Zwischen dem Sudmerberg, auf dem eine alte Warte weithin die Straßen überblickt, und dem Petersberge, auf dem oberhalb der Klus, eines vom großen Christoph als Sandkorn aus dem Schuh geschütteten Felsen mit eingehauener Kapelle, die Grundmauern des Petersstiftes bloßgelegt sind, eilt der Innerste die beim Auerhahn entspringende Gose zu, nach der Goslar (Abb. [32]) seinen Namen führt.

Die erste Blütezeit dieser Kaiserstadt (die 979 zum erstenmale urkundlich genannt wird) schließt mit dem Ende der Staufer. Ihres Glanzes als Residenz nach und nach entkleidet, gewann sie doch bald unter den Städten der Hansa einen festen, Achtung gebietenden Stand. Von grundlegender Bedeutung war die Erlangung der vollen Selbständigkeit: im Jahre 1290 traten ihr die Grafen von Woldenberg die Reichsvogtei ab: an die Stelle des Woldenbergischen Dienstmannes trat nun der städtische Vogt, an die Stelle der Grafen selbst ein von der Stadt auf bestimmte Jahre gewählte Schutzherr; bald darauf ward auf Grund der von den Kaisern verliehenen Rechte und der alten Weistümer (Gerichtsentscheidungen) das Rechtsbuch entworfen, das als Goslarsches Recht in vielen Städten Eingang fand, so daß der Rat zu Goslar der Oberhof für ein ganzes Land wurde. Mit Geschick und Nachhaltigkeit wußte sie auch den freien Stiftern in und vor ihren Mauern wertvolle Rechte abzugewinnen und sich in den Besitz der vom Bergbau zu zahlenden Vogteigelder zu setzen. Ihren nach Flandern, Wisby und Nowgorod reichenden Handel schützte sie durch ihre Bündnisse mit den benachbarten Städten, durch ihre Freundschaft mit den Bischöfen von Hildesheim und den Herzogen von Braunschweig, durch Erwerbung des Pfandbesitzes der sie einengenden Burgen. Im Anfange des sechzehnten Jahrhunderts, wo sie Luthers Reformation annahm, hatte Goslar, eine „der acht fürnembsten von allen Erbarn- Frey- und Reichs-Städten“, den zweiten Höhepunkt der Entwickelung und Wohlstandes erreicht. Ihre Befestigungswerke waren verstärkt und Wälle und Türme mit grobem Geschütz reichlich ausgestattet. 40 gottesdienstliche Stätten zeugten vom frommen und wohlthätigen Sinne der Bürger.

Trotz und Übermut gegen ihren Bergherrn knickte die zweite Blüte der Stadt gewaltsam, brach ihre Macht für alle Zeiten. Im Jahre 1235 hatte Friedrich II. dem Herzog Otto dem Kinde den kaiserlichen Bergzehnten und damit das volle Bergregal erblich zu Lehen gegeben, und Ottos Sohn Albrecht als Bergherr 1271 die älteste Bergordnung des Harzes erlassen. 1375 waren dann Zehnten und Berggericht in den Pfandbesitz des Rates der Stadt gekommen, der mehrfach, zuletzt noch 1509, die Pfandsumme erhöhte, um die Einlösung zu erschweren. Der energische Heinrich der Jüngere aber, der eifrige Bergmann im Oberharz, kündigte der Stadt die Pfandschaft und zahlte die mit Hilfe der vermittelnden Städte Magdeburg und Braunschweig auf fast 25000 rheinische Gulden für seine Hälfte festgesetzte Pfandsumme trotz ihres Widerstrebens aus und ließ sich auch von seinem Vetter Philipp von Grubenhagen dessen Hälfte der Pfandschaft abtreten. Da weigerte sich die Stadt, den Herzog als Bergherrn anzuerkennen und seinem Berggericht sich zu fügen, stellte trotzig den ganzen Bergbau ein, ergriff die Waffen gegen den in Riechenberg lagernden Herzog und verwüstete am 22. Juli 1522 alle innerhalb der Landwehr belegenen geistlichen Stiftungen, das berühmte Petersstift, das reiche Kloster Georgenberg und die Kirche des heiligen Grabes. Doch gewann Goslar infolge der Verwickelungen des Herzogs in die großen Händel der Zeit und seiner Gefangennahme in der Schlacht bei Calefeld noch einmal eine kurze Frist. Im Jahre 1552 fand Heinrich endlich Zeit, mit Ernst gegen Goslar vorzugehen. Und so übermütig die Reichsstädter einige Jahrzehnte zuvor gewesen waren, so demütig zogen sie nun nach Riechenberg hinaus und baten um Frieden. In diesem Vertrage zu Riechenberg mußte der Rat mit seinen Zugeständnissen weit über das früher vom Herzog Geforderte hinausgehen, diesen auch zum Erbschutzherrn annehmen und ihm den größten Teil der Forsten abtreten. Mit der Selbständigkeit der Stadt war's für immer vorbei, und der Bergbau am Rammelsberge gehörte fortan den Herzögen von Braunschweig.

Abb. 71. Braunlage.
(Nach einer Photographie von F. Rose in Wernigerode.)

Zu Ende des dreißigjährigen Krieges, der auch noch den Handel der im Rückgange begriffenen Stadt lahm legte, war die Kämmerei tief verschuldet und die durch die Pest gezehntete Bürgerschaft entkräftet. Eine verheerende Feuersbrunst von 1728 führte zu weiterer Verarmung, so daß Goethe sie 1777 die vermodernde Reichsstadt und der spätere Minister von Schön, der sie 16 Jahre nach der Feuersbrunst von 1780 sah, die 244 Gebäude in Asche legte, sie „einen sehr kleinen, traurigen, menschenleeren Ort“ mit einem Magistrat von 99 Personen (wobei er die 55 Gildevertreter mitzählt) nennen konnte. Die Käuflichkeit ihrer Justiz war sprichwörtlich, die in hohem Grade verarmte Bürgerschaft wurde vom kleinlichsten Zunft- und Kastengeist beherrscht.

Der Übergang an Preußen im Jahre 1802 legte den ersten Grund zu neuem Aufschwung: die Landstadt Goslar erhielt das bedeutende Vermögen der reichsunmittelbaren Stifter zugewiesen, das die Reichsstadt niemals besessen hatte, und erhielt ein geordnetes Kirchen- und Schulwesen. In der zweiten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts begann dann die Stadt, namentlich nach ihrem Anschluß an das Eisenbahnnetz, sichtbar fröhlich aufzublühen; und wie der wiedererwachte Sinn für Geschichte und Altertumskunde ihr jährlich einen starken Strom wißbegieriger Reisenden zuführt, so veranlaßt ihre schöne und gesunde Lage gar manchen auch zu dauernder Niederlassung. Sie hat jetzt 16400 Einwohner.

Unsern Rundgang durch die Stadt, die uns noch immer ein gut Stück mittelalterlicher Baukunst vorführt, beginnen wir beim Bahnhofe. Zwischen dem „Achtermann“ aus dem Jahre 1500, einem der vier mächtigen Zwinger des Rosenthores, und dem Kloster Neuwerk, dessen malerisch im wohlgepflegten Klostergarten belegene Kirche, eine zweitürmige romanische Pfeilerbasilika mit Querhaus, um das Jahr 1200 erbaut ist, gelangen wir durch die enge Fischmäkerstraße auf den von zwei Seiten durch hochinteressante Häuser eingeschlossenen Marktplatz.