Ich war jeden Morgen auf der Parade, und fand die Truppen sehr schön, groß und gut gebaut. Sie handhaben ihre Waffen, die übrigens sehr gut sind, vortrefflich, exerzieren so regelmäßig, daß kaum eine Uhr besser gehen kann, und marschiren und schwenken sehr gut. Ihre Uniformen, blaue Röcke mit rothen Aufschlägen und gelber Weste, sind neu und rein. Wenn der Rest so gut ist, so können wir uns zu einem ausgezeichneten Handel Glück wünschen. Das andere Regiment steht noch in Bayreuth. Die Leute sollen nicht so groß, aber sonst ebenso tüchtig sein. Einige österreichische Offiziere sagten mir, sie seien sogar besser. Beide Regimenter werden am 28. Februar marschfertig sein; sie haben nur zwei bis drei Tage nach Stefft am Main, wo sie nach Dortrecht eingeschifft werden sollen. Die Wasserreise dauert etwa fünfzehn Tage.“
Das Bayreuther Regiment verließ zur festgesetzten Stunde, am 28. Februar seine Garnison und marschirte über Streitberg, Muggendorf, Bayersdorf, Fürth und Heilsbronn nach Anspach, wo es am 4. März eintraf. Vom ersten Nachtquartier Muggendorf an wurden „aus Vorsicht (um die Desertion zu verhindern) beide Orte, Muggendorf und Streitberg, mit Feldmiliz und Landjägern entourirt und die ausgestellten Posten durch Husaren-Patrouillen visitirt.“ Auf dem Wege durch Bayersdorf fand sich der Bambergische Husaren-Rittmeister v. Gravenreuth ein, und meldete, daß er Ordre habe, nach den Befehlen des Kommandeurs seine Husaren dergestalten zu detachiren, daß alle Desertion in das Bambergische desto besser verhindert werde. Serenissimus kam dem Regiment bis Kloster Heilsbronn entgegen. Am 5. März war in Anspach Rasttag und große Tafel von achtzig Couverts bei Hofe. Sämmtliche Offiziers speisten mit den gnädigen Herrschaften und hatten die Gnade, vor der Tafel der Frau Markgräfinn Durchlaucht die Hand küssen zu dürfen. Serenissimus zeigten jedem Offizier außerordentlich viel Gnade.“ Am 7. März marschirten das Anspacher und Bayreuther Regiment mit den Jägern von Anspach ab, erreichten am 8. Uffenheim und am 9. Ochsenfurt am Main. Statt in Stefft sollten sie hier in die Mainboote umgeschifft werden, als ein Aufstand unter ihnen ausbrach, der nur durch die Geistesgegenwart des in aller Eile herbeigekommenen Markgrafen unterdrückt werden konnte. „Am 9. d.M. entstand — heißt es in einem Bericht des Hamburger Korrespondenten vom 18. März 1777 — unter gewissen, auf der Reise nach England begriffenen deutschen Kriegsvölkern ein Aufstand, welcher gefährliche Folgen hätte nach sich ziehen können, wenn nicht noch in derselben Nacht der Landesherr selbst in aller Eile bei den Schiffen persönlich angekommen wäre, und durch seine hohe Gegenwart die Völker in Gehorsam zu halten vermocht hätte. Indessen war es dennoch zu solchen Thätlichkeiten gekommen, daß ein Mann getödtet und fünf verwundet worden sind, dreißig andere aber sich davon zu machen Gelegenheit gefunden haben. Die Herren Kriegskommissarien, welche ihres Lebens nicht sicher gewesen, mußten in einer benachbarten Stadt ihre Zuflucht suchen.“
Lassen wir noch einen Augenzeugen die Ereignisse dieses Tages erzählen:
„Wir marschirten durch Ochsenfurt, welches dem Bischof von Würzburg gehört — schreibt Johann Conrad Doehla, Soldat im Bayreuthischen Regimente von Voit, in seinem Tagebuche — und wurden da am Abend des 9. März das erste Mal eingeschifft und hielten da vor Anker über Nacht auf dem Main. Weil wir nun dieses Quartier noch nicht gewohnt waren und sehr wenig Platz war auf den Schiffen, indem wir sehr dichte zusammenlagen und der häufige Schiffsrauch uns sehr beschwerlich war, auch war es ziemlich kalt: Dieses alles gab daher Gelegenheit zum Raisoniren an die Hand und erstunde auch Tags darauf ein ganzer Aufstand und Rebellion nemlich. Zu Früh mit Tagesanbruch machte das Anspacher Regiment den Anfang dazu, indem da ein Schiff von ihnen nahe am Lande vor Anker lag, so legten sie ein lang Brett vom Schiff an's Land hinaus, und gingen alle aus diesem Schiff an's Land heraus, zogen hernach mehr Schiffe zu Lande; auch eines vom