Abb. 74. Bodekessel.
(Nach einer Photographie von F. Rose in Wernigerode.)

Kaiserhaus in Goslar.

Durch die Breite Straße, die noch hübsche alte Häuser mit Erker und vorgekragtem Obergeschoß und geschnitzten Balkenköpfen aufzuweisen hat, gelangen wir an das Breite Thor mit seinen vier starken Türmen und über den Annenwall mit seinen Teichen und alten Ulmen an dem 1517 erbauten dicken Zwinger, der in seinen sechs Meter starken Mauern drei Reihen Geschütze und 1000 Bewaffnete aufnehmen konnte, vorüber auf das Kaiserbleek. Von dem 1819 für 4515 Mark auf Abbruch verkauften herrlichen Dome ist nur die um 1200 angefügte Vorhalle (Abb. [33]) mit dem sogenannten Krodoaltar, einem aus niedersächsischer Gießerei hervorgegangenen tragbaren Altar, und andre von Kaisererinnerungen umwehte Andenken erhalten. Aber das einst zum Schauspielhause entweihte, dann glücklicherweise als Kornmagazin benutzte Kaiserhaus (vergl. Abb. [3]), in dessen Thronsaale einst der Sachsen, Salier und Staufer ruhmreicher Schild hing, blickt als ein Wahrzeichen der Einigung unseres Volkes wieder hoch und stolz auf die alte Stadt herab, und wieder prangt in dem 48 Meter langen großartigen Reichssaale der auf vier steinernen Kugeln ruhende metallne Kaiserstuhl, — im Anfange dieses Jahrhunderts für 28 Thaler meistbietend verkauft, hat ihn das Vermächtnis des verewigten Prinzen Karl auf seinen alten Platz zurückgestellt.

Die herrlichen Wandgemälde von der Hand des Professors Wislicenus zu beschreiben, fehlt hier der Raum; ich muß mich auf Andeutung des Grundgedankens beschränken. Das große Mittelbild der Westwand stellt in koloristischer und dekorativer Vollendung und genialer Komposition die Wiedergeburt des Deutschen Reiches im Jahre 1871 dar: Germania mit dem Antlitz der edlen Königin Luise reicht dem siegreich heimkehrenden Kaiser Wilhelm dem Großen am Triumphbogen die Kaiserkrone dar (Abb. [34]). Die sechs Hauptbilder derselben Wand, jedes mit zwei Predellen, veranschaulichen sechs Akte eines Dramas, die Geschichte des ersten Kaisertums von Heinrich II. bis Friedrich II.: Heinrich II. wird in der Peterskirche gekrönt, Heinrich III. führt den Papst Gregor VI. gefangen über die Alpen, Heinrich IV. büßt zu Canossa, Friedrich I. demütigt sich vor Heinrich dem Löwen, Friedrich I. siegt bei Ikonium, Friedrich II. empfängt in Palermo eine arabische Gesandtschaft. Die acht Nebenbilder derselben Wand behandeln im engen Anschluß an die Hauptbilder die Geschichte des Kaiserhauses.

Die Gemälde der Südwand, drei größere (Karl der Große zerstört die Irmensäule [Abb. [35]], Karls des Großen Sieg über die Sachsen, seine Krönung zu Rom, Wittekinds Taufe) mit drei Predellen bilden den Prolog, die der Vorderwand (Luther zu Worms [Abb. [36]], die schmalkaldischen Bundesgenossen empfangen zusammen das heilige Abendmahl, Karl V. in St. Just) den Epilog zum Schmuck der Hauptwand; und die Fensterwand ist Darstellungen aus dem Märchen (Dornröschen) und der Sage (Barbarossa) gewidmet.

Von dem Teil des Kaiserhauses, der die kaiserlichen Wohnräume enthielt, hat nur ein Stück der Grundmauer bloßgelegt werden können, dagegen ist die an sie grenzende, ehemals zur Feldhüterwohnung erniedrigte St. Ulrichskapelle, ein Meisterstück architektonischen Erfindungsgeistes, denn sie bildet unten ein griechisches Kreuz, oben ein Achteck, wieder zu Ehren gebracht, so daß sie dem Herzen und den Eingeweiden des großen Kaisers Heinrich III. eine würdige Ruhestätte gewährt. Dem Kaiserbeet ist jüngst durch die bronzene Reiterstatue Barbarossas (von Toberentz) und das gleichfalls bronzene Standbild Wilhelms des Großen (von Schott) ein prächtiger Schmuck zu teil geworden.