei der „Käste“. Die interessanteste und wildeste Strecke des Okerthals ist die vom Gasthaus Romkerhalle, wo von rechts die Romke mit etwas Nachhilfe in drei Absätzen 65 Meter hoch vom buntgebänderten Felsen springt (Abb. [30]), von ferne gesehen einem herabhängenden breiten Silberbande nicht unähnlich, und die zerschäumten, zersprengten und zerstäubten klaren Wasser in dem der buntgemischten, allstündlich sich erneuernden Gesellschaft erfrischende Kühle zuhauchenden Becken zu sammeln sucht, bis abwärts zum Waldhause am Beginn des Goslarschen Fußweges: im frühen Mittelalter führte kein Weg neben dem Flusse herauf, und die später hergestellte gefährliche Fahrstraße hielt sich streckenweise in respektvoller Entfernung; erst um 1860 ist ihr durch Sprengung der Felsen überall Raum neben dem Flußbett geschaffen; großartige neue Bilder erschließt aber der Fußweg durch das bisher unzugängliche Klippengewirr zur Linken, an dem der Harzklub eifrig arbeitet.
Abb. 70. Schierke.
(Nach einer Photographie von F. Rose in Wernigerode.)
An majestätischer Schönheit läßt sich mit dem Okerthale nur das Bodethal in Parallele stellen; wem der Preis gebührt, ist nicht zu sagen. Sind die Bodefelsen kühner gestaltet, wilder, schroffer, aber durch das helle Buchengrün doch gleichsam warm abgetönt, so wird der Ernst der weniger jähen, aber immerhin trotzig und mehr in Einzelgestalten herausspringenden Okerfelsen durch das düstere Tannengrün der mächtigen Bergwände, von denen sie sich kräftig abheben, stimmungsvoll verstärkt: verschieden wie die Meisterwerke zweier großer Maler, aber gleich in ihrem bestrickenden Eindruck auf Sinn und Gemüt.
Auf der 14 Kilometer langen Strecke von Altenau bis zu dem großen Hüttenorte Oker, wo der Fluß in 210 Meter Meereshöhe in das Land tritt, hat er ein Gefälle von 1 : 52.
Goslar.