Bayreuther Regiment. Unsere Leute stimmten auch diesem Unternehmen bey und brachen mit Gewalt und ohne Erlaubniß der Herrn Offiziere aus den Schiffen; so daß in einer Stunde kein Soldat von den zwei Regimentern mehr in Schiffen anzutreffen war; alles war in der größten Furie aufgebracht. Und obgleich die beiden Herrn Obristen und Commandanten, sammt allen Offizieren, sowohl gute als böse Worte und alle Mittel hervorsuchten, um die Leute wieder zufrieden zu stellen, auch Brod, Fleisch und andere Victualien nebst Holz häufig aus der Stadt herbeischaffen ließen, um damit die Leute kochen sollten, und wann die Leute gegessen und getrunken hätten, wiederum zu Schiffe sich begeben, so half doch dieses alles im Geringsten nichts, sondern der viele Wein, den die Einwohner von Ochsenfurt häufig herbei brachten, machte, daß die Soldaten noch furiöser wurden und auf keinen Offizier nichts mehr gaben, ein Jeder ließ sich verlauten, nicht mehr in's Schiff sich nöthigen zu lassen. Daher gegen Mittag hin die Leute sich stark gegen den überliegenden Bergen zu wanderten und in ihrer Tollheit und Betrunkenheit den Reisaus nahmen. Es wurde daher das Jäger-Corps befehligt, sich gegen die Anhöhen auszupostieren und Schreckschüsse auf die rebellierenden Ausreisser zu thun. Allein unsere Leute gaben auch Feuer auf die Jäger. Es wurden daher einigen Leuten von den unßerigen die Beine blessirt, die Rebellion gab daher Anlaß, daß die Stadt gesperrt wurde und die Zugbrücken aufgezogen wurden, weil sich die Bürger bei dergleichen Aufruhr nichts Guts versahen, es wurde faßt auf zwei Stunden gegen einander gefeuert, und weil endlich die Jäger einige von uns blessirten, so gab es auch Anlaß zu einer großen Antipathie zwischen uns und ihnen, so auch einige Jahre noch in Amerika fort dauerte. Endlich gegen Abend hin, als der Wein den Leuten etwas aus den Köpfen gekommen war, so wurden sie doch wieder etwas zufriedener, es wurde auch von dem Herrn Obrist v. Eyb als Chef vom Anspacher Regiment die Versicherung ertheilt, daß wir wieder Uffenheim gingen; dieses veranlaßte, daß die Regimenter sich wieder in Ordnung stellten, und endlich auf vieles Zureden, von denn Herrn Offizieren in Zufriedenheit und Ruhe gebracht wurden. Es waren bei diesem Aufstande gegen 40 Mann von unsern Bayreuther Regimente echappiret. Daher wurde auch sogleich ein Expresser nach Anspach abgeschickt, um von diesen Vorgegangenen allen Ihro hochfürstlichen Durchlaucht zu rapportiren. Dieser sobald er Nachricht bekam, machte sich sogleich mit einigen Begleitern zu Pferd in der Nacht auf den Weg und kam mit höchster Bestürzung ganz schleunig. In aller Frühe kam der Markgraf bei uns an, unsere zwei Regimenter wurden sogleich aufgestellt, und der Markgraf ging Mann für Mann durch und fragte einen jeden, was seine Einwendungen wären und versprach dabei alle Gnade und Fürstengunst alle denen, die mit nach Amerika in englischen Solde gehen würden, die so aber nicht wollten mit hinein, sollten heraustreten und dagegen aber ihres Vermögens sammt ihren Vaterlande und aller fürstlichen Gnade verlustigt sein. Hierauf sind wir beide Regimenter wieder eingeschiffet.“
Der Markgraf, für den ein so gewinnreiches Geschäft auf dem Spiele stand, stellte sich mit der gespannten Büchse in der Hand und in seine Wildschur gehüllt, selbst auf das Mainschiff, um jeden Erneuerungsversuch der Flucht zu verhindern, was ihm denn mit Hülfe würzburgischer Husaren auch gelang. Ja Serenissimus, bei dessen Erblickung der rechtschaffene Soldat Freudenthränen vergoß und seinen Marsch mit Ruhe antrat (wenn wir anders jenem Berichte des Hamburger Korrespondenten glauben dürfen) beschloß der größern Sicherheit wegen, seine Truppen jetzt nicht mehr außer Augen zu lassen, und sie den Main und Rhein hinunter bis zu ihrer Einschiffung in Holland zu begleiten. So schnell war er von Anspach weggeeilt, daß er seine Uhr auf dem Tische liegen gelassen und nicht einmal Kleider mitgenommen hatte, so daß er sich vom Erbprinzen von Hanau reine Wäsche und Hemden borgen mußte.
