Am wirkungsvollsten ist die 1494 als Gildehaus der Gewandschneider erbaute Wort (jetzt Hotel Kaiser-Wort) mit einem auf konsolenartigem Unterbau vorspringenden achteckigen Mittelturm und vier erkerartigen Ausbauten. Die acht hölzernen — vom Spötter Heinrich Heine mit gebratenen Universitätspedellen verglichenen — aus Holz verfertigten lebensgroßen Figuren, welche in gotischen Nischen zwischen den rechteckigen Fenstern stehen, werden gewöhnlich als acht um Goslar verdiente Kaiser, vom Professor Küsthardt aber als „die acht guten Helden“ angesprochen.

Abb. 72. Hermannshöhle. Blaue Grotte.
(Nach einer Photographie von F. Rose in Wernigerode.)

Das Rathaus, in Heines Augen nur „eine weiß angestrichene Wachtstube“, besteht aus einer Gruppe einen kleinen Lichthof einschließender Gebäude aus dem fünfzehnten und sechzehnten Jahrhundert, deren Frontseite auf einem von achteckigen Pfeilern getragenen Bogengange mit Kreuzgewölbe ruht (Abb. [31]). Durch die ehemalige Gerichtslaube betreten wir die „Rathausdiele“, den alten Huldigungssaal; von ihren alten Kronleuchtern trägt einer der aus Hirschgeweihen gefertigten die schöne Inschrift:

O goslar, du bist togedan
Den hilgen romesken rike
Sunder middel (d. i. Falsch) unnd wane,
Nicht macstu darvon wiken.

Das jetzt Huldigungszimmer genannte Zimmer mit reichem, wertvollem Bilderschmuck an Wand und Decke, welcher die Weissagungen vom Messias im Heidentum durch die Sibyllen, im Judentum durch die Propheten und die durch die Evangelisten bezeugte Menschwerdung Christi zum Grundgedanken hat, wird die alte Ratskapelle sein; es enthält wertvolle Urkunden und Altertümer, darunter ein prachtvolles, mit farbenschönen Miniaturen geziertes Evangelienbuch aus dem dreizehnten Jahrhundert, und in der kleinen Altarconcha, deren Gemälde Christi Leiden und den Heiland als Weltenrichter darstellen, besonders die silberne Bergkanne, eine ausgezeichnete Arbeit aus dem Jahre 1477. — Das wunderlichste Baudenkmal ist das vom Magister Thalling 1521 erbaute Brusttuch, ein Patrizierhaus mit trapezförmiger Grundfläche und völlig windschiefem Dache, Glasmalereien an den gotischen Fenstern und reichem Schnitzwerk — Ornamenten, Figuren und phantastischen Gestalten — an Schwellen, Ständern und Konsolen. Zierlicher und anmutiger ist das 1557 erbaute Bäckergildehaus.

Abb. 73. Treseburg.
(Nach einer Photographie von F. Rose in Wernigerode.)