Abb. 76. Hexentanzplatz, vom Hirschgrund gesehen.
(Nach einer Photographie von F. Rose in Wernigerode.)
Die erste urkundliche Nachricht über Bergbau „am Andreasberge“ ist aus dem Jahre 1487, aber zu rascher Entwickelung gelangte es erst im Jahre 1521, als am Beerberge in einer Klippe ein handbreiter Gang mit Glanzerz und reichhaltigen Nestern Rotgülden erschürft wurde, so daß die Grafen von Hohnstein sich beeilten, für ihr Gebiet die erste Bergfreiheit zu erlassen; Stadtrechte erhielt der Ort anscheinend schon 1535. — In fieberhaftem Eifer drängten sich Gewerken und Bergleute herzu, um des gepriesenen Dorado Schätze zu heben, aber gar bald folgte eine gewaltige Ernüchterung. Wohl wurden 116 Gruben aufgenommen, aber in den acht Jahren 1542 bis 1549 zahlte nur eine einzige Ausbeute, und zwar auch nur einmal einen Thaler auf den Kux. Am Ende des Jahres 1577 waren nur noch 39 Gruben, von denen aber 37 Zubuße erforderten, im Betriebe, und 40 Häuser standen unbewohnt und unverkäuflich; zu Anfang des dreißigjährigen Krieges gingen die beiden letzten Gruben ein, und die Silberhütte ward abgebrochen. Unsäglich war das Elend in der verarmten Stadt. Und doch war ihr noch einmal eine Blütezeit beschieden: in den Jahren 1700 bis 1730 betrug die jährliche Ausbeute durchschnittlich 60000 Mark. Von da aber ging's erst allmählich, dann immer rascher abwärts, zumal 1796 eine Feuersbrunst 249 Wohnhäuser in Asche legte. Doch geht der Bergbau noch heute auf der Grube Samson in vier Schächten mit Vorteil um, und trotz deren bedeutender Teufe gibt es noch viel unverritztes Feld für die Zukunft. Die Silberhütte, welche mit dem Bahnhofe 3¼ Kilometer von der Stadt entfernt liegt, verarbeitet neben den bei Andreasberg gewonnenen namentlich südamerikanische Kauferze. Nicht unbedeutenden Erwerb gewährt den Andreasbergern die Kanarienvogelzucht, mehr Geld aber noch bringen ihnen die Sommerfremden, deren Zahl etwa 5000 jährlich beträgt. Den schönsten Blick auf die Stadt hat man von der Jordanshöhe. Sankt Andreasberg hat 3800 Einwohner.
Die starke Gliederung der Andreasberger Berglandschaft ist gleichsam ein Verdienst der Sieber mit ihren Zuflüssen und des Flußsystems der Oder: durch die Furchen, die sie in das Gelände, dieses in Einzelberge auflösend, gezogen, haben sie die große Mannigfaltigkeit geschaffen, die wir bewundernd betrachten.
Die Oder hat ihre Quellen bereits auf dem Brockenfelde. Nachdem sie ihre Wasser im Oderteiche gesammelt und den größten Teil derselben der Stadt Andreasberg zugesandt hat, um ihn später durch die Sperrlutter zurückzuhalten, rauscht sie zwischen dem Rehberge (894 Meter) und dem Königsberge in starkem Gefälle, bis zur Forstkolonie Oderhaus das unbekannteste der prächtigen Harzthäler bildend, gen Süden, geht unter dem Jagdkopfe in südwestliche Richtung über und verstärkt sich bei Lauterberg (d. i. Lutterberg) durch die Lutter (Abb. [39] u. [40]).
Lauterberg. Burg Scharzfels.
Die Burg, unter deren Schutze der gleichnamige Flecken sich bildete, stand auf dem 421 Meter hohen Hausberge, einem schön geformten, mit Buchen bewaldeten Kegel. Zuerst im Jahre 1190 erwähnt, gehörte sie einem Zweige der Grafen von Scharzfeld, den Grafen von Lutterberg, als welfisches Lehen. Der Ort verdankte sein rasches Wachstum dem regen Bergbau, und als dieser erlosch, übernahm 1839 die Kaltwasserheilanstalt des Dr. Ritscher, dem ein Denkmal auf dem Scholm errichtet ist, nachhaltiger die Entwickelung des jetzt 5300 Einwohner zählenden Fleckens; aus den 170 Kurgästen des ersten Jahres sind inzwischen 5000 geworden.
Aber die Umgebung Lauterbergs, das nicht wie Herzberg, Osterode und Seesen am Harzrande liegt, sondern sich so in das Oderthal hineinpreßt, daß es auf drei Seiten hohe Berge hat, ist auch wunderschön. Alle diese Höhen, der Hausberg, der Kummel (601 Meter), der Scholm (572 Meter) bieten prächtige Aussicht, hier ein weithin Berg und Land umfassendes Vollbild, dort gleichsam einen eingerahmten Ausschnitt aus dem großen Gemälde. Über den idyllisch in Buchengrün und Wiesenflor gebetteten Wiesenbeeker Teich (Abb. [41]), der seine Wasser der Königshütte liefert, und die Hohe Thür mit ihrem Durchblick auf die ruinenartige zackige Felsgruppe des Römersteins, den Sagen von Riesen und Zwergen umspielen, führt uns der Weg auf den Ravensberg; über den Hassenstein ersteigen wir den Stöberhai, den höchsten Punkt der Wasserscheide zwischen Weser und Elbe, mit seinem bezaubernd schönen Blick über die Tiefe des Oderthales hinaus auf die Riesen des hohen Harzes, den Acker und Rehberg, den Wurmberg und die Achtermannshöhe, denen der Brocken und die Hohneklippen über die Schulter sehen; und auch der Große Knollen liegt für den rüstigen Wanderer nicht zu fern.
Auf dem schattigen Philosophenwege wandern wir nun, der rauschenden Oder folgend, dem Dorfe Scharzfeld zu, das mit einer Felsenburg, einer Tropfsteinhöhle und einer Felsenkirche dreifach anzieht.
Burg Scharzfels.
Die Burg Scharzfels (Abb. [42]), eigentlich Scharzfeld, zu der wir 120 Meter hoch durch Buchenhochwald hinaufsteigen, wird zuerst 1130 genannt. 1157 gab Friedrich Rotbart sie Heinrich dem Löwen gegen das Schloß Baden in Tausch, und die Grafen von Scharzfeld wurden damit Lehnsmannen des Welfen. Nach ihrem Erlöschen traten die Grafen von Hohnstein an ihre Stelle; und nach dem Tode des letzten dieses Geschlechts fiel 1590 die Grafschaft Scharzfeld-Lauterberg, in der die Bergstadt Andreasberg entstanden war, an die Welfen, und zwar zunächst an die Herzöge von Grubenhagen, zurück.