Diese Meuterei, so unbedeutend sie an sich auch war, verursachte eine gewaltige Aufregung unter den kleinen deutschen Fürsten und im englischen Ministerium. Beide Theile fürchteten, daß dieser Geist der Unzufriedenheit und offenen Widersetzlichkeit leicht um sich greifen, also zukünftigen Aushebungen hindernd in den Weg treten könne. „Die Revolte der Anspacher — meldet der englische Gesandte Cressener am 17. März an Suffolk — konnte nur durch die freundliche Hülfe der Truppen des Fürstbischofs von Würzburg gedämpft werden. Der Markgraf erzählte mir gestern beim Essen, wie sehr er diesem zu Dank verpflichtet sei. Die Anspacher sind lauter schöne Leute; wenn sie nur nicht so abgeneigt wären, nach Amerika zu gehen!“ „Bedanken Sie sich im Namen Ihres Hofes beim Fürstbischof von Würzburg für seine uns bei der Niederwerfung des Aufstandes der Anspacher gewährte Unterstützung“, antwortete Suffolk.
„Die Meuterei in Ochsenfurt — schrieb Graf Wartensleben aus Mainz am 16. März an Cressener — brach, so viel ich hörte, aus, weil das Regiment Bayreuth sich nicht von den Jägern transportiren lassen wollte, weil die Schiffe zu eng waren und zu stark rauchten. Der Bischof von Würzburg schickte ein Korps Husaren und ein Dragoner-Regiment. Das half.“
Faucitt meldete am 17. April, daß der Aufstand so schlimm nicht gewesen sei. Die Offiziere hätten gleich drein hauen sollen, statt zu viel Nachsicht zu beweisen. Eine gute Disziplin werde die frechen Burschen schon mürbe machen, man solle beide Regimenter in Amerika zu besonders schwerem Dienst verwenden. „Der Markgraf bekannte mir — fuhr er am 24. April fort — daß er bei jener Ochsenfurter Meuterei 18 bis 20 Mann durch Desertion verloren habe, eine keineswegs große Zahl, wenn man die hier zu Lande überwiegende Parteilichkeit für die Amerikaner und die Vortheile bedenkt, welche österreichische und andere Werbe-Offiziere aus diesem Stande der öffentlichen Meinung für ihre eigenen Zwecke ziehen. Es ist mir kaum möglich, Ew. Lordschaft einen nur annähernden Begriff von der hierorts herrschenden gehässigen Abneigung gegen England und von den Bemühungen zu geben, welche von übelgesinnten Menschen angewandt werden, um die Soldaten von dem englischen Dienste abzuschrecken. Des Markgrafen kluges und beherztes Handeln und seine Begleitung der Truppen bis zum Hafen vereitelte jedoch die schändlichen Absichten dieser Schurken. Leider werden wir aber aus Franken in diesem Jahre schwerlich neue Truppenlieferungen erhalten, umsoweniger als der Markgraf entschlossen ist, in Zukunft keine Rekruten mehr aus seinem eigenen Lande, sondern nur Fremde anzuwerben.“
Die Anspacher Soldaten fügten sich übrigens fortan der auf's Strengste gegen sie gehandhabten Disziplin und machten weder auf der Reise, noch in Amerika einen weitern Aufstandsversuch, der beste Beweis dafür, daß die Ochsenfurter Meuterei nur das Ergebniß einer augenblicklichen Aufwallung, wenn nicht einer trunkenen Stimmung war. Die Deutschen jener Zeit fühlten eben in ihrer großen Mehrzahl nicht das an ihnen begangene Verbrechen. So ging denn auch dieses Ereigniß ziemlich unbemerkt vorüber. Nur eine einzige Ausnahme findet sich in den Gemmingenschen Manual-Akten. Es ist ein pseudonymer Brief, den ein angeblicher Hans Fürstenfeind an „Ihro Durchlauchten, den Herrn Markgraf zu Brandenburg-Anspach &c. zu Anspach“ schrieb. Der Inhalt entsprach nicht der geschäftsüblichen Anrede; er lautet wörtlich:
„Durchlauchtiger Barbar, Gnädiger Menschen Verkäufer!