Mariamne.
Ich bin dir Ehrfurcht schuldig, und ich möchte
Sie nicht verletzen, darum halte ein!
Ich könnte sonst—
Alexandra.
Was könntest du?
Mariamne.
Mich fragen,
Wer schuld ist an der Tat, ob der, der sie
Vollbrachte, weil er mußte, oder die,
Die sie ihm abdrang! Laß den Toten ruhn!
Alexandra.
So sprich zu einer, die ihn nicht gebar!
Ich trug ihn unterm Herzen, und ich muß
Ihn rächen, da ich ihn nicht wecken kann,
Daß er sich selber räche!
Mariamne.
Räch ihn denn,
Doch räch ihn an dir selbst! Du weißt recht gut,
Daß es der Hohepriester war, der rings
Vom Volk Umjauchzte, selbst schon Schwindelnde,
Und nicht der Jüngling Aristobolus,
Der gegen sich hervorrief, was geschah.
Wer trieb den Jüngling nun, das sag mir an,
Aus seiner Selbstzufriedenheit heraus?
Es fehlt' ihm ja an bunten Röcken nicht,
Die Blicke schöner Mädchen anzuziehn,
Und mehr bedurft' er nicht zur Seligkeit.
Was sollt' ihm Aarons Priestermantel noch,
Den du zum überfluß ihm überhingst?
Ihm kam von selbst ja kein Gedanke drin,
Als der: wie steht er mir? Doch andre hielten
Ihn seit dem Augenblick, daß er ihn trug,
Fürs zweite Haupt von Israel, und dir
Gelang es bald, ihn selbst so zu betören,
Daß er sich für das erste, einz'ge hielt!
Alexandra.
Du lästerst ihn und mich!
Mariamne.
Ich tu es nicht!
Wenn dieser Jüngling, der geboren schien,
Der Welt den ersten Glücklichen zu zeigen,
Wenn er so rasch ein dunkles Ende fand,
Und wenn der Mann, der jeden andern Mann,
Wie er sein Schwert nur zieht, zum Weibe macht,
Wenn er—ich weiß nicht, ob er's tat, doch fürcht' ich's;
Dann tragen Ehrsucht, Herrschgier, zwar die Schuld,
Doch nicht die Ehrsucht, die der Tote hegte,
Und nicht die Herrschgier, die den König plagt!
Ich will dich nicht verklagen, mir geziemt's nicht,
Ich will dafür, daß du uns ein Gespenst,
Ein blut'ges, in die Ehekammer schicktest,
Von dir nicht eine Reueträne sehn,
Obgleich wir nie jetzt mehr zu zweien sind,
Und mir der Dritte so den Sinn verstört,
Daß ich verstumme, wenn ich reden sollte,
Und daß ich rede, wenn zu schweigen wär';
Ich will nicht einmal deinen Rachedurst
Ersticken, will nicht fragen, was du rächst,
Ob deine Pläne oder deinen Sohn:
Tu, was du willst, geh weiter, halte ein,
Nur sei gewiß, daß du, wenn du Herodes
Zu treffen weißt, auch Mariamne triffst;
Den Schwur, den ich zurückhielt, als er scheidend
Ihn foderte, den leist ich jetzt: Ich sterbe,
Wenn er stirbt. Handle denn und sprich nicht mehr!
Alexandra.
So stirb! Und gleich! Denn—
Mariamne.
Ich verstehe dich
Und deshalb glaubtest du, ich brauchte Trost?
O nein! Du irrst! Es schreckt mich nicht,
Wenn das Gesindel, das die Auserwählten
Nur, weil sie menschlich-sterblich sind, erträgt,
Ihn mit dem Mund schon totgeschlagen hat.
Was bleibt dem Sklaven übrig, wenn der König
In Pracht und Herrlichkeit vorüberbraust,
Als sich zu sagen: Er muß dran, wie ich!
Ich gönn ihm das! Und wenn er an den Thron
Ganz dicht ein Schlachtfeld rückt mit tausend Gräbern,
So lob ich's, es erstickt in ihm den Neid!
Doch, daß Herodes lebt und leben wird,
Sagt mir mein Herz. Der Tod wirft einen Schatten,
Und der fällt hier hinein!
Vierte Szene